Wirtschaft + Unternehmen
Gesunder Vorwärtsdrang
Einigkeit macht stark. Das sagen sich auch die Graugießer der Arbeitsgemeinschaft Qualitätsguß (AGQ). Seit sieben Jahren setzen sie sich selbst höchste Qualitätsmaßstäbe. Und gewinnen damit nicht nur Freunde in der Branche: Bessere Werkstoffe als DIN, moderne CAD- und Simulationstechnik, Total Quality Management und offener Meinungsaustausch. Das setzt den Wettbewerb unter Zugzwang. Selbstbewußt definiert die AGQ neue Kundenbeziehungen und zeigt Flagge mit dem Markenzeichen Ferrocast. Kooperationsmodell für den Mittelstand? Welchen Nutzen Abnehmer und Konstrukteure davon haben, fragten wir den AGQ-Vorsitzenden Hans-Jakob Heger.
SCOPE: AGQ bedeutet Arbeitsgemeinschaft Qualitätsguß. Produzieren andere Graugießer keine Qualität?
Heger: Selbstkritisch müssen wir uns wohl fragen lassen, ob es nicht inzwischen einen faden Beigeschmack hat, wenn Unternehmen ständig von Qualität reden. Ist Qualität nicht selbstverständlich? Schließlich wurde die Qualität aller in Deutschland hergestellten Gußprodukte in den letzten Jahren dramatisch verbessert!
SCOPE: Was unterscheidet dann die AGQ-Firmen von anderen Graugießern?
Heger: Ihr besonders stark ausgeprägter Wille zur Qualität.
SCOPE: Und wie zeigt der sich?
Heger: Zunächst sind alle Unternehmen der Gruppe nach ISO 9000ff zertifiziert. Wir gehen aber noch weiter. In enger Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Institut für Gießereitechnik (IfG) optimieren wir ständig unsere Fertigungsprozesse und verbessern unsere Werkstoffqualität.
SCOPE: Was heißt ¿besser¿ bezüglich der Werkstoffe?
Heger: Besser als DIN. Das bestätigen auch die Untersuchungen des Institut für Gießereitechnik (IfG), die für den Zeitraum der letzten drei Jahren einen deutlichen Qualitätssprung unserer Ferrocast-Werkstoffe im Vergleich mit den Gütemerkmalen der DIN-Norm belegen. Unser Ferrocast-Siegel steht beispielsweise für eingeengte Toleranzen. Der Anwender kann also mit geringeren Schwankungen bei Härte und Festigkeit rechnen.
SCOPE: Setzen Sie mit solchen selbst erhobenen Qualitätskriterien den Wettbewerb Ihrer eigenen Branche nicht gehörig unter Druck?
Heger: Wie schön. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
SCOPE: Damit machen Sie sich aber nicht nur Freunde.
Heger: Einverstanden. Wir sind aber nie unfair oder aggressiv. Wir haben einen gesunden Vorwärtsdrang und möchten uns qualitativ weiterentwickeln. Und wir wollen, daß unsere Erkenntnisse im Lande bleiben und nicht nach Polen oder Tschechien abwandern.
SCOPE: Welche Ziele hat die AGQ?
Heger: Wir wollen den Produktionserfolg am Standort Deutschland. Das heißt, wir wollen unsere Produkte zu gewinnbringenden Preisen absetzen. Und zwar so, daß der Kunde unseren Preis gerne bezahlt, weil er weiß, daß unsere Erzeugnisse terminsicherer und qualitativ besser sind als die der Konkurrenz. Um das zu erreichen, stellen wir uns auch der Kritik von unabhängiger Seite, also durch das IfG, und setzen kontinuierlich Verbesserungen in den Betrieben um.
SCOPE: Wie sieht das praktisch aus?
Heger: Gemeinsam mit dem IfG haben wir detaillierte Checklisten erarbeitet. Viermal im Jahr überprüft ein Auditor des Instituts in einwöchigen Besuchen anhand dieser Listen die Betriebe. Dabei nimmt er alle qualitätssensiblen Bereiche von Organisation und Technik unter die Lupe: Arbeitsvorbereitung, Modellbau, die gesamte Fertigung, Ausschuß, Dokumentations- und Qualitätswesen, Logistik. Der Auditor vergibt Noten und definiert Dringlichkeitsstufen. Wir sind dann gehalten, die Verbesserungsvorschläge rasch umzusetzen. Dieser Prozeß läuft seit über drei Jahren und wird in immer feineren Prüfschritten weitergeführt. Dabei konnte die Zahl der aufgedeckten schwerwiegenden Verbesserungspotentiale inzwischen nachweislich um mehr als 30 Prozent gesenkt werden!
