Wirtschaft + Unternehmen

Was tun fürs Image

Die großen Messen galten früher als eindeutiges Konjunkturbarometer. Heute reichen die Leistungsschauen allein nicht mehr aus, um die Stimmung der Branchen wiederzugeben. Doch eine Funktion ist nach wie vor geblieben: Nirgendwo sonst kann man sich so gut, umfassend und schnell darüber informieren, was sich international bei Herstellern oder bei Wettbewerbern tut. Und nirgendwo sonst fällt es so leicht, Kundenkontakte zu pflegen und neue anzubahnen. Die Aussteller der diesjährigen Interpack nutzen die Gelegenheit: zur Kommunikation und zur Imagepflege.

¿Bei uns warten alle schon auf die Interpack¿, ließ mich im letzten Jahr eine Mitarbeiterin des norddeutschen Dehnbandherstellers Sanstrap wissen. Sie selbst sei sehr gespannt, was die Messe bringe, denn sie mache sie zum ersten Mal mit. Dagegen kennt Klaus Grahlher, Geschäftsführer des Unternehmens, den sieben Tage währenden Branchentreff sehr genau. ¿Es ist zweifellos die wichtigste Messe auf diesem Gebiet. Nirgendwo sonst haben wir die gleichen Möglichkeiten für die Kundenpflege und vor allem für den internationalen Vergleich.¿

Beides rangiert für ihn weit vor dem Ehrgeiz mancher Aussteller Innovationen zu zeigen. ¿Sicher, auch wir haben mit dem Dehnautomaten für unsere Bänder etwas Neues auf dem Stand.¿ Aber viel wichtiger ist ihm das riesige, gutbesuchte Forum, das er dazu nutzen will, die einfachen aber genialen Dehnbänder weltweit bekannter zu machen. ¿Obwohl wir sie schon seit längerem produzieren, ist für viele diese Art der Ladungssicherung neu¿, hat er festgestellt.

Die Chancen stehen gut, daß er sein Ziel erreicht. Seit die Leitmesse rund um das Thema Verpacken 1958 zum ersten Mal ihre Pforten öffnete, stiegen die Aussteller- und Besucherzahlen. Rund 2400 Aussteller werden es nach Angaben des Veranstalters in diesem Jahr sein. Und bei den Besuchern erwartet die Messe Düsseldorf mehr als vor drei Jahren, als 188 000 kamen. Sie werden sich auf über 136 000 Quadratmetern die Füße platt laufen und die Augen ausschauen können. Zu sehen gibt es auf jeden Fall mehr als genug.

Zehn fette Jahre

Knapp 80 000 Quadratmeter beansprucht die Verpackungsmaschinen-Industrie für sich und ihre Exponate. Davon belegen die europäischen Anbieter weitaus den größten Teil. Deren Geschäft brummte in den vergangenen zehn Jahren ¿ vor allem auf dem internationalen Parkett. Ähnlich sah es für die deutschen Maschinenbauer aus, bei denen 1997 der Export auf knapp fünf Milliarden Mark stieg ¿ bei einem Produktionsvolumen von rund 6,1 Milliarden Mark.

¿Damit verteidigte der deutsche Verpackungsmaschinenbau seine führende Position auf den Exportmärkten mit einem Weltmarktanteil von 30 Prozent vor Italien, dessen Anteil bei 26 Prozent lag¿, erklärte der Präsident des kommenden Messeereignisses, Ernst H. Berndl, anläßlich einer Pressekonferenz. 1998 ließ sich die Exportkonjunktur ebenfalls nicht lumpen. Und sogar das Inlandsgeschäft begann aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen.

Jetzt trübe Aussicht

Doch die Aussichten sind trübe. Seit dem dritten Quartal 1998 liegen die Auftragseingänge unter dem Vorjahresniveau. Für Berndl scheint es folglich fraglich, ob die Messe Besserung für die Auftragslage mit sich bringt.

