MES
„Kein Platz für Insellösungen“
SCOPE: Industrie 4.0 soll die Fertigung komplett umkrempeln, wie Wolfgang Wahlster, Chef des Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, es definiert: Ein neues Produktionssteuerungsprinzip, in dem der Rohling selbst sagt, wie er produziert werden soll - die zentrale Steuerung wird durch eine dezentrale ersetzt. Mit Industrie 4.0 werden MES-Systeme dann doch überflüssig?
Kletti: Das sehen wir keineswegs so. Wir sind uns sicher, dass auch in Zukunft MES-Systeme benötigt werden um die dezentralen Prozesse zu unterstützen. In der Produktion darf keine Anarchie herrschen. Daher muss es eine Instanz geben, die für Regeln sorgt und auch Verantwortung übernehmen bzw. eingreifen kann, wenn die autonom agierenden Werkstücke einmal nicht zu einer Lösung von Konflikten finden. Das MES wird also bei aller Dezentralisierung eine zentrale Rolle einnehmen. Daher haben wir in unserem Zukunftskonzept MES 4.0 wichtige Anforderungen zusammengefasst, die moderne Fertigungsprozesse an ein MES-System haben. Wir werden fortan alle unsere MES-Anwendungen sukzessive in Richtung MES 4.0 weiterentwickeln.
SCOPE: Kann man sich unter Industrie 4.0 eine Art Kommunikationsnorm vorstellen, in der alle Lösungen und Produkte, die Industrie 4.0 beherrschen, miteinander kommunizieren können?
Kletti: Prinzipiell ja, Industrie 4.0 ist aber noch viel mehr. Von einer wirklichen Standardisierung sind wir allerdings noch ein ganzes Stück entfernt. Erste Ansätze gibt es bereits: z.B. OPC oder "unser" Standard UMCM (Universal Machine Connectivity for MES). Mit UMCM können wir nahezu jede Maschinen unkompliziert an ein MES-System anbinden. Die Vernetzung aller Beteiligten Komponenten und Systeme ist zwar eine wichtige Grundlage von Industrie 4.0, allerdings sollten auch die Anforderungen, die durch die Umstrukturierung vieler Produktionsanlagen ergeben, nicht vernachlässigt werden. In Zukunft wird das, was wir "horizontale Integration" nennen immer wichtiger werden. Alle an der Produktion beteiligten Ressourcen müssen übergreifend und schnittstellenfrei geplant und ausgewertet werden können. Für Insellösungen ist da kein Platz mehr. Der ganzheitliche Ansatz - insbesondere bei einer MES-Lösung - wird enorm an Bedeutung gewinnen.
SCOPE: In Gesprächen mit etlichen Anwendern in den letzten Monaten habe ich häufig Industrie 4.0 angesprochen - die meisten konnten mit dem Begriff nichts anfangen. Ist das bei Ihren Kunden anders?
Kletti: Ich würde sagen, dass viele wenig mit dem Begriff anfangen können. Unserer Kunden leben im hier und jetzt - die Produktion muss heute effizient laufen. Planungen in ferne Zukunft sind zwar immer wieder Gesprächsthema, doch "Industrie 4.0" ist dazu oftmals noch zu visionär. Nur wenige Unternehmen sehen die radikalen Veränderungen als notwendig an. Die derzeit genutzten Fertigungsprozesse bieten teilweise noch Potenzial, dass erst einmal ausgeschöpft werden will. Natürlich ist der Bekanntheitsgrad von "Industrie 4.0" auch abhängig davon, wen man im Unternehmen fragt. Je IT-lastiger der Gesprächspartner ist, desto eher ist er mit dem Thema vertraut. Das wir noch eine große Herausforderung: Wir müssen eine gemeinsame Sprache für IT- und Produktionsverantwortliche finden.
SCOPE: Anfang der 90er Jahre gab es einen ähnlichen Anlauf mit CIM - von Forschungsinstituten und Lösungsanbietern thematisiert, endete es bei den Anwendern als Cimsalabim. Sehen Sie eine ähnliche Gefahr bei Industrie 4.0?
