Dietmar Hermle im Interview
„Die EU braucht niemand“
Dietmar Hermle, Sprecher des Werkzeugmaschinenherstellers Hermle, ist bekannt dafür, dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Auch im Interview mit Chefredakteur Hajo Stotz geht er erfrischend offen auf Fragen nach Aktienverkauf, EU, Frauenquote und Standort ein.
SCOPE: Herr Hermle, Ihr Verhältnis zur Unternehmensform "Aktiengesellschaft" war bisher nie von großer Freundschaft geprägt, so mein bisheriger Eindruck. Nun wollen Sie eventuell rund 30.000, einst zurückgekaufte Aktien wieder verkaufen. Damit wird doch der Einfluss der Aktionäre wieder erhöht? Hat sich Ihre Einstellung zur AG gewandelt oder benötigen Sie trotz einem glänzenden Geschäftsjahr 2012 Finanzmittel? Wenn ja, wofür?
Hermle: Sie müssen unterscheiden zwischen Stammaktien und Vorzugsaktien. Nur die Stammaktien sind stimmberechtigt, und die Mehrheit dort ist auch klar geregelt. Die Vorzugsaktien machen nur ein Fünftel der gesamten Aktien aus und sind nicht stimmberechtigt. Und genau diese werden an den Markt zurückgegeben. Wenn wir Hoffnung hätten, zu einem vernünftigen Kurs die Aktien komplett am Markt einzusammeln, um die Firma von der Börse zu nehmen, dann hätten wir die Aktien sicherlich nicht verkauft. Dazu besteht aber keinerlei Hoffnung. Der Grund, warum wir die Aktien damals gesammelt haben: das war zu Zeiten einer allgemeinen Wirtschaftsflaute, und der Kurs ging in einen Bereich herunter, der nicht mehr nachzuvollziehen war. Wir haben die Aktien dann gekauft, um den Kurs zu stabilisieren. Finanzmittel benötigen wir natürlich keine, wie Sie unserem jüngsten Geschäftsbericht auch leicht entnehmen können. Der Kurs zeigt seit Jahren stabil nach oben, am Markt hören wir ständig den Vorwurf, die Aktie sei zu "markteng". Diese Nachfrage können wir mit dem Verkauf etwas entspannen.
SCOPE: Mit der Form der Aktiengesellschaft haben Sie sich also inzwischen angefreundet?
Hermle: Nein. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass diese Form der Aktiengesellschaft für ein kleines Unternehmen wie Hermle völlig ungeeignet ist. Das hängt aber damit zusammen, dass das damalige Aktiengesetz zum Börsengangzeitpunkt nichts mehr zu tun hat mit dem, was die Politik inzwischen durch zig Auflagen daraus gemacht hat. Wäre das Aktiengesetz von damals heute noch gültig, würden wir eine Menge Geld sparen. Wir leiden heute unter einem Gesetz, das durch Auflagen überfrachtet wurde, weil irgendwelche Mischkonzerne, die mehrfach auch namentlich umgewandelt wurden - da gibt es einige ganz Bekannte darunter - da gemauschelt haben. Ich bin nicht gegen die Aktiengesellschaft, sondern dagegen, dass durch das Aktiengesetz ein mittelständisches Unternehmen durch unnötige und unsinnige Auflagen völlig überfordert wird. Die durch Auflagen und Bestimmungen anfallenden Kosten bringen außer Bürokratie keinerlei Nutzen.
SCOPE: Auch Ihre Einstellung zu Frauenquote ist, sagen wir, distanziert. Nun plant das EU-Parlament sogar eine Frauenquote für den Mittelstand mit Firmen ab 250 Mitarbeitern an. Für wie realistisch halten Sie eine solche Forderung?
Hermle: Als nächsten Schritt nimmt die EU dann, wie in China, noch Einfluss auf die Geburtenrate. Und steuert am besten noch die Berufsauswahl der Frauen und schreibt vor, dass sie in entsprechender Zahl technische Berufe ergreifen und gesicherte Ausbildungs- und Studienplätze bekommen. Wenn die EU dann noch beschließt, dass der Mann gebärfähig werden muss, dann macht das Sinn. Also ernsthaft: das ist doch absoluter Blödsinn. Die sollen sich doch bitte mit Dingen beschäftigen, die den Menschen und der Wirtschaft etwas bringen. Man kann doch keine künstliche Frauenquote im Betrieb einführen, wenn die Frauen nicht wollen. Das sieht man hier bei uns am besten: Wir haben hier im Betrieb viele Frauen beschäftigt, auch in Führungspositionen. Aber im Bereich der Zerspanung haben wir z.B. keine einzige Frau, obwohl wir das gerne hätten. Aber wir können sie doch nicht zwingen. In einem technisch orientierten Unternehmen sind nun mal technische Berufe gefragt. Also sollte man bereits in der Schule die Mädchen mit Technik begeistern.
