Wirtschaft + Unternehmen
Schau mir in die Augen . . .
Obwohl Unternehmen meistens nur Leistungen oder Produkte verkaufen können, bezahlen sie ihre Beschäftigten nach Zeit, zumindest messen sie die Anwesenheitszeit. Das erfordert integrierte Systeme der Personal- und Zeitwirtschaft, die sich heutzutage als Konglomerat aus Informations-, Daten- und Kommunikationstechnik, gepaart mit immer raffinierteren Methoden der Identifikationstechnik, darstellen. Einige Trends, wohin sich diese Bereiche bewegen, habe ich für Sie nachfolgend zusammengetragen.
Kluge Unternehmer wehren sich noch heute, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter zu erfassen. ¿Ich brauche den Kopf meiner Leute und nicht deren Hintern¿, verdeutlichte mir noch vor einiger Zeit ein solcher Chef recht drastisch seine Meinung. Da man ¿ außer bei reparierenden Handwerkern ¿ gemeinhin Leistungen oder Produkte bezahlen muß, erlaubt das Messen und Erfassen der Arbeitszeit selten eine brauchbare Leistungsmessung. Neueste Untersuchungen zeigen darüber hinaus, daß freie Zeiteinteilung auch die Motivation beflügeln kann.
Wie auch immer, die Zeit bildet heutzutage dennoch weitgehend die Grundlage der Entlohnung. Sie muß also zunächst erfaßt werden. Hierbei kommt der elektronischen Datenerfassung inzwischen eine wichtige Rolle zu, weil sich diese Werte dann möglichst vollautomatisch in die integrierte Rechnerwelt des Unternehmens übernehmen und dort verarbeiten lassen.
Zeit und Zutritt
Die gute alte Stech- oder Stempeluhr findet sich nur noch selten in den Unternehmen. Schließlich mußten die aufgedruckten Zeitwerte auf der Stempelkarte anschließend manuell berechnet werden, um dann als Grundlage der Lohnfindung zu dienen. Elektronische Terminals bieten dagegen die Datenerfassung in computerverständlicher Form, erlauben zusätzliche Eingaben und bieten den Beschäftigten darüber hinaus umfangreiche Informationsmöglichkeiten über den aktuellen Stand des jeweiligen Zeitkontos.
Solche Terminals nutzen inzwischen das breite Spektrum an technischen Identifizierungsmöglichkeiten. Am weitesten verbreitet sind Personalkarten mit Magnetstreifen, Strichcode oder Chip, die neben der Zeiterfassung gleichzeitig als Firmenausweis dienen und gegebenenfalls Sperren, Drehkreuze und Türen öffnen, aber auch zum Abrechnen der Kantinenleistungen dienen. Dies alles erfordert ein hohes Maß an Datensicherheit, sowohl bei der Zugriffsberechtigung als auch hinsichtlich Vorkehrungen gegen Datenverlust beispielsweise bei Stromausfall.
Für Unternehmen mit sicherheitsrelevanten Bereichen gibt es sehr umfangreiche Anlagen, die den Zutritt für jeden einzelnen Mitarbeiter sehr differenziert regeln können und jede Bewegung exakt erfassen und dokumentieren. Hierfür offerieren die verschiedenen Anbieter über die Karten hinaus inzwischen sehr diffizile High-Tech-Produkte. Das beginnt bei den unterschiedlichen Verfahren berührungslos arbeitender Identifizierung, die quasi im Vorbeigehen mit Hochfrequenz oder induktiv die Anwesenheit erfassen.
Besonders faszinierend, geradezu wie Science Fiction erscheinen hierbei die biometrischen Verfahren, die bestimmte Körpermerkmale erkennen. Stimme, Fingerabdruck, die Farbaufteilung der Pupille oder auch gleich das ganze Gesicht bieten eine Fülle ¿fälschungssicherer Ausweise¿. Bisher dürfte sich der Preis allerdings nur bei sehr hohen Sicherheitsanforderungen rechtfertigen. Als Beispiel mag hier die automatische Gesichtserkennung Facevacs des Sicherheitsspezialisten Plettac dienen, die individuelle Merkmale an den Gitterpunkten eines künstlichen Netzes berechnet, das der Rechner über das Gesicht legt und mit den gespeicherten Daten der jeweiligen Person vergleicht.