Heinz Klostermann, Verkaufsleiter des Maschinenherstellers Automated Packaging Systems, sieht es illusionslos: ¿Die wirtschaftliche Situation bleibt so, wie sie ist.¿ Was sich allerdings auf sein Unternehmen nicht so drastisch auswirkt wie auf die Anbieter großer Verpackungsmaschinen. Denn die aus seinem Hause kommenden, vergleichsweise kompakten Automaten zum Füllen und Verschließen von Beuteln kombiniert mit der notwendigen Peripherie treiben die Investitionskosten der Nutzer nicht in schwindelerregende Höhen. ¿Zudem reduzieren wir mit unseren Maschinen spürbar die Arbeitskosten.¿ Da rechnen sich die ökonomischen Vorteile einfach schneller.

Kollege Automat

Im Klartext heißt das: Mit immer weniger Menschen immer mehr produzieren. Und dieser Forderung sehen sich seit einiger Zeit alle Verpackungsmaschinenhersteller gegenübergestellt. Kein Wunder also, daß schnellere, flexiblere und fehlertolerantere Produktions- und Distributionssysteme bei den Kunden Hochkonjunktur haben. Infolgedessen gehören Roboter, Bewegungsmelder, Monitorüberwachung und spezielle Software wo immer möglich zum üblichen Angebotsstandard.

Die zunehmende Automatisierung darf allerdings nicht dazu führen, daß ausschließlich hochqualifiziertes Bedienpersonal nach aufwendigen Schulungsmaßnahmen die Maschinen und Anlagen in Betrieb halten und umrüsten kann. Denn zum einen fehlt es überall in der Industrie an gut ausgebildeten Fachkräften. Zum zweiten sind Schulungen relativ unbeliebt, da sie Geld und Produktionszeit kosten.

Somit schlägt die Stunde für in die Maschinen eingebaute, intelligente Systeme. Je ausgefeilter die Automaten, desto seltener können deren Hersteller auf die ¿mitdenkenden Helfer¿ verzichten. Schließlich lohnt sich eine schnelllaufende Verpackungsanlage nur dann, wenn sie läuft und zwar störungsfrei. Dafür sorgen die Maschinenbauer zudem mit der Möglichkeit des Online- und Offline-Troubleshootings: Service rund um die Uhr.

Blick über den Tellerrand

Das alles ist nichts bahnbrechend Neues. Ein Grund mehr, den Nutzen der bevorstehenden Leistungsschau ganz pragmatisch einzuschätzen. Heinz Klostermann: ¿Nirgendwo sonst hat man die Gelegenheit zu sehen, was sich bei den anderen so tut, und zwar international.¿ Diesen ¿Blick über den Tellerrand¿ werden im Mai nicht nur die Verpackungsmaschinenbauer und die Messebesucher wagen. Die Packmittelhersteller, zweitgrößte Ausstellergruppe der Messe, nutzen ebenfalls den internationalen Vergleich.

Insbesondere die Großen unter ihnen nehmen die Chance war, ihre Leistungsfähigkeit insgesamt zu präsentieren. ¿Für uns ist die Messe vor allem Imagesache. Wir wollen unseren Großkunden zeigen, daß wir noch internationaler geworden sind¿, heißt es dazu bei SCA Packaging. Die unterschiedlichen Werke des zu den führenden Wellpappen- und Verpackungsherstellern gehörenden Konzerns stellen ihre Produkt- und Leistungspalette vor.

