Wirtschaft + Unternehmen

Vom Eigenbedarf zum Zulieferer

Viele Fertigungszweige, die im Lauf der Jahrzehnte entstanden und zur Gründung neuer Unternehmen führten, hatten ihre Wurzeln im Eigenbedarf eines einzigen Herstellers. So vollzieht sich das auch bei Juchheim in Fulda mit der Produktlinie ¿Teilefertigung¿, die heute nur noch etwa 50 Prozent für das eigene Unternehmen arbeitet, die andere Hälfte aber im Fremdauftrag. Wie das geht, erzähle ich Ihnen in diesem Beitrag.

Vor 100 Jahren war zwar die Industrialisierung in Mitteleuropa längst angelaufen, doch das, was wir heute als Serienfertigung kennen, stapfte noch in den Kinderschuhen herum. Bis hinab zu Schrauben und Muttern machten die Betriebe nahezu alles selbst und achteten peinlich darauf, daß kein Konkurrent ihnen ihre Fertigungsgeheimnisse klaute. Natürlich gab es bereits Maschinen, die allerdings von Transmissionen angetrieben wurden, wobei meist eine Dampfmaschine für den Antrieb sorgte. 1891 war erstmals die Fernübertragung von elektrischem Strom gelungen, der nun allmählich die Dampfmaschinen in die ewigen Jagdgründe schickte.

Die Spezialisierung auf bestimmte Produkte hatte schon früher begonnen, doch erst nach der Jahrhundertwende regte sich hier und da der Wunsch, nicht mehr alles selber machen zu müssen. Dieser Prozess ist heute längst noch nicht abgeschlossen, wenn auch bereits recht weit gediehen. Seit nun 50 Jahren entstehen immer mehr Betriebe, die keine Fertigprodukte herstellen, sondern als Zulieferer einzelne Bauteile bis hin zu Baugruppen, die bei einem anderen Produzenten zu fertigen Geräten, Maschinen oder Anlagen zusammengesetzt werden. Auf dieses System stützt sich auch die Automobilindustrie in großem Umfang, zumal sie auf diese Weise das Entwicklungspotential des Zulieferers mit nutzen kann. Auch dort begann es mit der Zulieferung spezieller Bauteile, während Karosserie und Fahrwerk eine Domäne des Automobilherstellers blieben. Heute werden selbst Fahrschemel komplett mit Radführungen und Antriebskomponenten zugeliefert.

Der Blick über den Gartenzaun

In den fünfziger und sechziger Jahren habe ich den Beginn dieser Entwicklung miterlebt und beobachte sie seit einigen Jahren bei Juchheim, wo sie sich unter der Leitung Oskar Dernbachs zielstrebig, jedoch in sorgsam abgemessenen und überlegten Schritten entfaltet. Auch hier wurden zunächst für den eigenen Bedarf die unterschiedlichsten Teile gefertigt, bis man daran ging, bestimmte Teile und Baugruppen nicht mehr selbst herzustellen, sondern hinzu zu kaufen. Die Produktgruppe ¿Teilefertigung¿ dagegen begann über den Gartenzaun zu blicken, ¿fremd zu gehen¿. Das heißt, sie bot ihre Fertigkeiten auch anderen Herstellern an. Fertigung heißt doch heute, über einen leistungsfähigen Maschinenpark zu verfügen, der ständig erneuert werden muss und über geschulte Mitarbeiter mit weitreichender Erfahrung. Das setzt aber auch Auslastung voraus, die von den eigenen Fertigprodukten allmählich nicht mehr garantiert werden kann, weil die modernen Maschinen immer zu leisten vermögen.

Hier muß ich einfügen, daß Juchheim traditionsreicher Hersteller von Mess- und Regelgeräten ist. Den Mitarbeitern liegt also die Genauigkeit im Blut. Der Betrieb arbeitet mit 1250 Mitarbeitern. Bei ihm gibt es nur drei Hierarchie-Ebenen: Geschäftsleitung, Produktlinienleiter und Mitarbeiter. Die Kommunikationswege sind extrem kurz, jeder kann jeden ansprechen. Erfahrungsaustausch wird ganz groß geschrieben.

Juchheim verfügt über 50 Jahre Erfahrungen in der Metallumformung und blieb während dieser Zeit stets dem Fertigungsfortschritt auf den Fersen, auch mit seinem Maschinenpark. Dadurch vermochte das Unternehmen Präzisionsteile zur Fertigung ins eigene Haus zu holen, weil man sie hier preiswerter und besser herstellen konnte. Heute liefert Oskar Dernbach mit seiner Gruppe etwa 50 Prozent seiner Fertigung ans eigene Unternehmen, doch 50 Prozent werden im Fremdauftrag hergestellt ¿ mit stetig steigender Tendenz. Durch die große Erfahrung dieser Gruppe wird sie heute schon in die Planung vieler Kunden eingeschaltet. Oder sie unterbreitet dem Kunden nach Durchsicht seiner Zeichnungen Verbesserungsvorschläge, weil man sich bei Blechkonstruktionen weitaus besser auskennt und genau weiß, was geht und was optimiert werden müsste.

