Wirtschaft + Unternehmen

Kein Platz an der Sonne

Noch hat es sich in den oberen Etagen nicht so recht herumgesprochen: Arbeitssicherheit gehört auch ins Büro. Doch vor allem an den in punkto Ergonomie stiefmütterlich behandelten Bildschirmarbeitsplätzen geht nicht nur die Geundheit der Mitarbeiter flöten. Wer seinen Rücken krank sitzt, die Augen schwach sieht und Hände und Arme steif tippt, dem fehlt es schnell auch an Motivation und Arbeitsleistung. Unternehmer, die sich das klar machen, reagieren, weil sie merken, dass sie am falschen Ende sparen.

Marlies Kraus denkt gern im Stehen. Den Kopf auf die Hand gestützt, lehnt sie am Schreibtisch ¿ ihren leicht abgesenkten 21-Zöller fest im Blick. Kritisch prüft sie die getane Arbeit und plant ihre nächsten Schritte. Sie betrachtet ihr Werk ganz ungestört, ohne blendendes Tageslicht oder Reflexionen auf der Bildschirmoberfläche. Dass ihr trotz des Lichtschutzes der Blick auf die Straße nicht verwehrt bleibt, liegt am Material des nachträglich am Fenster angebrachten Rollos: eine durchsichtige, gitterartig strukturierte Kunststoff-Folie. Wie eine Sonnenbrille schluckt sie alles Grelle und entlastet die Augen.

¿Seit ich meinen Ellbogen auf die Handablage stütze, hat er aufgehört zu schmerzen¿, freut sich die Planerin. Den Gelwulst, den sie sich auf ihrem Sitz-Steh-Tisch vor die Tastatur gelegt hat, weiß sie allerdings nicht nur deshalb zu schätzen. Während sie mit Maus und Tastatur am Bildschirm die nächste ergonomisch optimierte Einrichtung eines Büros entwickelt, lagern ihre Handballen statt auf hartem Holz auf dem weichen Polster.

Jeder Dritte ungenügend

Ein blendfreier Arbeitsplatz mit Aussicht, dazu ein in Sekundenschnelle verstellbarer Sitz-Steh-Tisch, der selbst bei raumfüllenden, bleischweren Monitoren nicht wackelt und genügend Sehabstand bietet, davor ein auf die jeweiligen Bedürfnisse einstellbarer Arbeitsstuhl: Eine Arbeitsumgebung von dem das Gros der tagtäglich am Monitor Arbeitenden nur träumen kann. Einer Umfrage des Büromöbel-Forums, Wiesbaden, zufolge, läßt etwa jeder dritte Bildschirmarbeitsplatz stark zu wünschen übrig.

Da klemmen sich lange Lulatsche krummbucklig zwischen Tischkante und Monitor. Der kleine, viel zu niedrige Schreibtisch lässt keine andere Sitzhaltung zu. Da nehmen fest geschlossene Jalousien die Sicht nach draußen, weil andernfalls das grelle Sonnenlicht die Augen reizt. Geschickt platzierte Pappdeckelschilder sollen im Gegenzug die Blendung der ewigleuchtenden Neonlampen vom Monitor fern halten.

Gewagte Hilfskonstruktionen, die als Vorlagenhalter dienen, ausgelutsche Arbeitsstühle, für die gesündere Sitzhaltung mit einem Keilkissen aufgepeppt... Es gibt nach wie vor unendlich viele Spielarten von Bildschirmarbeitsplätzen: Die Vorschriften der seit 1993 geltenden EU-Bildschirmrichtlinie und der darauf basierenden deutschen Bildschirmarbeitsverordnung erfüllen die wenigsten.

Anders als im Betrieb, wo Sicherheitskräfte und Berufsgenossenschaften akribisch darauf achten, dass die Sicherheitsvorschriften eingehalten werden, Warnhinweise dort prangen, wo sie hingehören, Schutzeinrichtungen einwandfrei funktionieren und die Mitarbeiter die persönliche Schutzausstattung tatsächlich nutzen, wird die Arbeitssicherheit im Büro und an den dortigen Bildschirmarbeitsplätzen anscheinend nicht ernst genommen. Die Folgen bleiben nicht aus und haben die Amerikaner (wen sonst) dazu veranlasst, die Akronyme RSI- und CTS-Syndrom zu kreieren.

