Wirtschaft + Unternehmen

Zylinder in guter Gesellschaft

SCOPE: Wie sieht die Zukunft der Pneumatik aus?
Kipke: Ich glaube nicht, dass es die ¿klassische¿ Pneumatik in 15 Jahren noch gibt. Mehr und mehr werden sich Unternehmen, die heute noch Anbieter von Standardkomponenten sind, spezialisieren und sich nicht nur auf die Pneumatik beschränken, sondern die Elektronik und Mechatronik im weitesten Sinne für sich entdecken. Schon heute nutzen wir die Pneumatik anders als vor 15 Jahren. So ist beispielsweise unser integrierter Aktor, also der Zylinder mit Ventil und Busanschaltung in Normmaßen, ein mechatronisches Bauteil und damit ein erster Ansatz einer feldbusfähigen pneumatischen Komponente. Die Pneumatik wird zusehends mit der Elektronik und Steuerungstechnik verheiratet werden.
SCOPE: In der Automatisierung allerdings konkurrieren elektrische mit pneumatischen Antrieben. Welcher Antrieb wird sich behaupten?
Kipke: Von einer Konkurrenz kann man nur bedingt sprechen. Beide Antriebe ergänzen sich. Manche Einsatzfelder wird man nur elektrisch lösen, zum Beispiel Positionieren oder das Abfahren von Geschwindigkeitsprofilen. Andere, bei denen es auf Beschleunigungsvermögen und Geschwindigkeit ankommt, nur pneumatisch. Die Pneumatik hat jedoch einen unschlagbaren Vorteil: Sie stellt enorme Kräfte auf kleinstem Bauraum zur Verfügung. Hier tun sich die elektrischen Antriebe noch schwer. Ansätze wie der Linearmotor könnten das verändern. Allerdings glaube ich nicht, das der in den nächsten zehn Jahren eine Bedrohung für die Pneumatik darstellt, dafür ist er noch zu teuer.

Zukunft in Bewegung
SCOPE: Kann oder muss sich die Pneumatik neben der Automatisierung in Zukunft neue Anwendungsgebiete erschließen?
Kipke: Heute wie in Zukunft hat die klassische Pneumatik überall dort ihre Daseinsberechtigung, wo es gilt, Kräfte in möglichst kleinem Bauraum zur Verfügung zu stellen. Hinzu kommen Anwendungen, die leichte Antriebe erfordern. Ich kann mir vorstellen, dass gerade diese Bereiche wachsen werden. Als Beispiel sei hier die Automobilindustrie genannt: Dort, wo heute schon Druckluft zur Verfügung steht, also in Lastkraftwagen und Bussen.
SCOPE: Ist auch ein Einsatz von Pneumatik im PKW denkbar?
Kipke: Das hängt sehr davon ab, ob die Energie Druckluft vernünftig zur Verfügung gestellt werden kann. Es müsste gelingen, ein Miniaggregat zu bauen, das nicht nur ausreichend Druckluft zur Verfügung stellt, sondern diese auch im Sinne von Energiesparkonzepten wieder zurück führt. Dann kann ich mir pneumatisch betriebene Fahrzeugsitze und Türöffnungssysteme durchaus vorstellen. Zwar gibt es meines Wissens für ein solches Miniaggregat erste technische Lösungen, jedoch eignen die sich noch nicht für einen Großserieneinsatz.
SCOPE: Sie sprechen es an: Die Pneumatik ist ein Massengeschäft. Die Konkurrenz ist groß. Was muss ein Anbieter tun, um sich auch morgen noch am Markt behaupten zu können?
Kipke: Ein Anbieter ist gut beraten, sich nicht zu verzetteln. So banal das klingen mag, so überlebenswichtig ist es. Mit den wirklich Großen der Branche in der Breite des Angebots konkurrieren zu wollen, ist nahezu unmöglich. Daher ist es in der Pneumatik, wie in anderen Märkten übrigens auch, für ein mittelständisches Unternehmen wichtig, sich zu konzentrieren. Es sollte das tun, was es wirklich gut kann, und es mit hoher Qualität und hohem Standard an den Markt bringen.
SCOPE: Gerade bei dieser Vermarktung wird E-Commerce derzeit als Zauberwort gehandelt. Wird es in zehn Jahren noch den Fachhändler an der Ecke geben?
Kipke: Sicher! Wobei E-Commerce für Standardprodukte als alternativer Distributionsweg zunehmen wird. Allerdings kommen unsere Kunden aus dem Maschinenbau, der etwas konservativer ist als beispielsweise die Elektronikbranche, die sich viel selbstverständlicher aus dem Internet bedient. Wir bereiten uns vor, aber ich denke, dass mit dem Einzug des E-Commerce in die Pneumatik nicht vor ein bis zwei Jahren zu rechnen ist.

