Stahlproduktion 2025 erneut eingebrochen
„2026 muss das Jahr der Standortsicherung werden!“
Die Stahlproduktion in Deutschland ist im Jahr 2025 massiv eingebrochen und bestätigt damit das vierte Krisenjahr in Folge für die Branche. Mit 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl lag die Erzeugung rund 9 Prozent unter dem bereits sehr niedrigen Niveau von 2024. Einen vergleichbar niedrigen Wert hatte es seit der deutschen Wiedervereinigung nur während der weltweiten Finanzkrise 2009 gegeben. Gleichzeitig sank die Kapazitätsauslastung auf unter 70 Prozent – ein kritischer Schwellenwert für die energieintensive Stahlindustrie.
Bereits zum vierten Mal in Folge blieb die deutsche Stahlproduktion unter der Marke von 40 Millionen Tonnen, die als Mindestschwelle für eine wirtschaftlich tragfähige Kapazitätsauslastung gilt. Seit 2018 wurde diese Grenze insgesamt sechsmal unterschritten. Die Branche verharrt damit klar auf Rezessionsniveau.
Stahlnachfrage 2025 auf historischem Tiefstand
Auch die Stahlnachfrage in Deutschland entwickelte sich 2025 äußerst schwach. Nach vorläufigen Daten bis Oktober lag die auf das Gesamtjahr hochgerechnete Marktversorgung bei rund 30 Millionen Tonnen. Damit blieb die Nachfrage erneut unter dem ohnehin niedrigen Durchschnitt der vergangenen vier Jahre.
Für Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, sind die Einbrüche bei Produktion und Nachfrage Ausdruck tiefgreifender struktureller Probleme:
„Für die Branche kommt derzeit vieles zusammen: eine historisch schwache Nachfrage, ein ungebremst wachsender Importdruck und international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise. Die Bundesregierung und die EU-Kommission haben im letzten Jahr zwar begonnen, endlich gegenzusteuern – aber umgesetzt ist noch lange nichts. Hier müssen Druck und Tempo hochgehalten werden – insbesondere angesichts der sich weiter verschärfenden geopolitischen Lage. Das Jahr 2026 muss das Jahr der Standortsicherung werden!“
Importdruck auf dem EU-Stahlmarkt nimmt weiter zu
Besonders kritisch bewertet die Branche die Entwicklung im Stahlaußenhandel. Inzwischen stammt rund jede dritte in der EU eingesetzte Tonne Stahl aus dem Nicht-EU-Ausland. Globale Überkapazitäten, insbesondere in Asien, sowie eine zunehmend aggressive und unberechenbare US-Zollpolitik verschärfen die Lage zusätzlich.
„Unter diesen Bedingungen wird sich die Stahlkonjunktur auch 2026 kaum erholen können“, warnt Rippel. „Damit der Importdruck auf den europäischen Markt begrenzt wird, muss der gute Vorschlag der EU-Kommission für ein hochwirksames Schutzinstrument jetzt zügig und konsequent umgesetzt werden. Die Branche kann sich keine weitere Verzögerung leisten.“
Energiekosten bleiben zentrale Standortfrage der Stahlindustrie
Angesichts der anhaltenden Krise sieht die Verbandschefin einen klaren politischen Handlungsauftrag:
„Der Kanzler-Stahlgipfel und der Mittelstandsgipfel Ende vergangenen Jahres haben gezeigt, dass die Herausforderungen erkannt sind. Jetzt müssen daraus konkrete regulatorische Umsetzungsakte entstehen.“
Neben einem wirksamen Außenhandelsschutz bleibt vor allem das Energiekostenthema zentral. „Die derzeit nicht wettbewerbsfähigen Strompreise sind eine hohe Belastung und zugleich ein zentraler Hemmschuh für den Umbau der gesamten Stahlindustrie zur Klimaneutralität“, betont Rippel. Die laufenden Anstrengungen der Bundesregierung begrüßt sie ausdrücklich. Gleichzeitig formuliert sie ein klares Ziel: „Mittelfristiges Ziel muss allerdings ein international wettbewerbsfähiger Strompreis für die Industrie von 3 bis 6 Cent pro Kilowattstunde sein – all in, also inklusive Netzentgelte, Abgaben und Umlagen.“
Als zentrale Schritte auf dem Weg dorthin nennt sie die dauerhafte Senkung der Netzentgelte, die uneingeschränkte Fortführung der Strompreiskompensation sowie die Möglichkeit, Industriestrompreis und Strompreiskompensation kombiniert anwenden zu können.
Emissionsarmer Stahl „Made in EU“ als Konjunkturimpuls
Als zentrale Zukunftschance sieht die Wirtschaftsvereinigung Stahl den gezielten Aufbau von Leitmärkten für emissionsarmen Stahl Made in EU. Auf nationaler Ebene liege der entscheidende Hebel in der aktuellen Reform des Vergaberechts.
„Bei öffentlichen Investitionen muss der Einsatz zunehmend emissionsarmer Grundstoffe verbindlich verankert werden. Die Vergaberechtsreform auf nationaler Ebene muss dafür den notwendigen Rahmen schaffen. Um die Nachfrage nach klimafreundlichem Stahl gezielt zu stärken und wirksame Konjunkturimpulse auszulösen, braucht es zudem EU-Content-Regeln, die in Brüssel festgelegt werden müssen“, erläutert Rippel.
Der derzeit erwartete Industrial Accelerator Act biete aus Sicht der Branche eine entscheidende Chance, die Nachfrage in stahlverwendenden Industrien gezielt anzureizen:
„Denn Leitmärkte entstehen dort, wo emissionsarmer Stahl verlässlich abgenommen wird.“
Stahlproduktion 2025: Zentrale Kennzahlen im Überblick
Rohstahl gesamt: 34.090 Tsd. t (–8,6 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum)
Oxygenstahl: 23.645 Tsd. t (–10,7 %)
Elektrostahl: 10.445 Tsd. t (–3,5 %)
Roheisen: 21.872 Tsd. t (–10,1 %)
Warmgewalzte Stahlerzeugnisse: 29.760 Tsd. t (–5,5 %)
Die Zahlen verdeutlichen die Tiefe der strukturellen Krise der deutschen Stahlindustrie. Nach vier Krisenjahren in Folge richtet sich der Fokus der Wirtschaftsvereinigung Stahl nun klar auf 2026 als entscheidendes Jahr für die Standortsicherung, Wettbewerbsfähigkeit und Transformation der Branche.









