Blechumformung

„Grünes Licht“

Die Konzentration auf zehn strategische Zielmärkte, die Integration der Müller Weingarten AG und die Steigerung der Ertragskraft durch effiziente Strukturen kann Stefan Klebert als Erfolge verbuchen. Der Vorstandsvorsitzende des Schuler Konzerns verantwortet hauptsächlich die strategische Unternehmensentwicklung. Im Gespräch mit SCOPE-Chefredakteur Hajo Stotz erläutert er die gute Entwicklung des Konzerns und den derzeitigen Stand der Übernahme durch Andritz.

SCOPE: Herr Klebert, als Sie vor zwei Jahren als Vorstand bei Schuler angetreten sind, haben Sie als Wachstumsziele 1,2 Milliarde Umsatz und eine Marge von zehn Prozent vorgegeben. Das Geschäftsjahr 2012 wurde Ende September abgeschlossen - wie nahe sind Sie dem Ziel?

Klebert: Die genauen Zahlen werden auf der Bilanzpressekonferenz im Dezember veröffentlicht. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir das Umsatzziel bereits erreicht haben, dass wir eine Marge von 9,5 Prozent EBITDA und einen Auftragseingang in der Größenordnung von 1,3 Milliarden Euro erwarten.

SCOPE: Gegenüber dem Vorjahr, in dem Schuler 958 Millionen Euro Umsatz erzielte, ist das eine deutliche Steigerung - wie viel Eigenanteil ist da neben dem guten Konjunkturverlauf dabei?

Klebert: Natürlich sind wir in einem konjunkturell positiven Umfeld unterwegs, und es herrscht eine gute Nachfragetätigkeit. Aber - wir können das glaube ich mit Stolz sagen - Schuler hat auch ein Stück weit über die eigenen Innovationen den Weg bereitet. Konjunktur und Innovationen: Beides zusammen führte zu dieser guten Entwicklung.

SCOPE: Wurden die letzten zwei Jahre auch für Investitionen genutzt?

Klebert: Natürlich. Wir haben sowohl in Deutschland wie auch weltweit erheblich in Produktionsanlagen investiert. Und Anfang nächsten Jahres wird am Standort Dalian in China die Erweiterung der Produktion abgeschlossen sein, die bestehenden Kapazitäten verdreifachen sich dadurch von 5.000 auf 16.000 Quadratmeter. Damit werden wir am chinesischen Markt, der heute nahezu ein Drittel unseres Geschäftes ausmacht, auch noch präsenter werden. China wird unseres Erachtens mittel- und langfristig stark bleiben, weil die Automobilproduktion auch in den kommenden Jahren deutlich zulegen wird. Wir müssen deshalb als Weltmarktführer unsere Position in China ausbauen.

SCOPE: Zurück zum Thema Innovationen - greifen wir doch zwei Beispiele heraus, die Schuler in den letzten Monaten vorgestellt hat. Vor einigen Monaten präsentierten Sie die Schnellläuferpresse Smartline, die speziell für die Herstellung von Elektroblechen entwickelt wurde. Was versteht man darunter?

Klebert: Zunächst: Elektromobilität sehen wir als weltweites Trendthema, das gerade erst dabei ist, Fahrt aufzunehmen. Überall, wo man Elektromotoren braucht, benötigt man Elektrobleche. Und die werden gestanzt. Doch die Bleche werden immer dünner. Vor 20 Jahren waren sie noch 1 mm dick, heute ist 0,35 mm gängig, die ersten 0,1 mm Bleche sind im Einsatz. Denn je dünner die Bleche sind, desto höher ist der Wirkungsgrad der Motoren.

SCOPE: Und was ist so schwierig beim Stanzen von Elektroblechen?

Klebert: Die Anforderungen an die Präzision und Steifigkeit der Pressen sind hoch und steigen weiter. Je dünner das Blech wird, desto enger muss der Schneidspalt im Werkzeug sein. Bei 1 mm waren das 0,8 mm Schneidspalt - bei 0,1 mm sind es nur noch 0,08 mm. Die Smartline kann durch die vorgespannte Stößelführung solche Masse prozesssicher beherrschen. Sie ist produktiver, und das bei signifikant reduziertem Werkzeugverschleiß.

SCOPE: Das klingt nach der Quadratur des Kreises?