RSI steht für ¿Repetive Strain Injury¿ worunter die Mediziner ständige, heftige Schmerzen in Nacken, Kopf, Arm und Hals verstehen. Kribbelt es in den Händen, fühlen sie sich immer wieder mal wie taub an oder schmerzen die Arme, so weist das den zu Hilfe gerufenen Arzt auf das Carpaltunnel-Syndrom (CTS) hin. Für Augenflimmern, Tunnelblick und zunehmende Sehschwäche hat bisher noch niemand einen Begriff gefunden. Und auch für die vom ständigen falschen Sitzen verursachten schmerzenden Beine und die Beschwerden in Höhe der Lendenwirbel gibt es keinen griffigen Namen. Was nicht heißt, dass es Schmerzen und Irritationen nicht gäbe. Die Bildschirmarbeiter wissen davon ein Lied zu singen. Leider ein ungehörtes.

Sichere Motivationskiller

¿Die Gesundheitsschäden sind nur die eine Seite der Medaille¿, gibt Gerhard Braun, Geschäftsführer des CAD-Tisch-Herstellers und Büro- beziehungsweise CAD-Arbeitsplatz-Ausstatters Org-Delta zu bedenken: ¿Kranksitzen, Spiegelungen, Gegenlicht, Lärm und andere Ablenkungen wirken sich direkt auf die Arbeitsqualität und die -leistung aus. Was da verloren geht, das müssen sich die Unternehmer, die an der Büroausstattung sparen, einmal vor Augen halten.¿ Bis zu 30 Prozent, so schätzt der auf Ergonomie spezialisierte Unternehmer, sänken Motivation und Leistung am nachlässig ausgestatteten Arbeitsplatz.

Untersuchungen von Ergonomen lassen sogar auf wesentlich drastischere Leistungssenken schließen. 30 bis 60 Prozent der Arbeitskraft gehen demnach den Arbeitgebern jährlich verloren. Wobei Krankheitstage nur mit drei bis fünf Prozent zu Buche schlagen. Such- und Sortierarbeiten auf viel zu kleinen Tischen sowie Konzentrationsmängel, bedingt durch Lärm, optische Störungen und durch unangenehmes Raumklima, halten die Mitarbeiter viel drastischer von ihrem Tageswerk ab.

Braun ist ganz sicher: ¿Wer mit einer etwas mehr als DIN A4 großen Nettoarbeitsfläche auskommen muss, verbringt täglich 15 bis 30 Prozent seiner Arbeitszeit mit Suchen. Das ist pure Verschwendung.¿ Nicht selten müssen Bildschirmarbeiter sogar mit weniger auskommen. Bei den ¿praktischen¿ Computertischen mit der ausfahrbaren Lade für die Tastatur fehlt die Ablage meistens ganz.

Wen wundert¿s, dass jemand, der zum x-ten Mal ein und dasselbe Arbeitspapier unter einem Blätterstapel hervorgekramt hat, von Spaß bei der Arbeit überhaupt nicht mehr reden will. Und damit hört die Qual der Mitarbeiter noch nicht auf. Als ebenso wenig motivationsfördernd erweist sich nämlich der tagtägliche Sitzmarathon. Starres, für den Normmenschen hergestelltes Mobiliar zwingt die meisten in eine ungesunde Sitzhaltung. Die Wirbelsäule dankt¿s prompt mit Schmerzen. ¿Wenn wir Menschen zum statischen Sitzen zwingen, ist das fast so schlimm wie sie den ganzen Tag Kisten schleppen zu lassen.¿ Denn was die Bandscheiben dabei auszuhalten haben, reicht beinahe an die Schwerstarbeit-Belastung heran.

