Wirtschaft + Unternehmen

Völlig losgelöst

Sicher, die Schieblehre ¿ richtiger: den Messschieber ¿ in des Schlossers Blaumann wird auf absehbare Zeit keinen adäquaten Ersatz finden. Gleiches gilt für den ¿Meter¿ in der Werkzeugkiste des Zimmermanns. Aber ein Trend ist doch unverkennbar: Moderne Elektronik macht es möglich, exakte Messergebnisse zu erzielen, ohne direkt Hand anlegen zu müssen. Die Heimwerker unter uns kennen sicher die in der Landvermessung schon seit einigen Jahren genutzten Lasersysteme zur Längenmessung. Auf Knopfdruck werden Zimmerlänge, -breite und -höhe erfasst. Was hier eher unter ¿Spielerei¿ einzuordnen ist, hat im industriellen Umfeld handfeste wirtschaftliche und technologische Hintergründe.

Effekte wie verbesserter Arbeitsschutz und die Schnelligkeit der Messungen sind es, die solche Systeme schon auf den ersten Blick so interessant machen. Schließlich kann man die Temperatur des Schmiedeblocks mit Hilfe einer Messpistole problemlos aus einigen Metern Entfernung messen ¿ um nur ein Beispiel zu nennen. Häufig aber bringen die mehr oder weniger automatisch anfallenden gespeicherten Informationen die wirtschaftlich eigentlich interessanten Auswirkungen: Sind die Messdaten einmal in irgendeiner Form elektronisch erfasst, lassen sie sich beliebig weiter verarbeiten und archivieren.
Anwendungen berührungsloser Mess- und Prüftechniken finden sich branchenübergreifend. So haben es heute die verschiedenen klassischen Systeme zur Füllstandsmessung in großen Tanks und Silos schwer gegen die radarbasierenden Messtechniken. Unabhängig vom Füllgut werden auch bei hohen Temperaturen, Drücken und Dampfbildung in Nanosekunden Füllstände mit geringsten Toleranzen bestimmt. Die Werte können an beliebige Überwachungs- und Auswertesysteme übergeben werden.

Licht zum Allrounder
Selbst vor den hochentwickelten Verfahren der Rauheitsmessung schrecken die Tüftler nicht zurück. Vergleichsweise langsame mechanische Abtastungen sind vor allem in schnellen Produktionslinien für metallische und nichtmetallische Profile und Bänder nur schwer zu integrieren. Mit einem Laserstrahl als Messmittel ist eine Online-Prüfung der Rauhigkeit möglich, und das bei Bandgeschwindigkeiten von bis zu rund 100 (!) Kilometern pro Stunde. Über Grenzwertdefinitionen kann die Anlage während der Produktion gesteuert werden. Probleme und Fehler werden nicht erst nach Produktionsende festgestellt, sondern im laufenden Betrieb ¿ und das ohne Störung des Prozesses.

Selbst kleinste Fehler in optisch anspruchsvollen Oberflächen lassen sich mit Hilfe entsprechender Beleuchtungen und Kamerasysteme automatisch detektieren. Auch kleine Einschlüsse, Kratzer und andere Fehler im Autolack oder an Glasscheiben spüren die Systeme auf. Statt die Karosserie von mehreren Mitarbeiter mit geschultem Blick und weißen Handschuhen ¿scannen¿ zu lassen, wirft das elektronische Auge seinen unbestechlichen Blick aufs Blech und garantiert reproduzierbare und objektive Ergebnisse.
Ähnliche Effekte hat die Konzentrationsmessung in Flüssigkeitsströmen. Mussten früher die Prüfer laufend Proben entnehmen und im Labor auswerten, ist heute die Analyse mit Hilfe automatischer, in den Prozess integrierter Messzellen möglich. Das Prinzip der Lichtabsorption bringt exakte Online-Messergebnisse bei fast allen Flüssigkeiten.

Gleichmäßig verteilter Nutzen
Der Nutzen der Systeme, die so völlig losgelöst vom Messobjekt arbeiten, ist also durchaus vielfältig. Zum einen sind es die Mitarbeiter die ihre Aufgaben schneller, weniger fehleranfällig und häufig auch gefahrloser erledigen können. Sicher gehören auch die Entwickler, Hersteller und Vertreiber moderner Messsysteme zu den Gewinnern in einem überdurchschnittlich schnell wachsenden Markt. Und zweifelsohne sind es die Unternehmen, die solche Technologien einsetzen. Schließlich zahlt es sich bei ihnen in Mark und Pfennig aus, wenn Daten nicht nur wirtschaftlicher erfasst, sondern auch effizienter ausgewertet und archiviert werden können.

Selbstverständlich bringen auch die neuen Technologien durchaus nicht für alle Betroffenen Vorteile. Ganz sicher nicht so begeistert zeigt sich eine spezielle Verlierergruppe in diesem Umfeld: Systeme zum Durchleuchten kompletter Lastkraftwagen ¿ quasi im Vorbeifahren ¿ prüfen beim Grenzübertritt ganze Auflieger und Ladungen auf Schmuggelgut. Die mittlerweile praxiserprobten Geräte zeigen sehr zuverlässig, ob sich nur Bananen, Unterhosen oder Radiowecker im Laderaum befinden oder ob unter der deklarierten Ware Waffen und anderes ominöses Transportgut lagert. In dieser zugegebenermaßen etwas exotischen Anwendung der Prüftechnik lösen berührungslose Verfahren die manuellen, sprich aufwändige händische Durchsuchungen, ab. Auch das ist ein Einsatzfeld der Prüf- und Messtechnik, die ihren Weg aus der Industrie in das allgemeine Lebensumfeld gefunden hat.


Meinolf Droege


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