Elektronische Verkettung

Früher wurde ein Bauteil zuerst gezeichnet und danach ein Muster handwerklich angefertigt, das als Grundlage der Maschinenfertigung diente. Heute kommen die Kundenzeichnungen über Datenträger bei Juchheim auf die Bildschirme, werden hier von erfahrenen Konstrukteuren bearbeitet und wieder auf elektrischem Weg an die jeweiligen Fertigungsmaschinen weitergegeben. Zwischen den Mitarbeitern besteht ein ständiger Erfahrungsaustausch, so dass bis zur Maschine durchgerutschte Mängel sofort behoben werden. CAD/CAM, Qualitätsprüfung und Qualitätsmanagement gehören hier längst zum Alltag.

Die Fertigung beginnt häufig mit der Werkstoffprüfung, die Juchheim heute auch als Dienstleistung anbietet. Blechteile werden nun zugeschnitten, wobei eine Trumpf-Trumatic Co2 Laserschneidmaschine den Kern des Maschinenparks bildet. Hier können Blechtafeln bis zu einer Größe von 2500 ´ 1250 Millimeter bearbeitet werden. Unabhängig von der weiteren Verarbeitung der Blechteile bietet Juchheim Laserschneiden jedoch auch als Dienstleistung an. Man hatte sich diese Maschine zugelegt, weil sie außerordentlich präzise und schnell arbeitet.

In der Regel werden die ausgeschnittenen Blechteile nun entsprechend der Zeichnung gebogen, wobei zum Maschinenpark in Fulda seit einiger Zeit eine CNC gesteuerte Dreipunkt-Abkantpresse von Hämmerle gehört. Falls das nun gebogene Blechteil mit anderen Bauteilen komplettiert werden muss, wurden diese inzwischen auf anderen Maschinen gefertigt und anschließend mit dem Blechteil verschweißt. Über das von Oskar Dernbach besonders gepflegte Kondensator-Impulsschweißen, das den Mittelpunkt der verschiedenen Schweißverfahren bildet, hatte ich vor einiger Zeit gesondert berichtet. Bei ihm wird extrem wenig Wärme ins Umfeld abgeleitet, was bei empfindlichen Oberflächen ausschlaggebend sein kann.

Diese Fertigungsgruppe verarbeitet alle Metalle, wobei der Schwerpunkt bei Stahl und zunehmend Edelstahl liegt. Es werden Blech-, Dreh- und Frästeile hergestellt, einzeln oder in Kombination bis hin zu kompletten Baugruppen. Die modernen Maschinen und deren elektronische Verkettung miteinander haben den Fertigungsablauf wesentlich beschleunigt und zu höherer Fertigungsgenauigkeit geführt. Allein durch das Dreipunktbiegen mit der Hämmerle-Abkantpresse konnten die Kosten im Mittel um 25 Prozent gesenkt werden.

Die Losgröße spielt in dieser Fertigung nahezu keine Rolle, denn sie arbeitet bei kleinen Stückzahlen fast ebenso rentabel wie bei mittleren und großen, wenn die Teile nicht die Anfertigung aufwendiger Vorrichtungen verlangen. Ergänzen muß ich, daß zu dieser Gruppe auch der Werkzeugbau gehört. Da jedoch meist Blech als Träger auch von Baugruppen dient, hält sich die Verwendung von Vorrichtungen in Grenzen. Wohl aber vermag diese Abteilung nach den eigenen Erfahrungen präzise Stanz- und Umformwerkzeuge auch für Kunden von außerhalb herzustellen.

Blechverformung statt Schweißkonstruktion

Die Möglichkeiten der Blechverformung haben dazu geführt, dass sie häufig der Schweißkonstruktion vorgezogen wird. Natürlich steht sie auch im Wettbewerb mit Guss ¿ und der mehrdimensionalen Blechumformung bei komplizierteren Konstruktionen. Ob eine Tiefziehpresse der nächste Schritt bei Juchheim ist? ¿Dazu müsste die Blechumformung, wie wir sie betreiben, erst einmal völlig ausgereizt sein¿, meint Dernbach. ¿Vorläufig besteht kein Grund, an eine solche Presse zu denken.¿

Das ist auch richtig so, denn der vorhandene Maschinenpark muß ausgelastet sein. An Arbeit mangelt es jedenfalls nicht, denn es spricht sich allmählich herum, was Jumo bei der Teilefertigung zu leisten vermag und welche Präzision hier geboten wird. Laserschnitt, Blechverformung und das richtige Schweißverfahren erlauben die schnelle Fertigung von derartig komplizierten Bauteilen, wie das vor einigen Jahren noch nicht möglich war. Durch die Wahl des richtigen Werkstoffs sind solche Bauteile vergleichbaren aus Guss nicht selten deutlich überlegen.

Woran es häufig noch hapert, ist das blechgerechte Konstruieren von Bauteilen. Viele Konstrukteure sind noch immer der Meinung, das Bauteil aus Blech wäre minderwertig oder eine Konstruktion aus Blech überhaupt nicht machbar. Dass ein Blechteil die gleiche Maßhaltigkeit bietet wie ein aus dem Vollen gefrästes oder ein Gussteil, das nachträglich bearbeitet wird, muss man selbst erleben, um es zu glauben.

Christian Bartsch / August 1999


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