SCOPE: Sie halten nicht viel von der EU?
Hermle: Also, wenn Sie mich so konkret fragen - die EU in dieser Form braucht niemand. Was mich dabei am meisten stört: an den Machtstellen der EU entscheiden Leute, die nicht gewählt, sondern entsandt wurden.
SCOPE: Eine Million Elektrofahrzeuge soll es nach dem Willen der Regierung bis 2020 auf deutschen Straßen geben, andere Länder haben ähnliche Ziele - damit würden jede Menge Getriebe- und Motorenteile entfallen, die heute auf Werkzeugmaschinen hergestellt werden. Weckt das bei Ihnen Befürchtungen?
Hermle: Nein. Auch zur Herstellung von Elektromotoren und -fahrzeugen benötigt man Werkzeugmaschinen. Aber grundsätzlich halte ich dieses Ziel für nicht realisierbar. Im Frühjahr war ich bei einem Händler zur Vorstellung der neuen E-Smarts. Die Fahrzeuge wurden im Tiefflader vom Werk hierher gebracht. Auf meine Frage, warum die nicht auf den eigenen Rädern hergefahren sind, kam als Antwort, es sei zu dunkel und zu kalt, die Fahrzeuge würden die 100 Kilometer nicht schaffen. So viel zum Stand der Elektromobilität. Der Verbrennungsmotor wird noch lange Zeit unsere Autos antreiben und dabei immer moderner und effizienter werden.
SCOPE: Obwohl die Tatsache an sich schon lange bekannt ist, ist die Datenspionage durch die NSA derzeit der große Aufreger. Teilen Sie die Sorge, dass die US-Industrie von den ausspionierten Daten profitiert?
Hermle: Das ist doch nichts Neues. Die Regierung Schröder/Fischer hat bereits vor 12 Jahren das Grundgesetz geändert, das ging als Information aber unter. Damals wurde bereits die Grundlage zu dieser Abhörthematik gelegt. Deshalb hält sich wahrscheinlich auch die SPD mit der Kritik so zurück. Aber Politiker, die geklaute Steuer-CDs kaufen und die Daten verwerten, betreiben doch dieselbe Spionage, die jetzt der NSA vorgeworfen wird. Und meines Wissens hat erst kürzlich der Herr Schäuble bestätigt, dass Deutschland bereits seit langem abgehörte Informationen von den Amerikanern erhält. Also schließe ich daraus: Wir werden schon seit langem ausgeforscht. Wenn man die Türe öffnet und dann glaubt, dass die Amerikaner nur ganz bestimmte Bereiche abhören, dann kann man das nur naiv nennen. Die Jungs holen alles, was sie bekommen können. Genau wie die Chinesen. Aber das ist doch seit Jahren bekannt, ich verstehe die plötzliche Aufregung nicht, wir sind doch schon seit Jahren gläsern.
SCOPE: Mapal setzt entwicklungsseitig auf die Trockenbearbeitung, und auch andere Werkzeughersteller wie Sandvik Coromant erwarten durch Kostenvorteile sowie verschärfte Umwelt- und Entsorgungsauflagen eine Zunahme von Trockenbearbeitung bzw. MMS. Sieht Hermle diesen Trend bei seinen Kunden ebenfalls?
Hermle: Aus Umweltgründen sehe ich die Trockenbearbeitung natürlich grundsätzlich als Vorteil. Alles, was an Öl nicht verbraucht wird, muss nicht entsorgt werden. In der Regel arbeiten wir ja mit Emulsion, also mit hohem Wasseranteil. Zur Hausaustellung haben wir aber ein ganz neues Verfahren vorgestellt, das Kühlen mit CO2. Denn das Problem ist ja, die Schneide muss in irgendeiner Form gekühlt werden - es sei denn, die Werkzeughersteller entwickeln eine Schneide, die auf Hitze und extreme Temperaturunterschiede, auf unterschiedliche Prozesse und Werkstoffe so reagiert wie eine gekühlte Schneide. Bisher kenne ich so eine Schneide noch nicht, aber das ist mit Sicherheit ein Schritt in die richtige Richtung. Prinzipiell freue ich mich auf jeden Fall, wenn die Schneidenhersteller eine neue Entwicklung anstoßen, die uns wieder herausfordert, uns mit dem Thema zu beschäftigen. Denn eines ist klar - je mehr sich die deutsche Industrie mit Zukunftstechnologie und neuen Verfahren beschäftigt, desto besser sichert das den Standort Deutschland. Nur so können wir uns abheben von Wettbewerbsländern.
