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Vom Fahrrad zum Bike
Fahrräder gibt es eigentlich gar nicht mehr. Heute kauft man Bikes, Maschinen, Racer, Tourer, Hardtrails, Fullys oder sonstwas, worunter sich nur noch der Insider was Konkretes vorstellen kann. Und überhaupt sind Sie von Gestern, wenn Sie Fahrräder von der Stange kaufen! Ein echtes Bike besteht aus Komponenten! Komponenten, die Sie aus einem unüberschaubaren Angebot selbst auswählen und dann montieren lassen ¿ oder, was in Fachkreisen als Notlösung gilt, selbst montieren. Wer nämlich selbst zur Tat schreitet, der kann ja dann nicht einen der klangvollen (Montierer-)Namen nennen, mit denen sich der Edel-Biker gern schmückt.
Die Komponenten aber, die haben es wirklich in sich! Alles was gut und teuer ist, das gibt es auch am Markt. Diesen Markt machen Zeitschriften transparent. Allein der spontane Besuch am Bahnhofskiosk bringt sechs verschiedene deutschsprachige Biker-Titel ans Tageslicht. Sie sehen also, dass man heute nicht einfach mehr Rad fährt. Man liest Zeitschriften, man kauft Spezial-Biker-Klamotten, man ist in Vereinen organisiert, man fährt auch dort, wo früher nur Bergsteiger zu Hause waren ¿ und man hat ein Bike, auf dem mindestens 25 verschiedene Firmennamen auftauchen.
Der technische Fortschritt dieses Kultgerätes liegt nur auf den ersten Blick im Design. Schon das etwas genauere Hinsehen bringt Technologie-Höchstleistungen aus hochfestem Aluminium, leichtem Magnesium, edelsten Stählen, unverwüstlichem Carbon und fast allen marktgängigen Hochleistungs-Kunststoffen hervor. Und dazu gesellen sich innovative Konstruktionsansätze, die der Raumfahrt Ehre machen würden. Lassen Sie uns einige der Komponenten näher anschauen.
Der Rahmen: Um den Rahmen möglichst leicht und doch extrem stabil zu machen, bieten sich mehrere Wege an: Edelstahl führt zu dünnwandigen und damit leichten Rahmen. Hochfeste Aluminiumlegierungen erfüllen ebenfalls die Forderungen, bereiteten aber bis vor einigen Jahren beim Schweißen Probleme (Gefügeveränderungen durch Wärmeeintrag). Diese Probleme sind gelöst, doch es war mir nicht möglich, etwas über den Lösungsweg zu erfahren. Die, die es können, die halten die Klappe. Und dann sind da natürlich noch die Kohlefasern, eigentlich das ideale Material für Rahmen. Doch die Verarbeitung erfordert sehr viel Erfahrung, wobei die Konstruktion schon carbon-geeignet ausfallen muss. Wenn das Ganze gelingt, dann ist der Stolz des Herstellers offensichtlich, dann liest sich das wie beim ¿Photon 9000¿ von Canyon: ¿SuperActive Eingelenker mit High Modular Carbonfiber-Monocoque und Super-Stiff Scandium Ultralite Hinterbau, handmade. New Canyon Disc Dropout, designed by Lutz Scheffer.¿
Das Totpunkt-Problem: Der Antrieb mit zwei gegenüberliegenden Tretkurbeln hat prinzipiell zwei Probleme: Den oberen und den unteren Totpunkt! Alle ernsthaften Biker versuchen mit viel Übung den ¿runden Tritt¿ zu erlernen, um die Totpunkte schnell überwinden zu können. Die Tüftler von Bikedrive suchen nach technischen Lösungen: Kraft in Federn speichern und im richtigen Moment wieder abgeben. Das funktioniert, gibt sogar ein gutes Fahrgefühl, das sich kaum von dem mit Normalkurbeln unterscheidet ¿ bringt aber stattliche 984 Gramm ohne Innenlager ins Spiel.
Einen anderen Weg geht man bei Rotor. Das Rotor-System arbeitet mit einem Exzenter, der dafür sorgt, dass immer dann, wenn eine Kurbel im unteren Totpunkt steht, die obere schon einige Winkelgrade weiter ist. Auch dieses System funktioniert. Doch die Biker berichten von einem ¿eirigen¿ Fahrgefühl, an das man sich erst gewöhnen muss. Handicap ist auch hier das Gewicht: 1360 Gramm, mit Innenlager.
