Wirtschaft + Unternehmen

Nur Konstruieren ist nicht genug

Zeichenbretter, 2D, 3D ¿ das war gestern. Die Zukunft gehört Systemen, die den gesamten Produktentwicklungsprozess unterstützen. Doch gefragt sind nicht nur Funktionalitäten, die aus Ideen in kürzester Zeit Produkte entstehen lassen. Genauso wichtig ist die Möglichkeit der Zusammenarbeit über Landes- und Datumsgrenzen hinweg, Skalierbarkeit, leichte Erlernbarkeit und Internet-Funktionalitäten.

Ein Rundgang auf der Messe bringt es an den Tag. Im Gespräch mit Lösungsanbietern für die Konstruktion und Entwicklung fallen an jedem Stand dieselben Begriffe: 2D/3D-Funktionalität, Zeitersparnis, Volumenmodellierung, NC-Bearbeitung und PDM-System sind nur einige davon. Verwirrend für potentielle Kunden, denn anhand von Broschüren und Gesprächen auf einer Messe lassen sich heute keine Entscheidungen für ein CAD/CAM-System treffen. ¿Versprochen wird viel, gehalten meist weniger¿, bringt es ein Anwender auf den Punkt, mit dem ich mich unterhalte. Er sei ein alter Hase im Konstruktionsbereich und auf der Suche nach einem System, welches das bestehende ablösen soll: ¿Zu viele Inseln, wenig durchgängige Funktionen und immer mehr Zeitdruck machen uns zu schaffen¿, plaudert er aus der Praxis. Mit einem Midrange-System wäre seine Abteilung mit acht Konstrukteuren gut bedient, sofern die einzelnen Komponenten sauber aufeinander abgestimmt, sprich kompatibel, zueinander seien. Natürlich müsse es Internet-Funktionalitäten geben und der Preis und die Investitionssicherheit seien ebenfalls gewichtige Entscheidungskriterien. Doch die Auswahl falle ihm schwer, da sich das Angebot auf den ersten Blick kaum unterscheiden würde.

Nach einer anregenden Unterhaltung trennen sich unsere Wege, seine Argumente und Probleme bleiben mir jedoch im Gedächtnis haften. Denn eifrige Vertriebsleute versicherten auch mir gegenüber schon allzu oft die umfassenden Funktionalitäten ihrer Systeme. Tatsache ist, dass gerade der Midrange-Markt seit einiger Zeit heftig umkämpft ist. Preisgünstige Systeme statten die Hersteller mit immer mehr Features aus, damit sie in der Oberliga antreten können und Highend-Systeme erhalten Ableger, die als Türöffner für den Markt der kleinen und mittelständischen Unternehmen dienen sollen. Ob zugesicherte Eigenschaften in der Praxis Bestand haben, zeigt sich leider meistens erst, wenn es zu spät ist.

Bei einem späteren Termin auf dem Messestand der IBM Engineering Solutions, spreche ich diese Problematik an. Meine Gesprächspartner sind Dr. Manfred Sammet, Leiter IBM Engineering Solutions Central Region, und Dr. Thomas Wedel, Marketingleiter dieses Geschäftsbereichs. Beide sehen es als Herausforderung, mir ihre Standpunkte und die besondere Philosophie ihres Unternehmens bei einem Ortstermin in der Stuttgarter Zentrale zu erläutern.

Strategie: Alles aus einer Hand

IBM Engineering Solutions zählt zu den führenden Anbietern auf dem CAD-Markt, der Lösungen, bestehend aus Produkten (Hard- und Software) und Dienstleistungen, aus einer Hand offeriert. Involviert ist der französische Partner Dassault Systèmes, der die Software Catia beisteuert. In der Automobilbranche sowie der Luft- und Raumfahrt arbeiten bereits tausende von Entwicklern und Konstrukteuren mit diesem System, das den ¿State of the Art¿-Status erreicht hat. Gebündelt mit den IBM-Kompetenzen in den Bereichen Engineering, Beratung, Hardware und Internet-Technik entstand so ein Produkt- und Dienstleistungspaket, das im Highend-Bereich kaum Wünsche offen lässt.

Seit rund einem Jahr hat IBM neue Marktsegmente ins Auge gefasst, die mit den Versionen P1 und P2 bedient werden und kleinen und mittelständischen Fertigungsunternehmen einen kostengünstigen Einstieg in die Produktentwicklung und Herstellung auf dem neuesten Stand der Technik ermöglichen soll. Sie erhalten durch diese Bündelung ein System, das alle Anforderungen der Konstruktion, Entwicklung, Fertigung bis hin zu Internet-Funktionalitäten abdeckt und mit dem Unternehmen wächst.