SCOPE: Wie kam es zur Gründung der AGQ?
Heger: Ins Leben gerufen wurde die Gruppe von Persönlichkeiten der Branche, die sich durch ihre ehemalige Mitarbeit im internationalen Meehanite-Verbund kannten. Ihr enger Kontakt, ihr Wissen um die unternehmerische Gesinnung der anderen und ihre gemeinsame strategische Ausrichtung veranlaßten sie 1992, die Arbeitsgemeinschaft zu gründen.
SCOPE: Neben technischen Anforderungen gaben also vor allem Aspekte des unternehmerischen Bewußtseins den Ausschlag?
Heger: Jawohl. Dieses Bewußtsein äußert sich beispielsweise im Selbstverständnis des Gießers als kundenorientiertem Service- und Dienstleistungs-Unternehmen. Auch wenn wir heute Neuaufnahmen prüfen, achten wir sehr darauf, daß wir in den Geschäftsführungen Persönlichkeiten antreffen, die uns in Strategie und Mentalität nahestehen. Die ¿Chemie¿ muß stimmen.
SCOPE: Stehen denn Neuaufnahmen bevor?
Heger: Wir diskutieren derzeit darüber. Ich kann und will hier nicht mehr dazu sagen. Es ist unser erklärtes Ziel, daß wir uns erweitern. Die Gruppe ist noch viel zu klein.
SCOPE: Welche Kriterien muß ein Gießereibetrieb erfüllen, um Mitglied werden zu können?
Heger: Zunächst muß seine technische Ausrüstung dem Stand der Technik entsprechen. Er muß von den Schmelzaggregaten bis zur Nachbehandlung über moderne Produktionstechnik verfügen . . .
SCOPE: . . . inklusive mechanischer Bearbeitung?
Heger: Nicht unbedingt. Die Kernkompetenz endet mit der Erstellung des Bauteils. Allerdings erweitern immer mehr Gießereien bei der mechanischen Bearbeitung, auch in unserer Gruppe. Unsere Definitionen beschränken sich jedoch auf die Produktionstechnik für Gußstücke. Schließlich sind wir Gießer.
SCOPE: Das kann aber doch nicht alles sein?
Heger: Keineswegs. Darüber hinaus muß das Personal eine gute Qualifikation mitbringen. Technische Ausrüstung und Qualifikation der Mitarbeiter lassen wir vor Neuaufnahmen vom Institut für Gießereitechnik prüfen. Sind beide Punkte geklärt, müssen weitere Gespräche zeigen, ob sich die Geschäftsleitung des neuen Betriebes mit den Zielen der AGQ identifiziert. Außerdem möchten wir uns von der Aufrichtigkeit der Unternehmerpersönlichkeit überzeugen. Nur das gewährleistet auch in Zukunft den offenen Austausch innerhalb der Gruppe.
SCOPE: Worin manifestiert sich dieser Erfahrungsaustausch?
Heger: Vertriebsleute, Gießereileiter und Qualitätssicherer der AGQ-Firmen treffen sich regelmäßig zu Fachgesprächen. Zweimal im Jahr werden die dort gewonnenen Erkenntnisse dann auf mehrtägigen Meetings von den Geschäftsführern diskutiert.
SCOPE: Das klingt nach einem Spagat. Wie bringen Sie Offenheit untereinander und Konkurrenz gegeneinander unter einen Hut?
Heger: Zugegeben, totale Offenheit gibt es auch bei uns nicht. Aber in Inhalt und Stil unterscheidet sich unser Meinungsaustausch deutlich von den Gesprächen mit Wettbewerbern außerhalb der Gruppe. Wir informieren uns gegenseitig mit dem Ziel, gemeinsam davon zu profitieren und nicht, um uns auszustechen.
SCOPE: Welche Vorteile bietet eine AGQ-Mitgliedschaft?
Heger: Der Hauptvorteil liegt im Benchmarking. Erstens, durch den ständigen Verbesserungsprozeß, vorangetrieben durch die Audits des IfG. Zweitens, durch Diskussionen und Erfahrungsaustausch in einem Kreis von Gießern, die hervorragend miteinander harmonieren. Das beinhaltet auch die gemeinsame Projektierung verfahrens- oder werkstofftechnischer Vorhaben, die jedem AGQ-Gießer nutzen.
SCOPE: Können sie dafür Beispiele nennen?
Heger: Die Reduzierung der Wandstärke-Toleranzen bei handgeformten Gußteilen. Ein Projekt, das uns im Wettbewerb deutliche Vorteile bringen wird. Damit treiben wir den Markt voran. Außerdem laufen auch Forschungsprojekte mit Gießereien außerhalb der AGQ, die produktionstechnische und metallurgische Verbesserungen zum Ziel haben. Darüber hinaus erarbeiten wir derzeit ein Schulungsprogramm für Konstrukteure, das wir voraussichtlich auf der Hannover Messe vorstellen werden.
