Elektrotechnik
Anwenderbranchen sind die Innovationstreiber
Ostwestfalen-Lippe ist eine umtriebige Region mit vielen innovativen Unternehmen. Dazu gehört auch Phoenix Contact, weltweiter Marktführer in der Elektrotechnik. Im Interview mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar erklärt Geschäftsführer Roland Bent, welche Trends die Branche bestimmen und wieso das internationale Geschäft immer wichtiger wird, Deutschland aber nach wie vor eine weltweit führende Position hat - gerade wenn es um Innovationen geht.
SCOPE: Welche Trends sieht Phoenix Contact im Bereich der Elektrotechnik beziehungsweise Elektronik?
Bent: Bedingt durch unser breites Produktspektrum sehen wir mehrere Trends. In der Verbindungstechnik, genauer der Geräteanschlusstechnik, geht die Entwicklung weiterhin zu einer verstärkten Miniaturisierung. Die Anschlusspunkte werden immer kleiner, müssen aber ergonomisch bleiben. Wichtig ist die Balance zwischen Miniaturisierung und Bedienbarkeit der Anschlusstechnik. Das führt zu neuen innovativen Ansätzen wie unserer Push-In-Technologie. Sie ermöglicht es, werkzeuglos anzuschließen.
Ein weiteres Thema in der Industrieautomatisierung ist die zunehmende Integration von Prozessen. Schlagworte sind hier Integrated Industry oder Industrie 4.0. Es geht also um die zunehmende Nutzung von Informationstechnologie im Produktionsumfeld und die durchgängige Integration der Wertschöpfungsketten, der Geschäftsprozesse und des Lebenszyklus von Produkten. Das ist ein ganz großer Trend. Gerade wenn wir den Lebenszyklus betrachten, wird die durchgehende Bereitstellung von digitalen Informationen im gesamten Lebenszyklus eines Produktes immer entscheidender.
Ein ganz wichtiger Trend ist auch die Energieeffizienz. Stichwort integriertes Energiemanagement. Einzelne Energieeffizienzmaßnahmen bringen nicht viel, auf die Integration kommt es an. Unser Ansatz ist es, das Thema Energiemanagement mit dem Produktionsprozess zu verbinden. Ein Beispiel dafür ist unsere Energie-SPS. Diese Geräte ermöglichen es, die energetischen Zustände von Betriebsmitteln mit dem jeweiligen Zustand im Produk- tionsablauf zu verbinden und so Anlagenteile ganz bewusst in einen Standby-Modus zu schalten und dann rechtzeitig, wenn sie benötigt werden, wieder zu aktivieren. Da lassen sich hohe Energieeinsparungen erzielen.
Ebenfalls wichtig ist das Thema Sicherheit. Sowohl funktionale Sicherheit, also Sicherheit des Menschen vor der Maschine, hier ist die Maschinenrichtlinie ein Schlagwort. Aber auch das Thema der Security, des Schutzes von Anlagen und Netzwerken gegen unberechtigten oder unbeabsichtigten Zugriff. Und das ganze so aufzubauen, dass es auch industriegerecht ist und für eine industrielle Echtzeitkommunikation passt.
SCOPE: Welche Neuentwicklungen haben Sie in diesen Trendbereichen zu bieten und was bringen diese dem Anwender?
Bent: In der Verbindungstechnik ist es sicherlich die konsequente Umsetzung der Push-In-Technologie. Wir bringen diese neue Anschlusstechnik in die verschiedenen Produktbereiche, sie ist für uns der zukünftige Standard im Schaltschrank. Sie lässt sich sowohl bei Elektronik- komponenten als auch bei Reihenklemmen verwenden. Dabei setzen wir nicht nur auf die Breite der Anwendungen, sondern auch auf die Durchdringung in der Tiefe von kleinen bis hin zu sehr großen Anschluss-Querschnitten. Wir haben auf der Hannover Messe eine Push-In-Klemme für 95 Quadrat Anschluss-Querschnitt vorgestellt. Das ist schon ein echtes Highlight, in dieser Dimension eines Anschlussdrahts, diese Schnellanschlusstechnik zu bieten. Im Bereich der Netzwerktechnik ist unser Axioline-System eine erwähenswerte Neuentwicklung, das wir als durchgängiges IO-System für IP20 mit den Merkmalen „schnell, einfach und extrem robust“ anbieten. Es eignet sich für nahezu alle Bussysteme und ist optional auch in IP65-Ausführung erhältlich, für dezentrale Anwendungen und für alle Netzwerke – inklusive der passenden Steuerungstechnik.