Eine Woche später in der Stuttgarter Zentrale treffe ich wieder mit Sammet und Wedel zusammen. Von ihnen möchte ich erfahren, wie sich das IBM-Angebot von den Wettbewerbern unterscheidet und was Anwender von der neuen Catia-Version 5, Release 4 erwarten können.

Sammet übernahm zu Beginn dieses Jahres die Leitung des Unternehmensbereiches und kann auf rund 20 Jahre Erfahrung im CAD-Markt zurückblicken, der sich aus seiner Sicht in den letzten Jahren wesentlich verändert hat: ¿Die Fertigungsindustrie ist gekennzeichnet durch einen starken globalen Wettbewerbsdruck, gleichzeitig erwarten die Verbraucher hohe Qualität von Design und Funktionalität der Produkte¿. Darauf müssen die Anbieter von CAD/CAM-Systemen reagieren: ¿Eine traditionelle Produktentwicklung mit mehreren, oftmals sogar unterschiedlichen Systemen, kann sich ein Unternehmen nicht mehr leisten. Wer heute als Fertiger am Markt erfolgreich sein will, muss traditionelle Prozesse durch neue ablösen. Innovation in der Produktentwicklung und Herstellung sind so wichtig wie nie zuvor¿.

Neue Techniken allein sind für Sammet kein Erfolgsgarant, sondern ihre sinnvolle Kombination im Zusammenspiel mit neuen Arbeitsabläufen und neuen Medien wie dem Internet. ¿Unser Ziel ist das papierlose, digitale Unternehmen - nur so lässt sich der gesamte Produktlebenszyklus simulieren und optimieren¿. Der Vorteil liegt auf der Hand: Kostenersparnis und verkürzte Produktentwicklungszeiten. Der vielgepriesene Slogan ¿Time to Market¿ müsse endlich Realität werden. Das gebündelte Know-how der IBM Engineering Solutions unterstützt dazu den gesamten Entwicklungsprozess von der Produktidee bis hin zum fertigen Produkt. Beim Kunden soll zudem das Wissen der Anwender dem gesamten Unternehmen zugänglich gemacht (¿Wissensbasierte Konstruktion¿), Prozesse neu organisiert und das Änderungsmanagement verfeinert werden.

Simulieren mit Methode

Dieser Katalog von Leistungen und Zielen macht neugierig, deshalb möchte ich von Marketingleiter Wedel wissen, mit welchen Produkten und Dienstleistungen diese Ziele für Unternehmen erreichbar sind. Er erklärt mir, dass das von der IBM integrierte Produkt-Portfolio Software für Computer Aided Design (CAD), Computer Aided Manufacturing (CAM), Computer Aided Engineering (CAE) und Product Development Management (PDM II) enthält. Basis sei die Produktfamilie Catia Solutions mit zahlreichen Modulen, die nach Bedarf kombiniert werden können. Besonders interessant sei beispielsweise die Möglichkeit des Digital Mock-Up, das den virtuellen Zusammenbau eines Produktes ermöglicht. Dadurch würden Fehler und Probleme beim Zusammenbau von CAD konstruierten Bauteilen frühzeitig erkannt. Das Produkt und alle Prozesse im Umfeld des Produktes werden dabei im Rechner simuliert. Modelldaten von Maschinen können zudem für die Simulation ganzer Maschinenstraßen verwendet und auch in korrekte 2D-Zeichnungen abgeleitet werden. Die Wirtschaftlichkeit von Catia zeige sich gerade bei kleinen Serien.

Passend für alle Fälle

Interessant für kleinere Unternehmen ist der stufenweise Einstieg, denn die neue Version 5 wird erstmalig in zwei Varianten angeboten. ¿Plattform P1 richtet sich an kleine und mittelständische Unternehmen, die eine vollständige digitale Produktdefinition anstreben und sich auf den Einsatz von E-Business vorbereiten wollen, P2 an Kunden mit anspruchsvollen Entwicklungsaufgaben, die hohe Anforderungen an die Produkt-, Prozess- und Ressourcenmodellierung stellen¿, erklärt Wedel. Effizient sei bei P2 die Möglichkeit des Hybrid-Designs auf der Basis von Funktionen zur Formgebung und Zusammenbausimulation als Teil eines integrierten digitalen Modells, fährt er fort.