SCOPE: Würden Sie sagen, daß sich die Gießer der AGQ in puncto Kompetenz und Qualität alle auf gleichem Niveau bewegen?
Heger: Auf ähnlichem Niveau. Deshalb ja auch die sorgfältige Prüfung neuer Kandidaten. Wir können es uns nicht leisten, Unternehmen aufzunehmen, die in Strategie und Technik meilenweit von uns entfernt sind.
SCOPE: Fordern Sie Kompetenz auf den Gebieten Konstruktion und Simulationstechnik?
Heger: Hier unterscheiden sich die Unternehmen ebenso wie bei den Spezialisierungen. Allerdings sehen wir unsere Chance durch den Abbau von Konstruktions-Know-how bei den Kunden! Viele Gußanwender haben durch übereilte Frühpensionierungen, Nachwuchsmangel und Lean-Konzepte heute große Lücken in Konstruktion und Entwicklung. Was liegt näher, als daß wir Gießer diese Lücke mit Beratung und Technologie füllen? Mancher Gießer investiert daher in kommunikationstechnische Infrastrukturen, mit denen sich Ideen schnell in fertige Bauteile umsetzen lassen.
SCOPE: Können Sie das konkretisieren?
Heger: Unser direkter Gesprächspartner ist der Konstrukteur oder Ingenieur des Kunden. Er schickt uns seine Zeichnung als CAD-Datei über standardisierte Schnittstellen. Der Gießer optimiert dann mit eigenen CAD-Systemen und eigenen Maschinenbau-Konstrukteuren die Konstruktion unter gießtechnischen Gesichtspunkten und simuliert den Produktionsprozeß. Manch einer prüft sogar die Aufnahme von Rapid Prototyping-Verfahren in das eigene Serviceangebot.
SCOPE: Die Strukturen des Zuliefermarktes haben sich in der Vergangenheit tiefgreifend verändert. Sehen sich die Betriebe der AGQ als Teilelieferanten oder als Systemzulieferer?
Heger: Wird sind Teilelieferanten. Allerdings werden wir in Zukunft noch mehr einbaufertige Bauteile fertigen. Zum Systemzulieferer fehlen uns technologische Breite und Kapital.
SCOPE: Dennoch erweitern Sie bei Konstruktion, Entwicklung, Simulation und Service. Sind das nicht erste Schritte Richtung Systemlieferant?
Heger: Nein, wir bewegen uns immer auf der Ebene der Teile. Wir sind beispielsweise keine Motorenbauer, wir können nur einzelne Bauteile unter gießtechnischen Bedingungen konstruktiv optimieren. Also etwa Gehäuse, Ölwannen oder Anbauteile. Hier bewältigen wir zwar eine große Bandbreite, die technischen Rahmenbedingungen aber muß uns der Kunde vorgeben. Darauf haben wir keinen Einfluß. Das gilt für alle Unternehmen der AGQ. Ja, ich würde sogar sagen, für die Mehrheit der deutschen Gießereien.
SCOPE: In welcher Form sind die AGQ-Gießer an ihre Kunden angebunden?
Heger: Beim Austausch von Konstruktionsdaten in wachsendem Maße. Logistische Einbindungen, etwa in Just-in-time-Konzepte, gibt es kaum. Ebensowenig die Integration in PPS-Systeme. Das erklärt sich aus unserem Kunden- und Produktspektrum. Wir produzieren selten Großserien über Losgröße 5000.
SCOPE: Welchen Nutzen ziehen Gußabnehmer aus der AGQ?
Heger: Wir definieren uns als Partner des Gußverbrauchers. Je früher wir in die Entwicklung eines Bauteils als Konstruktionspartner eingebunden werden, desto größer ist der Nutzen des Kunden. Wir können helfen bei Formgebung, Werkstoff- und Verfahrenswahl. Das verschafft dem Abnehmer Zeit- und Kostenvorteile. Sehr bedauerlich ist es jedoch, daß die Konstruktionsabteilungen dieses Angebot der AGQ-Gießer zu wenig in Anspruch nehmen.
SCOPE: Das Schicksal teilen Sie mit vielen Gießern.
Heger: Richtig. Und unverständlich. Insbesondere in vielen Großunternehmen sitzen heute Jung-Konstrukteure, die mit ihren Aufgaben vollkommen überlastet sind. Es fehlt an Erfahrung und Entscheidungssicherheit. Das birgt Risiken, Produktentwicklungen verzögern sich. Da können wir konstruktiv und beratend helfen!