SCOPE: Mit der CO2-Kühlung können Sie jeden Werkstoff bearbeiten?
Hermle: Ja. Wir haben auf der Hausaustellung die Zerspanung mit Rother-Werkzeugen gezeigt. Bei diesem Verfahren wird eine sehr geringe Menge mineralölfreien Öls in feinste Partikel zerstäubt. Dieser Ölnebel sorgt für optimale Schmierung und verhindert die Reibungswärme. Zusätzlich zugeführtes CO2 sorgt für weitere Kühlung und ermöglicht auch die problemlose Zerspanung von Inconel oder Titan. Diese Anlage wird auch auf der EMO zu sehen sein.
SCOPE: Die frühere Innovaris, heute die Hermle Maschinenbau GmbH, Ottobrunn, bietet das Metall-Pulver-Auftragsverfahren als Dienstleistung an. Ist es dasselbe Verfahren, das sie vor sechs Jahren als "Alchemy" vorstellten?
Hermle: Das damals vorgestellte Alchemy-Verfahren war nicht marktreif. Die nun auf der Hausaustellung gezeigte, weiterentwickelte MPA-Technologie ist wirklich marktreif. Damals war die Idee, diese Technologie mit Maschinen an den Markt zu bringen. Davon sind wir abgekommen, weil sich jetzt herausgestellt hat, dass die Beherrschung des Prozesses sehr diffizil und intensiv ist. Zudem haben wir festgestellt, dass bestimmte Länder sehr gerne neue Technologien kopieren. Deshalb bieten wir das Metall-Pulver-Auftragsverfahren ausschließlich als Dienstleistung an, und nur für Hermle-Kunden.
SCOPE: Wie groß ist das Interesse an dem Angebot? Gibt es konkrete Aufträge?
Hermle: Das Interesse ist groß, und wir haben auch bereits erste Kunden - aber es geht nun darum, das Ganze zu sortieren und strukturiert anzugehen. Denn unser Hauptgeschäft sind Werkzeugmaschinen, dieses Verfahren begleitet uns nur am Rand.
SCOPE: Hermle hat zur Hausmesse das Bearbeitungszentrum C 32, den Palettenwechsler PW 3000 und das Softwarepaket Dynamic Efficiency präsentiert. Werden diese Neuheiten auch auf der Emo zu sehen sein? Auch das MPA-Verfahren?
Hermle: Die Neuheiten werden auf der EMO zu sehen sein, bis auf das MPA-Verfahren und den PW 3000. Für das MPA sehen wir die EMO nicht als geeignete Plattform, und der PW 3000 würde unseren Messestand zur Hälfte ausfüllen. Zudem steht zur Zeit kein PW 3000 zur Verfügung, da wir diese Anlage in unserer Fertigung benötigen und weitere Anlagen bereits beim Kunden sind oder direkt in Auslieferung stehen.
SCOPE: Und welche Bedeutung hat die EMO oder auch andere Messen für Sie noch im Vergleich zur Hausmesse?
Hermle: Die Hausmesse hat für uns inzwischen eine extreme Bedeutung bekommen. Trotzdem wird eine EMO immer wichtig bleiben, da sprechen wir neue, internationale Interessenten an. Auch die AMB hat sich zu einer exzellenten Messe entwickelt, die noch weiter wachsen wird. Andere Messen, die ihre Termine ständig verlegen, oder mit anderen Veranstaltungen zusammengelegt, dann wieder getrennt werden, haben für die Besucher und damit für uns an Bedeutung verloren.
SCOPE: Sie arbeiten steuerungsseitig eng mit der Firma Heidenhain zusammen - ohne einen erfolgreichen Hermle würde Heidenhain heute vielleicht keine CNC-Steuerungen mehr bauen. Haben Sie einen Plan B für den Fall der Fälle, wenn der Partner wegbricht?