Klebert: Gar nicht, aber nach Innovation. Durch ein patentiertes Verfahren kann die Eintauchtiefe des Stößels auf 1/100 Millimeter genau geregelt werden. Das ermöglicht das Stanzpaketieren von extrem dünnen Blechen sowie eine Werkzeug schonende Bearbeitung. Durch die in die Pressensteuerung integrierte Stanzpaketiersteuerung kann der Anwender die Produktionsgeschwindigkeiten erheblich erhöhen.

SCOPE: Die zweite Innovation, die Schuler Ende August der Öffentlichkeit präsentierte, ist eine Presse mit Twin-Servo-Technologie (TST), eine quasi auf den Kopf gestellte Presse. Sie soll ebenfalls gegensätzliches vereinbaren: Höhere Produktivität bei geringerem Energieverbrauch, geringerem Werkzeugverschleiß, und das bei weniger Platzbedarf?

Klebert: Das ist richtig. Die Twin-Servo-Technologie basiert auf einem neuen Antriebskonzept mit zwei dezentralen Servomotoren im Pressentisch, was eine kompakte Bauweise zulässt und die Geräusch-Emission deutlich verringert. Zudem verbessern sich Zugänglichkeit und Steifigkeit im Vergleich zu bisherigen Servopressen. Der Prototyp, den wir in unserem Erfurter Werk derzeit erproben, hat eine Presskraft von 1600 Tonnen. Mit einer Höhe von sechs Metern ist die Presse wesentlich niedriger als herkömmliche Modelle. Auch die Aufstellfläche fällt kleiner aus. Der gesamte Flächenbedarf reduziert sich im Vergleich zu einer konventionellen Presse um etwa 30 Prozent.

SCOPE: Können Sie da noch etwas ins Detail gehen?

Klebert: Durch die Verlagerung der Servomotoren in den Tisch kommt die TST-Presse ohne Seitenständer aus. Die Stößelbewegung wird von vier Zugstangen übernommen, welche die Presskraft auf die Stirnseiten des Stößels einleiten. Dies hat zur Folge, dass im Vergleich zur bislang üblichen Bauart größere außermittige Belastungen zulässig sind. Darüber hinaus kann die maximale Presskraft bis zum Tischrand hin für Umformaufgaben genutzt werden. Da wir von einem drückenden Excenter zu einem ziehenden Excenter wechseln konnten, erreichen wir damit bei gleicher Drehzahl eine Verlangsamung des Stößelgeschwindigkeit im unteren Drehpunkt - und damit eine um 30 Prozent geringere Auffederung im Vergleich zu herkömmlichen Maschinen: Der Schnittschlag verringert sich, Werkzeuge und Presse werden geschont. Diese Eigenschaft wird noch zusätzlich durch die größere, dämpfend wirkende Stößelmasse verstärkt. Die Kippsteifigkeit ist in Durchlaufrichtung etwa doppelt so hoch, quer zur Durchlaufrichtung sogar vier Mal so hoch.

SCOPE: Und wie kommt es zu dem geringeren Energieverbrauch?

Klebert: Der eine Punkt ist: Durch die geringeren Massenträgheiten ist es nun möglich, die Stößelkinematik noch effizienter an die Prozesse anzupassen. Der andere Punkt ist komplexer, und da arbeiten wir auch noch dran. Kurz zusammengefasst: Diese Technologie wird es erlauben, Maschineneigenfrequenzen zu definieren, bei denen die Umwandlung von rotatorischer in translatorische Energie dazu führt, dass der gesamte Energieverbrauch reduziert wird.

SCOPE: Abschließend noch kurz zu der Übernahme von Schuler durch den österreichischen Andritz-Konzern: Die Brüsseler Wettbewerbshüter haben bereits grünes Licht gegeben, die Zustimmung der Kartellbehörden der Türkei und USA liegt ebenfalls vor. Fehlen noch Brasilien und China, was wohl nur noch Formsache ist. Bis wann rechnen Sie, dass der Kauf über die Bühne ist?

Klebert: Ich rechne mit der Zustimmung der anderen Kartellbehörden im ersten Quartal 2013.

SCOPE: Schuler war seit seiner Gründung im Jahr 1839 in Familienbesitz - wird Schuler auch unter Andritz weiter Schuler heißen?

Klebert: Wir sind nach wie vor ein börsennotiertes Unternehmen mit vielen Aktionären auch wenn Andritz mit nahezu 90 Prozent unser größter Aktionär sein wird. Schuler ist eine weltweit starke und bekannte Marke. Es gibt keine Absicht, dies zu ändern.

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