Richtig sitzen ¿ zwischendurch stehen

Lassen Sie Ihre Mitarbeiter öfter mal stehen, fordern deshalb Ergonomiepäpste, Mediziner, Berufsgenossenschaften und Büromöbel-Hersteller unisono. Mit gutem Grund: Anders als beim Sitzen kann das Blut im Körper eines Stehenden ungehindert zirkulieren. Ein Vielfaches an Sauerstoff gelangt ins Gehirn, weshalb Reaktions- und Aufnahmefähigkeit steigen.

Die mit dem Steh-Appell ins Blickfeld rückenden Sitz-Steh-Tische bringen aber nicht zwangsläufig den erhofften Erfolg. Entschlusskraft, körperliche Aktivität und Konzentration nehmen nur dann zu, wie von Experten prognostiziert, wenn der Wechsel zwischen Hoch und Runter, Sitzen und Stehen tatsächlich stattfindet. Dazu darf es keine Mühe bereiten, die Tischhöhe den augenblicklichen Haltungswünschen anzupassen. Andernfalls bleibt der Tisch nämlich meistens so wie er ist. Kurbeln oder gar Schrauben lösen und hochziehen beziehungsweise runterdrücken, kommt deshalb kaum in Frage. Zumal es meist viel zu viel Zeit kostet.

Nicht ohne Konzept...

Für das Problem Bildschirmarbeitsplätze greift der Lösungsvorschlag, allen Mitarbeitern einen arbeitsgerechten Sitz-Steh-Tisch unter den Monitor zu schieben und einen neuen Bürostuhl zu spendieren, trotz aller Vorteile bei weitem zu kurz. Das bringt auch der Check an den Tag, den die Richtlinien-Verfasser für jeden einzelnen Arbeitsplatz vorschrieben. Was die Unternehmen brauchen, die ¿ aufgefordert durch die Bildschirmarbeitsplatz-Verordnung ¿ ihre Büros auf einen ergonomisch sinnvollen Stand bringen wollen (oder müssen) ist ein Gesamtkonzept. Braun: ¿Wir anaylsieren dazu bei unseren Kunden vor Ort die Räume und die Arbeitssituation. Lichtverhältnisse, Raumklima, Lärmquellen, alles spielt da mit rein.¿

Entscheidend ist ebenfalls, wer wie in den Büros arbeitet. Geistige Einzelarbeiter ¿ Konstrukteure zum Beispiel ¿ brauchen neben Tisch, Stuhl und Beleuchtung einen gewissen optischen und akustischen Schutz. Damit der Gedankenaustausch untereinander nicht zu kurz kommt, muß es neben den Konzentrationsräumen auch Kommunikationsräume geben. Mitarbeiter von Call-Centern dagegen stört die Kommunikation miteinander nur noch mehr. Sie sitzen meist alle zusammen im Großraumbüro, den Headset auf dem Kopf, den Computer im Blick und erteilen den Anrufern Auskunft: alle auf einmal, jeder für sich, wild durcheinander. Hier gilt es vor allem die Lärmbelastung auf einen erträglichen Pegel zu bringen.

Steht das Gesamtkonzept für ergonomische Büro- und Bildschirmarbeitsplätze, rücken sehr schnell Fragen in den Mittelpunkt: Was kostet das? Wer soll das bezahlen? Womit fangen wir an? Denn nur wer die ganze Zeit über seine Büros mit Blick auf die Ergonomie ausgestattet hat, könne es schaffen, alles auf einmal den Vorschriften entsprechend umzugestalten.

...und mit Strategie

Für alle anderen empfiehlt sich strategisches Vorgehen. Bedarf feststellen, Kosten ermitteln, Kostenplan erstellen und Maßnahmen sinnvoll über einen längeren Zeitraum verteilen: So ungefähr könnten die einzelnen Schritte lauten. Dort mit den Sanierungsmaßnahmen anzufangen, wo die Not am größten ist, versteht sich von selbst. Vor allem da verursacht die ergonomische Umgestaltung nicht nur Kosten, sie bringt sogar Geld ins Haus, und zwar durch motiviertere, leistungsfähigere und konzentriertere Mitarbeiter. Genau das sollten sich die Köpfe der Unternehmen klar machen, bevor sie die Arbeitssicherheit im Büro und an den Bildschirmarbeitsplätzen unerledigt ad acta legen.

Claudia Treffert / August 1999

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