Mehr als üblich

Ob bedruckte Trays, naturbraune Gefahrgut-Verpackungen, trickreich zusammengesteckte Faltkisten oder -schachteln, sogar die Fischverpackungen des schwedischen Werks können sich interessierte Standbesucher betrachten und deren Besonderheiten genauer erklären lassen. ¿Eine Großveranstaltung wie diese eignet sich so gut wie sonst keine für eine so große Bandbreite. Auf kleineren länderbezogenen Messen müssen wir das, was wir ausstellen, sehr viel stärker selektieren. Nehmen Sie nur mal die Fischverpackungen. Die finden hier ganz bestimmt ihr Publikum.¿

Ähnlich ergeht es dem zur Smurfit-Stone Container Corporation gehörenden Papier- und Karton-Verpackungshersteller Stone Europa Carton. Auf kleineren Verpackungsmessen gibt es lediglich einen Ausschnitt seines gesamten Leistungsspektrums zu sehen. Meist sind es Verpackungslösungen ¿ von unbedruckten, auf die Transportbedürfnisse des Produkts gestalteten und optimierten Kartons bis zu knallbunten Verkaufsverpackungen.

In Düsseldorf tischen die Hamburger allerdings wesentlich mehr auf. Zum Beispiel eine komplette Verpackungslinie, die aus einem Trayaufrichter, einer roboterbestückten Produktgruppierungsstation und einem Deckelaufsetzer besteht. Für einen Packmaterial- und Verpackungshersteller ziemlich ungewöhnlich. Heinz Burmester, Sprecher des Unternehmens, bemerkt dazu: ¿Hier haben wir das passende Umfeld und auch das entsprechende Publikum, um auch diese Seite von uns zu zeigen. Da lohnt es sich, so komplexe Anlagen aufzubauen.¿ Für ihn steht außer Frage, daß die als Weltneuheit bezeichnete Verpackungslinie das Interesse der Besucher weckt. Wobei sie nach der Messe direkt zum Kunden geht, für den sie gebaut wurde.

Ertrag: Quo vadis?

Die Rührigkeit der beiden Packmittel- und Verpackungshersteller kann nicht darüber hinweg täuschen, daß sich die Packmittelbranche zur Zeit mit einer Konjunkturdelle herumplagen muß. Krisen in Rußland, Südostasien und Südamerika haben ihre Spuren hinterlassen. Deshalb stellen die Wirtschaftsexperten für das laufende Jahr nur geringfügige Wachstumsraten in Aussicht. Das trifft das Gros der Wellpappenhersteller besonders schlimm, da bei ihnen ¿ trotz steigender Absatzmengen ¿ die Erträge seit vier Jahren hinter den Erwartungen hinterherhinken. Die Minuszeichen wollen einfach nicht weichen. Läßt jetzt noch der Außenhandel nach, sieht es dunkel aus am Firmenhorizont.

¿Produkt¿ Dienstleistung

Fraglich ist, inwieweit sich die Wellpappenhersteller mit verstärkten Dienstleistungsangeboten aus der Misere retten können. Die Packmittelhersteller allgemein haben jedenfalls das ¿Produkt¿ Dienstleistung als weiteres Standbein für sich erkannt. Bereits in der Planungsphase, wenn Packstoff und Design festgelegt werden, arbeiten sie mit ihrem Kunden zusammen. ¿Wir nutzen dazu interne Synergieeffekte, um optimale Verpackungslösungen anzubieten¿, erklärt SCA- Marketing Managerin Silke Krieg. ¿Darüber hinaus bauen wir die Beratung und spezielle Kundenprogramme weiter aus.¿

Den zu einem Konzern gehörenden Unternehmen fallen solche Aktionen relativ leicht. Sie können sich zudem an Logistikdienstleistungen wagen. Das bleibt den ¿Einzelkämpfern¿, den Familienunternehmen und kleineren Packmittelherstellern weitgehend verwehrt. Doch die Tendenz zum Kooperieren und zum Zusammenschluß untereinander ist spürbar. Und das macht Sinn, selbst wenn die Logistik trotzdem außen vor bleibt. Denn im Wettbewerb können die Größeren einfach besser bestehen. Es bleibt abzuwarten, ob sich in Düsseldorf Kontakte dieser Art aufbauen.

Claudia Treffert / April 1999

Links: http://www.interpack.de, http://www.sanstap.com

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