SCOPE: Viele Kunden sind Mitte der 90er-Jahre zu osteuropäischen und asiatischen Zulieferern abgewandert. Heute hört man immer häufiger von Gußabnehmern, die wegen schlechter Erfahrungen wieder auf heimische Gießereien setzen. Spüren Sie etwas von dieser Rückwanderung?
Heger: Ja. Viele Aufträge gingen damals an Tschechien, Polen, Slowenien verloren. Darunter hat die deutsche Gießerei-Industrie sehr gelitten. Viele Abnehmer haben aber inzwischen erkannt, daß die Kosten für Verlagerung und Verwaltung zu hoch und kaum kalkulierbar sind. Von Qualitäts- und Terminproblemen ganz zu schweigen. Wir haben heute auf breiter Basis eine Rückverlagerung nach Deutschland.
SCOPE: Haben die Unternehmen der AGQ ihr prognostiziertes Umsatzziel von 232 Millionen Mark in 1997 erreicht?
Heger: Nicht ganz. Da die Gruppe im vergangenen Jahr ein umsatzstarkes Mitglied verlor, haben wir die Prognose knapp verfehlt. Für dieses Jahr planen wir einen Gesamtumsatz von etwa 200 Millionen Mark, was einem Wachstum von fast 10 Prozent entspricht. Da alle Gießereien von guter Auslastung berichten und weitere Abschlüße in Aussicht sind, erwarten wir außerdem eine Mengensteigerung von sieben bis acht Prozent.
SCOPE: Schon häufiger mußten AGQ-Firmen aufgeben. Gemeinschaft schützt vor Pleite nicht?
Heger: Natürlich nicht! Wie in anderen Zulieferbranchen auch, ist die Ertragslage nach wie vor angespannt. Wir müssen die Rendite erhöhen! Alle Gießer, nicht nur jene der AGQ. Wir versuchen durch Kostensenkung und Preiserhöhungen die Margen zu verbessern. Mengen und Umsatz entwickeln sich zwar positiv, die dramatische Verteuerung des Roheisens belastet jedoch die Ertragssituation erheblich. Den Kostenanstieg mit höheren Preisen abzufedern, ist nicht einfach durchzusetzen.
SCOPE: In welcher Dimension sind 1998 Investitionen geplant?
Heger: Die AGQ-Betriebe werden 1998 in gleichem Umfang investieren wie im letzten Jahr. Das bedeutet ein Volumen von 10 Millionen Mark.
SCOPE: Und in welchen Bereichen wird investiert?
Heger: Vorwiegend in Fertigungstechnik und Datenverarbeitung.
SCOPE: Im Branchenvergleich prägte die AGQ-Firmen bislang eine überdurchschnittliche Exportquote. Setzt sich dieser Trend fort?
Heger: Nein, das hat sich nivelliert, da die deutschen Gießereien allgemein ihren direkten Exportanteil verbessert haben. Unsere Exportquote dürfte derzeit kaum höher liegen als der Branchenschnitt.
SCOPE: Auf welche Anforderungen müssen sich die Gießereien in einem gemeinsamen Europa einstellen?
Heger: Umwälzendes wird uns Europa kaum bringen. Den härtesten Markt haben wir schon immer vor der Haustür. Der deutsche Gußmarkt ist der schärfste in Europa! Alle ausländischen Konkurrenten drängen hier hinein. Veränderungen erwarte ich eher von Einkäuferseite: In einem offenen Markt denken die Einkäufer aller Länder zukünftig schon bei kleinen Bestellmengen international. Das heißt, sie werden selbst bei geringen Bedarfsvolumen ihre Angebote auf europäischer Ebene einholen und nicht mehr nur beim Lieferanten um die Ecke anfragen. Im Fall der Gußerzeugnisse wird hier die Frage der Transportkosten großen Einfluß auf die weitere Entwicklung haben. Sinken sie weiter, müssen wir uns warm anziehen. Das müssen wir aufmerksam verfolgen.
SCOPE: Und wo sehen Sie Stärken und Schwächen der deutschen Gießer im europäischen Vergleich?
Heger: Schwächen haben wir bezüglich der Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Mentalitäten. Hier müssen wir noch viel lernen. Stärken sehe ich in der Rolle der Gießer als zuverlässige Partner der Kunden. Schon heute produzieren und liefern wir schnell und terminsicher hochwertige Erzeugnisse. In Zukunft wollen wir allerdings noch mehr in die Rolle des Dienstleisters schlüpfen. Unsere wichtigste Frage an den Kunden muß immer lauten: Womit kann ich Ihnen dienen?
Das Gespräch führte Michael Stöcker
Michael Stöcker / April 1998