SCOPE: Welche Branchen adressieren Sie mit Ihren Produkten und Lösungen?
Bent: Im Komponentenbereich ist Phoenix Contact sehr breit aufgestellt. Viele unserer Produkte decken ein breites Applikationsspektrum ab. Etwa die Energietechnik, den Maschinenbau, die Gebäude- und die Verkehrstechnik, im Grunde die komplette Breite industrieller Anwendungen. Wenn es speziell um Lösungskompetenz geht, haben wir uns auf fünf Industrieschwerpunkte fokussiert: Automobilindustrie, Windkraftanlagen, Solartechnik, urbane Infrastrukturen sowie Öl- und Gas. In diesen Bereichen haben wir spezifisches Anwendungs-, Industrie- und Applikations-Knowhow und bieten unseren Kunden sowohl vorgefertigte Pakete als auch auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen – inklusive Engineering, Dienstleistung und Support.
SCOPE: Wie wichtig ist das internationale Geschäft für Phoenix Contact; welche Märkte sind für Sie die wichtigsten?
Bent: Das internationale Geschäft ist sehr wichtig für uns. Wir sind weltweit in 50 Märkten mit eigenen Tochtergesellschaften vertreten und machen über 70% unseres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Das heißt umgekehrt, wir haben mit fast 30% immer noch ein starkes Standbein im deutschen Markt und das halten wir auch für gut und für richtig. Deutschland hat eine weltweit führende Position in der Automatisierungstechnik. Das liegt daran, dass hierzulande sowohl Anbieter von Automatisierungstechnik als auch Anwenderbranchen wie der Maschinenbau oder die Automobilindustrie vertreten sind. Das sind Innovationstreiber. Das hilft uns, unsere Produkte innovativer zu machen, auch für den Weltmarkt. Die größeren Wachstumsraten sehen wir aber in den sich entwickelnden Märkten wie in Südostasien oder in Südamerika. China hat einfach aufgrund seiner Größe und seines großen Wachstumspotentials für uns eine enorme Bedeutung. Der U.S.-Markt ist ebenfalls wichtig für uns, weil er sehr stark technologisch geprägt ist. Bestimmte Technologien werden aus den USA heraus getrieben. China und die USA sind unsere beiden wichtigsten Auslandsmärkte.
SCOPE: Wo geht die Reise hin? Was erwarten Sie von den nächsten fünf Jahren?
Bent: Das eine sind ja die eigenen Erwartungen, das andere sind die makroökonomischen Gegebenheiten, die man nicht unbedingt beeinflussen kann. Das bisherige Jahr 2013 ist, genauso wie das letzte Jahr, eher verhalten im Wachstum. Trotzdem verfolgen wir eine grundsätzliche Wachstumsstrategie und haben auch eine entsprechende Wachstums-erwartung. Wir wollen den Wachstumsgradienten, den wir die letzten Jahre hatten – das ist im Schnitt ein Wachstum, das um die 10 % liegt – in der Zukunft fortsetzen. Das kann immer bedeuten, dass mal schlechtere Zeiten dazwischen sind, das kann keiner genau vorherbestimmen. Aber grundsätzlich geht es in Richtung zweistelliges jährliches Wachstum, und daran glauben wir auch weiterhin. So dass wir schon deutlich den nächsten Schritt in Richtung 2 Milliarden Euro Umsatz sehen.