Dienst am Zylinder
SCOPE: Ein weiterer Vertriebstrend ist das Angebot zusätzlicher Dienstleistungen. Wie wird es hier weitergehen?
Kipke: Service und Dienstleistungen bergen Chancen und Risiken. Wenn Sie Dienstleistungen anbieten, sollte sichergestellt sein, dass diese auch bezahlt werden. Ansonsten ist das ein Teufelskreis: Der Kunde erwartet immer mehr Leistung ohne Gegenleistung. Die Dienstleistung wäre dann im Preis inbegriffen, der ohnehin in den Keller geht. Nein, es kommt darauf an, sich zu überlegen welche Dienstleistungen für den Kunden relevant sind und sich kommerziell umsetzen lassen. Wie das Systemengineering, das vor allem in Industreibereichen geschätzt wird, in denen es auf die Geschwindigkeit vom Auftrag bis zur Auslieferung der Maschine ankommt.
SCOPE: Also fast überall. Gehören somit zusätzliche Dienstleistungen für die Pneumatik zum Überleben?
Kipke: Auf jeden Fall. Der reine Komponentenlieferant wird in Zukunft aussterben oder sich auf recht kleine Segmente beschränken müssen, absolute Spezialitäten, die nur er bieten kann. Aber das wird die Ausnahme sein. Denn mehr und mehr Kunden sind daran interessiert, prüfbare Baugruppe einzubauen. Hier ist der Markt sehr stark in Bewegung. Alle reden von Systemen, nur haben es erst wenige realisiert. Wir müssen in Zukunft mehr Dienstleistungen anbieten, aber, und das muss klar gesagt werden, wir müssen dafür auch bezahlt werden.

Der Mut zu Neuem
SCOPE: Dienstleistungen, neue Vertriebswege, was auf jeden Fall auch noch morgen zählen wird, ist die Innovationskraft eines Unternehmens. Werden hier die Kleinen die Großen überholen?
Kipke: Das ist keine Frage der Größe, sondern der Geschwindigkeit. Hinzu kommen die zur Verfügung stehenden Ressourcen und die grundsätzliche Unternehmensphilosophie. Wir halten uns hier an die Philosophie unseres Firmengründers Hanns Hörbiger: Als Ingenieurfirma wollen wir Technik verkaufen, die dem Kunden nutzt. Das heißt, wir schauen, was es auf dem Markt gibt, untersuchen, warum es das gibt, und entwickeln es dann logisch und konsequent weiter. Nehmen Sie unseren integrierten Aktor. Er ist der nächste Schritt in der Dezentralisierung, der Feldbusanbindung. Das ist logisch, da brauch man gar nicht von einer Revolution sprechen. Oder unsere Mikroventile in Piezotechnik. Der ursprünglichen Ansatz war, den Magneten am Ventil zu ersetzen. Doch damals wie heute sind die Kosten für das Piezoventil zu hoch, um einen Magneten zu ersetzen. Aber im Lauf der Zeit haben wir sehr viele neue Anwendungsfälle für die Mikroventile entdeckt. Sie haben sich nachhaltig in Bereichen durchgesetzt, die ein Standardventil nicht abdecken kann.

Das ist vielleicht ein Beispiel dafür, dass Unternehmen sich auch trauen müssen, etwas Neues, das zweifelsfrei auch Risiken birgt, zu machen. Gerade wir, die wir in Europa Pneumatik verkaufen, müssen hier Schrittmacher sein.

Matthias Meier

Links: http://www.hoerbiger-origa.com

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