Neben Unix- und Windows NT ist die abgespeckte Version P1 auch für Windows 95, 98 und 2000 erhältlich. Beide Varianten basieren auf der Architektur der Version fünf und sind daher voll ausbaufähig und kompatibel zueinander. Mit überzeugenden Modellierfunktionen und Windows-Oberfläche sollen sie auch Einsteiger ansprechen und mit deren Bedürfnissen wachsen: vom interaktiven zweidimensionalen Zeichnen bis hin zur vollständig digitalen Prozessentwicklung. Auch für bestehende Kunden soll diese Version attraktiv sein. Aus beiden Plattformen und weiteren Modulen schnürt IBM passgenaue Pakete für die unterschiedlichen Ansprüche der Kunden.

Über Datumsgrenzen hinweg

Globales Denken und Handeln ist angesagt: Egal, ob Zulieferer aus dem fernen Osten, Programmierer in Indien oder Kunden in den USA ¿ die Kommunikation miteinander ist ein wichtiger Bestandteil unseres heutigen Arbeitens. Das gilt selbstverständlich auch für die Produktentwicklung und -fertigung. IBM trägt dieser Entwicklung Rechnung und hat sein Angebot mit der Lösung Catweb erweitert. ¿Diese Technik wurde für Maschinenbau- und Konstruktionsfirmen entwickelt, die Intranet-/Internet-Strategien einsetzen möchten, um Produktinformationen über das Intranet/Internet nicht nur Konstrukteuren, sondern auch anderen Anwendern zur Verfügung stellen zu können¿, erzählt Wedel und ergänzt, dass dadurch eine Netzwerkverbindung zwischen Anwendern in einem sogenannten erweiterten Unternehmen entsteht. ¿Anwender können gleichzeitig auf vorhandene virtuelle Produktdaten zugreifen, Daten abfragen und diese mit anderen Anwendern austauschen¿, berichtet er begeistert. Einsatzbereiche seien beispielsweise Vertragspartner und Unterlieferanten an einem entfernten Standort oder alle eigenen Abteilungen, die Catia-Modelle betrachten und darstellen müssen.

Zentrales Organ: PDM

Sehr oft unterschätzt wird in der Praxis die Notwendigkeit ein PDM-System (Produkt-Daten-Management) einzusetzen. Dabei sind gerade in diesem Bereich enorme Rationalisierungspotenziale möglich, denn die Suche nach Daten, ihr Abgleichen und das Koordinieren der Daten mehrerer Arbeitsteams ist ein anspruchsvolles Unterfangen. ¿Wir setzen in diesem Bereich auf Enovia, eine sogenannte Multi-CAD-Teamarbeitsumgebung, die alle Produktinformationen während des gesamten Produktlebenszyklus verwaltet und weit über die normale PDM-Funktionalität hinaus geht¿, erklärt Sammet. Deshalb spreche man bei IBM auch von Product Development Management (PDM II) Besonders herausragend ist dabei seiner Ansicht nach die Möglichkeit zum Concurrent-Engineering: ¿Dadurch können beispielsweise Konstrukteure eng mit den Ingenieuren eines Auftraggebers zusammenarbeiten und in einem Team die gleichen digitalen Modelle bearbeiten und modifizieren¿. In Echtzeit gemeinsam auf die gleichen Daten zuzugreifen und neue Teile in einer virtuellen Umgebung zu entwickeln, die den tatsächlichen Maschinenaufbau simuliert, sei eine Möglichkeit, die besonders kleinen und mittelständischen Unternehmen zugute käme. Denn dies vereinfache den Aufbau der Produktstrukturen und den Zusammenbau der Bauteile zur Überprüfung der Passgenauigkeit.

¿Die PDM-Lösung Enovia ist ein gutes Beispiel für die Unterstützung des gesamten Produktentwicklungsprozesses¿, fasst Sammet zusammen. Die Wirkungsweise aller Komponenten dieser Produktfamilie ließe sich nur schwer anhand von Broschüren vermitteln, denn um wirklich Rationalisierungspotenziale zu erschließen und die Entwicklungszeiten zu verkürzen, sei die Einbeziehung des Kunden notwendig: ¿Wir verkaufen nicht einfach nur Software, sondern unterstützen unsere Kunden mit einem breitgefächertes Angebot, das von der Beratung, Analyse, Outsourcing, Hardware bis hin zu Aus- und Weiterbildung reicht. Und das aus einem Guss und einer Hand¿.

Stefan Graf / Juli 2000

Links: http://www.de.ibm.com

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