Stoßdämpfer und Federung: Die einen möchten einfach mehr Fahrkomfort, die anderen brauchen Stoßdämpfer für schweres Gelände. Fahrkomfort für Sonntagsausflüge ist kein Problem: Federgabeln, Hinterrad-Federung und auch gefederte Sattelstützen sind auch in Billig-Bikes zu finden. Meist reicht hier auch die übliche Schraubenfeder aus Stahl. Doch was ist für den ambitionierten Cross-Biker erforderlich? Er ist muskelbepackt, wiegt bis zu 90 Kilogramm und hat keinerlei Problem damit, sein Bike mit Höchstgeschwindigkeit durch Steinwüsten zu jagen. Sprünge bis zu 1,5 Metern Tiefe gehören zum Alltag, alle 10 Minuten bekommen Vorder- oder Hinterrad einen kindskopfgroßen Stein zu spüren...
Wahrhaft gewaltige dynamische Kräfte wirken auf Räder, Rahmen ¿ und Fahrer. Da bieten sich Luftfederungen geradezu an: leicht, schnell, einstellbar, haltbar. Das Bild mit dem prinzipiellen Aufbau solch einer Federung zeigt jedoch, dass auch hier viel Hirnschmalz verbraten wird, um an die möglichst idealen Kennlinien heran zu kommen.
Die Räder: Die hier geschilderten Herausforderungen im Gelände würde eines der üblichen Baumarkt-Billig-Räder keine fünf Minuten überstehen. Der Totalschaden mit Speichen- und Rahmenbruch wäre unvermeidlich. Da Vorder- und Hinterrad den direkten Kontakt zur ¿Straße¿ haben, sind sie ganz besonders gefordert. Höchste Stabilität bei geringstem Gewicht sind gewünscht. Und wer schon mal solch ein Rad aus dem wirklich optimierten Leichtbau in der Hand hatte, der wird es kaum glauben können, wie wenig die Dinger wiegen.
Weitere Leckerbissen finden sich in der Schaltung, die immer weiter auf dem Wege zum sanften Gangwechsel voran schreitet. Wenn man bedenkt, dass dort eine Kette ¿umgeworfen¿ wird, dann geht das verdammt satt und leise von statten: Kein Ruck, kein Knirschen, kein Rasseln. Auch die zugehörigen Zahnkränze bestehen nicht mehr aus sieben, acht oder neun nebeneinander liegenden Zahnscheiben ¿ zu viel Gewicht! Eine Nabe mit Abstandhaltern trägt die schmalen Ringe mit den Zähnen. Auf der anderen Seite sind die Nabenschaltungen wieder im Kommen: Shimano setzt die Sieben-Gang-Nabe aufs Hinterrad und hat am Tretlager zwei Kettenblätter. Das macht immerhin 14 Gänge ¿ aber bei eigentlich nicht akzeptablem Gewicht.
Ein wenig Kopfschütteln dagegen verursachen bei mir die noch relativ neuen Scheibenbremsen. Beim Bremsen sollte man nicht unbedingt aus der Automobilindustrie abgucken! Es macht schon Sinn, ein Rad möglichst weit außen am Durchmesser fest zuhalten. Wer den Hebelarm nutzt, braucht weniger Kraft ¿ und selbst die ist mit hydraulischen Felgenbremsen mehr als notwendig vorhanden. Doch in diesem Punkte lasse ich mich auch gern belehren, denn ich bin noch nie so extrem bergab gefahren, dass die Bremsklötze geschmolzen sind...
Und zum Schluss noch etwas, was mir beim Studium der Biker-Zeitschriften positiv aufgefallen ist. Es wird auch Sie freuen, dass immer dann, wenn von soliden Bauteilen die Rede ist, von ¿Industriequalität¿ gesprochen wird.
Dieter Capelle
Links: http://www.Mountainbike-Magazin.de, http://www.canyon.de, http://www.bikedrive.com, http://www.rotor-system.com, http://www.german-a.de, http://www.sunrigle.com