Zeitdaten im Netzwerk
Flexible Arbeitszeit wie Gleitzeit, Monats- oder Jahres-Arbeitszeitkonten und viele andere Tarife führten zu einer ausufernden Fülle an Arbeitszeitmodellen, die sich inzwischen auch mit Computerhilfe kaum noch beherrschen lassen. Volkswagen kapituliert offensichtlich gerade vor dieser jahrelangen Herausforderung und bereinigt seine Schichtmodelle. Grundsätzlich geht es kaum noch ohne Computer; wirtschaftlich ist manuelle Abrechnung ohnehin nicht mehr. Selbstverständlich verknüpfen moderne Systeme die relevanten Personaldaten mit den Zeitwerten und stellen sie der Buchhaltung für Lohn und Gehalt zur Verfügung. Gottseidank hat sich die anfängliche Verunsicherung über den ¿gläsernen Menschen¿ in modernen Personalsystemen gelegt, nachdem die Sicherheitsvorkehrungen verschärft wurden. Denn wie geschrieben, ohne EDV wären inzwischen alle Unternehmen aufgeschmissen.
Während sich die Erfassungsterminals nur unwesentlich voneinander unterscheiden, beginnt im weitgehend unsichtbaren Bereich der Datenverarbeitung ein schier unübersehbar vielfältiges Angebot. Das einfache Terminal mit Direktverbindung zum Personal-Computer in der Personalabteilung bietet bereits eine Menge Komfort, wenn die richtigen Programme zum Einsatz kommen. Diese Einschränkung gilt natürlich auch für größere vernetzte Anlagen mit mehreren Terminals und erst recht für die Dinosaurier, die ihre Daten entweder selbst vorverarbeiten, um sie dann dem integrierten Firmensystem zur Verfügung zu stellen, oder sie gleich in den Großrechner einspeisen. Daß hierbei die gesamte Personalwirtschaft einen scharf abgegrenzten Bereich einnehmen muß, der strengen Zugangsrichtlinien unterliegt, dürfte klar sein. Ebenso muß die Sicherheit der Daten gewährleistet sein.
Vom PC bis zum Internet
Nun wachsen die Anforderungen naturgemäß mit der Betriebsgröße. Aber schon kleinere Unternehmen können von einer funktionierenden Zeitwirtschaft profitieren. Dazu genügen Terminal und der unvermeidliche PC mit den passenden Programmen. Außer der Grundlage für die Entlohnung kann das gleiche System, wenn die Terminals an geeigneter Stelle im Betrieb stehen/hängen, gleich noch zum Erfassen von Betriebsdaten dienen. Beginn und Ende eines Auftrags bilden auf diese Weise die Grundlage für Kalkulation und Rechnung. Selbst solche einfachen Konfigurationen bergen eine Menge an Fallstricken, die das Wissen erfahrener Spezialisten erfordern.
Obwohl sich die Angebotsszene durch Firmenübernahmen und -zusammenschlüsse etwas konzentriert hat, dürften in Deutschland noch um die 150 Unternehmen am Markt sein. Mit entsprechend harten Bandagen wird deshalb auf dem Markt gedrängelt. Bei Anbietern mit überregionaler Bedeutung, die das gesamte Spektrum im Programm haben, verringert sich diese Zahl allerdings erheblich. Eine der letzten größeren Transaktionen war die Übernahme der Zeit- und Zutritt-Aktivitäten von Hengstler durch MBB Gelma. Dort läuft der Bereich als ¿Hengstler Time + Acces¿ zunächst weiter. Die Grafik des Systems IPEV verdeutlicht, daß hier von den kleinsten Systemen einer Filiale bis zu großen datenbankbasierten Netzwerken alle Größenordnungen abgedeckt werden können. Das wiederum ergänzt das ursprüngliche Produktspektrum von MBB Gelma, die zur Kommunikation in diesem Bereich bereits Internet und Intranet einsetzen.
Wie geht¿s weiter
Sie merken schon, daß der Fantasie bei der Ausgestaltung von Arbeitszeitmodellen künftig keinerlei Grenzen gesetzt sind. Auch die Globalisierung mit weltweiten Filialen, virtuellen Unternehmen oder die Telearbeit meistern die Spezialisten dieser Branche mit Bravour. Ob sich das dann rein organisatorisch noch beherrschen läßt und rechnet, steht auf einem anderen Blatt.
Bernhard Siegmund / März 1999








