Wirtschaft + Unternehmen
Formen und Teile von Atlantik
Die Wirtschaft wächst kontinuierlich und profitiert vom Knowhow-Transfer der Automobilindustrie. Deutsche Unternehmen schätzen vor allem die Zulieferer und Formenbauer des Landes.
Wer bei Portugal nur an die historische Altstadt Lissabons oder leckeren Portwein an den sonnigen Stränden der Algarve denkt, sollte seinen Blickwinkel erweitern. Denn vom äußersten Westen der EU aus drängt die wachsende Industrie Portugals selbstbewusst ins Zentrum europäischer Abnehmerinteressen. Allen anderen voran gehören Frankreich und Deutschland zu den großen Exportzielen der Lusitanier. Dabei machen vor allem die klassischen Zulieferer sowie die Werkzeug- und Formenbauer des Landes eine gute Figur.
Portugals Zulieferindustrie hat sich in den vergangenen Jahren sehr dynamisch entwickelt. Insbesondere der metallverarbeitende Sektor spielt inzwischen eine bedeutende Rolle. Er zählt etwa 19 000 vorwiegend kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitern und beschäftigt insgesamt über 180 000 Menschen. Mit einem Umsatz von etwa 26 Milliarden Mark beläuft sich sein Anteil am Gesamtexport Portugals auf 26 Prozent. Fast ein Drittel davon gehen nach Deutschland!
Teile, Komponenten, Systeme
Innerhalb der metallverarbeitenden Zulieferer dominieren die Hersteller von Bauteilen und Komponenten für den Fahrzeugbau. Große Systemanbieter sind (noch) selten. Komplettlösungen für die Automobil-Industrie entstehen oft im Rahmen von Kooperationen wie der ACECIA (Integrated Components for the Automotive Industry). Dabei handelt es sich um eine strategische Allianz von derzeit sieben führenden Komponentenfertigern, die gemeinsam entwickeln und produzieren ¿ zum Beispiel komplette Kindersitze für Recaro.
Als zweite größere Zuliefergruppe sieht das Portugiesische Handels- und Touristikamt (Icep) die Hersteller nicht-elektrischer Maschinen und Ausrüstungen. Sehr interessant ist dabei das Segment des Werkzeug- und Formenbaus für den Kunststoff-Spritzguss. Antonio de Sousa Novais, Icep-Produktmanager für Investitionsgüter, sieht diese Branche ¿geprägt von starkem Selbstbewußtsein¿. Es begründet sich unter anderem in der guten technischen Ausstattung der Betriebe, die einen mitunter beachtlichen Automationsgrad aufweisen. Konstruktions-Knowhow sei ebenso vorhanden wie zeitgemäßes Entwicklungsinstrumentarium (CAD, Rapid Prototyping) und moderne Maschinenparks (CNC).
Aber auch den portugiesischen Formenbauern ist keine Verschnaufpause gegönnt. Denn sie leiden unter der wachsenden Konkurrenz osteuropäischer Anbieter. Die einstige Domäne der Lusitanier - der Bau einfacher Formen und Werkzeuge für Standardprodukte ¿ bröckelt. Neue Märkte müssen also her. Antonio Novais sieht in diesem Zusammenhang gute Chancen durch den Trend zur Miniaturisierung in Elektrotechnik und Elektronik, die in wachsendem Maße hochpräzise Formen erforderlich macht. ¿Ein Problem ist derzeit aber noch das mangelnde Vertrauen der deutschen Kunden in die Präzisionsfähigkeit der portugiesischen Formenbauer¿, räumt Novais ein.
Knowhow-Transfer im großen Stil
Einen nachhaltigen Wachstums- und Modernisierungsschub erfährt das portugiesische Zulieferwesen durch die Investitionen der Automobil-Industrie seit Mitte der 90er Jahre. Dass Volkswagen und Ford 1995 ein gemeinsames Werk eröffneten, ging seinerzeit ebenso durch die Presse wie der Ausstieg von Ford drei Jahre später. Heute unterhalten namhafte Automobil-Hersteller (Citroen, Opel, Mitsubishi, Renault, Toyota) und große Systemlieferanten wie Hutchinson, Bosch, Johnson Control, Lucas Automotive oder Delphi Automotive entweder Standorte oder Kooperationen mit Unternehmen an der Westküste der iberischen Halbinsel. Ihr technologischer Einfluss ¿ und ihr organisatorischer Druck ¿ sorg(t)en dafür, dass die Zulieferer Portugals im europäischen Konzert inzwischen lauter mitspielen als es manchem deutschen Konkurrenten lieb sein mag. (Vor allem unsere Gießer können dazu ein Liedchen singen.) Die Portugiesen juckt das wenig: Die Anforderungen der Automobilbauer haben ihr Qualitätsniveau deutlich angehoben, der Knowhow-Transfer zeigt unübersehbare Wirkung, technische Ausrüstung der Firmen und industrielle Infrastruktur des Landes haben sich insgesamt erheblich verbessert. Die zunehmende Anwendung der ISO- und EN-Normen sowie die Modernisierungs-Milliarden aus der EU-Kasse (1999: ca. 3,1 Milliarden ) tun ihr übriges.
Nicht zuletzt die portugiesischen Gießereien profitieren von diesen Entwicklungen. Dem Vorurteil, nur Lieferant simpler Bauteile zu sein, sind sie längst entwachsen. Selbst bundesdeutschen Gießern kommen inzwischen anerkennende Worte zur portugiesischen Konkurrenz über die Lippen ¿ freilich meist hinter vorgehaltener Hand. Gussteile aus portugiesischer Produktion sind heute in allen Bereichen der Technikwelt zu finden. Internationale Hersteller von Straßen- und Schienenfahrzeugen gehören ebenso zum Kundenstamm wie der europäische Maschinenbau, die Fluidtechnik oder Elektrotechnik und Feinmechanik. Und manches deutsche Gießereiunternehmen lässt ¿seine¿ Teile inzwischen in erheblichem Umfang von portugiesischen Sub-Zulieferern in Form bringen.
