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Artikel und Hintergründe zum Thema

Mensch und digitale Fabrik

Andreas Mühlbauer,

„Alle Mitarbeitenden sind wertvoll“

Mensch und Digitalisierung – Symbiose oder auch Konfliktpotenzial? Darüber sprach Andreas Mühlbauer mit Tobias Adlon, Oberingenieur und Leiter der Abteilung Fabrikplanung am WZL der RWTH Aachen.

Tobias Adlon, Oberingenieur und Leiter der Abteilung Fabrikplanung am WZL. © Bild: WZL

Wie sehr beeinflusst die Digitalisierung in der Produktion das Arbeitsumfeld heute bereits?
Nicht erst seit dem ersten öffentlichen Ausruf des Begriffs „Industrie 4.0“ vor ziemlich genau 10 Jahren auf der Hannover Messe wird die Digitalisierung in der Produktion intensiv diskutiert, erprobt und umgesetzt. Die meisten Unternehmen beschäftigen sich schon lange mit der Digitalisierung ihrer Fabriken. In der Umsetzung beobachten wir jedoch große Unterschiede. Die operativen Prozesse in Planung und Produktion laufen nicht selten noch manuell oder papierbasiert ab, obwohl marktreife digitale Lösungen verfügbar sind. Hindernisse für viele Verantwortliche sind enge Vorgaben zu Amortisationsdauer und Rentabilität, fehlende personelle Kapazitäten oder notwendige infrastrukturelle Voraussetzungen wie leistungsfähige Datenleitungen und -netze. Es gibt aber auch Vorreiter, bei denen zum Beispiel digitale Werkerassistenzsysteme oder vernetzte Schraubtechnik an den Montagelinien schon lange gängige Praxis sind. Die Digitalisierung ist allgegenwärtig – wenn nicht bereits in den operativen Prozessen, dann zumindest in den Köpfen, Gesprächen und Strategiepapieren.

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Sehen Sie Arbeitsplätze in Gefahr – insbesondere in weniger qualifizierten Bereichen, wo sich auch eine Zusatzqualifikation schwierig gestaltet?
Zunächst müssen die zwei Themen Digitalisierung und Automatisierung unterschieden werden. Die Digitalisierung führt primär zu mehr datenbasierter Transparenz und ermöglicht, zum Beispiel durch die Anwendung von maschinellem Lernen, vielfältige Auswertungen und Vorhersagen. Automatisierungslösungen hingegen können bestimmte Prozesse übernehmen oder erleichtern. Differenzieren müssen wir hierbei wiederum physische und kognitive Arbeitsschritte. Während Fahrerlose Transportsysteme beispielsweise manuelle Staplerfahrten ersetzen, unterstützen intelligente Assistenzsysteme mit Arbeitsanweisungen für selten montierte Produktvarianten.

Um nun auf Ihre Frage zurückzukommen, haben zwei Aspekte aus meiner Sicht einen entscheidenden Einfluss. Zunächst machen der demographische Wandel und der zunehmende Fachkräftemangel jeden einzelnen Mitarbeitenden wertvoll. Darüber hinaus ist die Produktivität und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Deutschland essenziell für den Fortbestand vieler Arbeitsplätze in Produktion und Logistik. Und die Digitalisierung leistet hierzu einen maßgeblichen Beitrag. Zukünftig lassen sich viele Tätigkeiten mit einem vermeintlich geringeren Anforderungsprofil durch Digitalisierungstools und -lösungen auf ein höheres Niveau heben, beispielsweise durch intelligente Assistenzsysteme und Entscheidungshilfen. Aus meiner Sicht bringt die Digitalisierung keine Arbeitsplätze in Gefahr – ganz im Gegenteil, keine oder eine zu langsame Digitalisierung gefährden die Wettbewerbsfähigkeit und damit Arbeitsplätze.

Wie wird die Digitalisierung das Arbeiten der Menschen in Fabriken künftig beeinflussen; wie wird sich der Arbeitsalltag ggf. verändern?
Trotz der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung werden viele manuelle Tätigkeiten bestehen bleiben, unter anderem in Produktionsbereichen wie der Montage. Der Mensch ist nach wie vor die flexibelste und wichtigste Ressource in der Produktion und wird es mittelfristig auch bleiben. Dennoch werden intelligente Planungs- und Steuerungssysteme sowie automatisierte Betriebsmittel viele Prozesse autonom ablaufen lassen und damit die Rolle des Menschen in der Fabrik verändern. Der Mensch wird verstärkt zum Überwacher, Anforderungsmanager und Problemlöser. Mittels künstlicher Intelligenz und Machine Learning lassen sich heute bereits große Datenmengen auswerten und für den Menschen nicht erfassbare Zusammenhänge erkennen. Letztlich bewegen sich diese Lösungen allerdings in einem vom Menschen vordefinierten Muster. Gibt es beispielsweise Störungen, haben diese nicht selten den Stillstand einer kompletten Produktionslinie zur Folge. Oftmals ist das vorliegende Problem nicht vorhersehbar und muss individuell und zeitnah durch den Menschen gelöst werden. Solange Maschinen nicht in der Lage sind, übergreifend Muster zu erkennen und unvorhersehbare Situationen selbstständig zu lösen, bleibt der Mensch unverzichtbar. Kurz- bis mittelfristig wird der Fokus darauf liegen, die Mitarbeiter möglichst individuell bei der operativen Arbeit und den zu treffenden Entscheidungen maschinell zu unterstützen. Die Kombination menschlicher Fähigkeiten mit technologischen Lösungen ist grundsätzlich immer dann vielversprechend, wenn beispielsweise Struktur und Arbeitsinhalte schlecht planbar sind, Arbeitsinhalte sehr komplex oder belastend sind oder die Rahmenbedingungen einer gewissen Dynamik unterliegen.

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