Hermle: Bitte überschätzen Sie die Größe der Firma Hermle nicht. Also es stimmt, dass wir mit Heidenhain extrem gut und extrem gerne zusammenarbeiten. Es ist ein sehr zuverlässiger, angenehmer Entwicklungspartner. Aber selbst, wenn wir nicht mehr bei Heidenhain kaufen würden, würde er noch Steuerungen bauen, er hat neben uns noch genug andere Kunden. Aber Heidenhain wird weiterhin Steuerungen bauen und wir eng mit ihm zusammenarbeiten, da benötigen wir keinen Plan B.
Doch das muss jedem klar sein: Wir deutschen Hersteller sollten darauf achten, die deutschen Steuerungshersteller zu stärken, denn es wäre fatal, wenn wir auf einmal von Japan oder China abhängig wären. Sollen Maschine und Steuerung perfekt zusammen arbeiten, muss der Maschinenhersteller dem Steuerungshersteller sein Technologie-Know-How preisgeben. Das ist der Grund, warum es bei Hermle nur deutsche Steuerungen und Antriebskomponenten gibt.
SCOPE: Pläne, wie sie gerüchteweise von einem Wettbewerber zu hören sind, der eine eigene Steuerung bauen will, gibt es bei Hermle nicht?
Hermle: Das Steuerungs-Know-How, das bei Heidenhain vorhanden ist, selbst aufzubauen, ist nahezu unmöglich. Aber ich freue mich über jeden, der das versucht, denn der bindet große Kapazitäten. Ich weiß, dass es Gerüchte über einen großen Wettbewerber gibt, der eine eigene Plattform aufbauen soll - aber ich habe keine Bestätigung. Diese Bemühungen gab es in den letzten 20 Jahren immer wieder, und jedes Mal kam derjenige mit einem tiefblauen Auge aus der Geschichte heraus. Ich verfolge mit Interesse, wie es diesmal läuft. Aber wir steigen ganz bestimmt nicht in die Entwicklung einer eigenen Steuerung ein.
SCOPE: Während Hermle und andere Industriebetriebe in Gosheim immer weiter wachsen, scheint die Ortsentwicklung selbst - so jedenfalls der Eindruck eines gelegentlichen Besuchers - irgendwann vor 20 Jahren stehen geblieben zu sein. Fühlt sich ein dynamisches Unternehmen wie Hermle in dieser eher "statischen" Umgebung noch zu Hause?
Hermle: Wir sind momentan in einer Entscheidungsfindung, ob wir den Standort ausbauen oder nicht. Es gibt Forderungen von uns an die Kommune und den Landkreis. Werden die erfüllt, wird der Standort Gosheim weiter wachsen. Findet das nicht statt, gibt es einen anderen Standort. Ich selbst bin ein Befürworter dieses Standortes. Wir haben hier viele Möglichkeiten, und auch die Mitarbeiter, die aus größerer Entfernung kommen, fühlen sich bei Hermle in Gosheim wohl. Wenn wir uns aber hier weiter entwickeln wollen, müssen die Gemeinde und der Landkreis bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Wir haben am Standort wegweisende Konzepte realisiert, die von anderen übernommen wurden - sei es Arbeitszeitmodelle, Gleitzeit, Gleichteilewesen, etc. Ob wir das an einem anderen Standort auch so hinbekommen, weiß ich nicht. Die Firmenkultur hier gilt es deshalb zu schützen. Ich bin mir sicher, dass die Gemeinde und der Landkreis die entsprechenden Voraussetzungen schaffen.
SCOPE: Der neue Standort, über den Sie nachdenken, liegt hier im Kreis?
Hermle: Nein.
SCOPE: Aber in Deutschland?
Hermle: Ja, auf jeden Fall. Wir denken natürlich über Service- und Vertrieb in weiteren Auslandsmärkten nach, wir denken auch daran, in dem einen oder anderen Land ein Reparaturwerk aufzubauen, aber produziert wird nur in Deutschland. Und wenn möglich, in Gosheim.
SCOPE: Herr Hermle, die Firma feiert dieses Jahr ihren 75. Geburtstag, Sie selbst feierten Ihren 60.ten. Wie sieht denn Ihre Nachfolgeregelung aus?
Hermle: Die gibt es ja bereits. Der Vorstand besteht aus vier Vorständen, einer davon ist älter als die anderen und wird vor denen ausscheiden, die anderen sind jünger und machen weiter.