Von der Icep war zu hören, dass Computer gestützte Simulationstechniken und moderne Prototyping-Verfahren bereits ¿zum Standard vieler Firmen zählen¿. Gemeint ist damit, was mancher mitteleuropäische Wettbewerber noch nicht wahrhaben will: Auch in Portugal entstehen hochwertige Gussteile heute in zunehmendem Maße mit Unterstützung der Simulation von Formfüllung und Erstarrung und des Rapid Prototyping. Sogar von Simultaneous Engineering ist bereits die Rede! Wenn wundert`s? Je größer die geographische Distanz zwischen Entwicklung, Konstruktion und Produktion, desto zwingender erscheinen die grenzüberschreitenden Methoden des simultanen Miteinanders. ¿Erhöhte Aufmerksamkeit wird in jüngster Zeit dem Thema Datenfernübertragung und numerisch gesteuerten Produktions- und Qualitätskontrollen gewidmet¿, heißt es bei der Icep außerdem.
Arbeit ist billig
Grundsätzlich kann das portugiesische Zulieferwesen im europäischen Kontext einige schlagkräftige Standort-Vorteile vorweisen. Dabei macht sich für deutsche Abnehmer in erster Linie das niedrige Lohnniveau bezahlt. Es führt dazu, dass die Arbeit in Portugal im Vergleich zu Deutschland etwa viereinhalb Mal billiger ist. Preiswerter noch als in Spanien, Irland oder England. Positiv ins Feld führen kann man auch die geographische Nähe zu einem der größten Kraftfahrzeug-Absatzmärkte in der EU ¿ der iberischen Halbinsel.
Wer mit den Portugiesen Geschäfte machen will, erfährt zunächst große Offenheit und herzliche Gastfreundschaft. Er lernt sicher auch Eigenschaften wie Spontanität, Improvisationstalent und Fantasie zu schätzen. Der traditionell sehr stark ausgeprägte Stolz der Lusitanier lässt das überhebliche oder großspurige Auftreten Fremder ins Leere laufen. Typisch sind eine gewisse Unverbindlichkeit und ein fehlendes Ordnungsbewußtsein, die in der Industrie auch mal in Gestalt mangelnder Planungskompetenz oder fehlender Liebe zur Genauigkeit an den Tag treten können. Antonio Novais von der Icep sieht hier deutsche Ordnungsmaßstäbe und Zielstrebigkeit als gute Gegengewichte und empfiehlt grundsätzlich einen ¿deutlichen Führungsstil zu pflegen¿. Das beinhaltet, dass Hierarchien festgeschrieben, Vertragsinhalte exakt formuliert und drohende Sanktionen in aller Klarheit aufgezeigt werden sollten.
Die Portugiesen sind überzeugte Europäer. Dabei haben auf internationaler Bühne vor allem zwei Ereignisse das politische Ansehen Portugals bei seinen Nachbarn nachhaltig gestärkt: Die hoch gelobte Weltausstellung von 1998 ¿ welch blasse Vorstellung dagegen die Expo 2000! Und die EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2000. Zwar kam es in deren Vorfeld zu finanzpolitischen Scharmüzeln zwischen Lissabon und Brüssel um die Fusion der portugiesischen Bankengruppe Champalimaud mit der spanischen Großbank Banco Santander Central Hispano (es endete mit der Zerschlagung von Champalimaud); die Portugiesen bewiesen mit ihrer Präsidentschaft jedoch eindrucksvoll, dass auch kleine Länder in Europa allerhand bewegen können. Sage und schreibe 70 Mal trommelte Portugal seine EU-Partner zusammen! Zum Vergleich: Vorgänger Finnland hatte sich auf sieben Großveranstaltungen beschränkt.
Michael Stöcker
Bild1:Die industriellen Ballungsgebiete des Landes liegen an der Atlantikküste rund um die Hafenstädte Porto, Braga, Aveiro, Leiria, Lissabon und Setubal. 24 Industriegebiete lassen sich ausmachen. Große Bedeutung haben Oliveira de Azemeis südlich von Porto und Marinha Grande etwa 120 Kilometer nördlich von Lissabon. ms
Für deutsche Unternehmen, die Kontakt zu portugiesischen Zulieferer suchen, ist das Icep (Investimento, Comercio e Turismo) in Berlin die erste Adresse. Dabei handelt es sich um eine zentrale staatliche Einrichtung, die über detailliertes Informationsmaterial zu Branchen und Firmen verfügt. Es unterstützt den Kontaktaufbau, begleitet die Geschäftsanbahnung und führt ausländische Investoren auf die richtige Bahn. Wer nicht bis zur nächsten Hannover Messe warten will, sollte in Berlin anklopfen. ms
Bild 2:
Icep-Produktmanager Antonio Novais: ¿Deutlichen Führungsstil pflegen¿
Bild 3:
Pkw-Innenraumauskleidung: Komplettlösung aus portugiesischer Hand (Bild: Simoldes)
Bild 4:
¿Starkes Selbstbewusstsein¿: Portugiesische Werkzeug- und Formenbauer (Bild: Novatec)
Bild 5:
Portugals Gießer: Nicht mehr nur Partner für einfache Geometrien (Bild: Olivacast)