Kletti: Ich hoffe doch sehr, dass man aus CIM gelernt hat und wir es dieses Mal besser machen können. Ganz von der Hand zu weisen ist der Vergleich mit CIM jedoch nicht. Allerdings sind die technischen Voraussetzungen nun deutlich besser als in den 90er Jahren - und wir haben verstanden, dass der Mensch ein wichtiger Bestandteil der Produktionsprozesse ist. Die menschenleere Fabrik wird es in nur sehr wenigen Fällen geben. Vielmehr werden sich die Maschinen dem Menschen anpassen, so dass die Interaktion deutlich einfacher wird. Das hat natürlich auch auf die Fertigungs-IT Auswirkungen. Auch wir haben uns dazu bereits Gedanken gemacht: Zur Hannover Messe stellen wir im Rahmen des Zukunftskonzepts MES 4.0 unsere neuen Mobile Clients "Smart MES Applications" (SMA) vor. Damit können Mitarbeiter in der Produktion wesentlich flexibler agieren und anstehende Tätigkeiten smarter erledigen.
SCOPE: CIM ist nicht zuletzt gescheitert, weil die Lösungsanbieter eigene Normen und Firmenstandards nicht zugunsten einheitlicher Standards aufgeben wollten. Sehen Sie heute größere Chancen für einheitliche Kommunikationsstandards?
Kletti: Wie gesagt, das wird noch ein langer Weg bis zu einem wirklich umfassenden und anbieterübergreifenden Kommunikationsstandard. Wir von MPDV sind stets bemüht, die Standardisierung voranzutreiben. Daher bringen wir unser Wissen und unsere Kompetenz in die einschlägigen Verbände (VDI, VDMA und MES-D.A.CH Verband) ein. Wie Sie sicher wissen haben wir maßgeblich bei der Erstellung der VDI Richtlinie V5600 mitgewirkt.
SCOPE: Industrie 4.0 basiert sehr stark auf der Kommunikation und Datenhaltung per Cloud. Genau vor diesem Thema schreckten aber viele Industriebetriebe bisher aus Sicherheitsgründen zurück. Welche Rolle spielt die Sicherheitsfrage bei Industrie 4.0?
Kletti: Die Frage der Datensicherheit ist immer eine sehr heikle Angelegenheit. Insbesondere nach dem, was man in den letzten Monaten immer wieder zum Thema Cloud in der Fachpresse lesen konnte. Ich denke, dass die Forderung nach absoluter Vernetzung über öffentliche Netzwerke eines der Themen ist, dass viele Unternehmen vor Industrie 4.0 zurückschrecken lässt. Vielleicht müssen wir hier schrittweise vorgehen: zunächst einmal die Prozesse dezentralisieren und in einem weiteren Schritt die benötigte IT in die Cloud auslagern. Auch dezentrale Fertigungsprozesse kann man mit einem modernen Manufacturing Execution System wie HYDRA managen.
SCOPE: Die Bundesregierung und die EU fördern Industrie 4.0 finanziell massiv. Können neben Forschungsinstituten und Konzernen auch kleine und mittelständische Unternehmen - wie z.B. MPDV - von den Geldern profitieren?
Kletti: Die Berater des MPDV Campus beschäftigen sich seit Ende 2009 mit dem Projekt "LUPO", welches allerdings aus früheren Töpfen gefördert wird. Aktuell haben wir zusammen mit der Universität Potsdam ein neues Projekt mit dem Titel "Selbstorganisierende Störungsbehebung in intelligenten Produktionsnetzen" eingereicht, welches zur Zeit geprüft wird. Aufgrund der breiten Massen an Forschungsprojekten zum Thema "Industrie 4.0" dürfte es aber schwierig werden, signifikant von den Fördermitteln der Bundesregierung zu profitieren. Aber auch ohne externe Fördergelder sehen wir uns gegenüber unseren Kunden verpflichtet, Trends im Fertigungsumfeld frühzeitig zu erkennen und mit strategischen Konzepten darauf zu reagieren. Mit MES 4.0 tun wir genau das.








