Wirtschaft + Unternehmen
Aufgepackt
Megathemen wie ¿E-Commerce¿ treiben auch die Verpackungsbranche um. Doch es gibt andere Themen, die den Herstellern von Packmaterialien, Packmitteln und Verpackungsmaschinen weitaus mehr am Herzen liegen. Um auf die strukturellen Änderungen im Umfeld ihrer Kunden angemessen reagieren zu können, schnüren sie ihr derzeitiges Angebotportfolio auf und orientieren sich neu. Dabei steht der Dienstleistungsgedanke für die meisten Unternehmen ganz oben an.
¿Mmmh, das hat geschmeckt!¿ Rundum zufrieden leckt sich der Junge über die Lippen. Vor ihm auf dem Tisch türmt sich ein kleiner Müllberg: diverse Tüten, bedruckte Einwickelpapiere und bunte Schachteln. Dazu noch zwei Becher. Cola und der Hallo-Wach-Kaffee müssen schon sein.
Vor dem Verlassen des Schnellrestaurants stopft er die Reste seines köstlichen Mahls in die Tonne. Nach mir die Sintflut ¿ und alle Ökobewegten sehen Rot. Viel zu viel Verpackungsmüll, meinen sie. Und die EU-Beamten und -Ministerialen, die in den Neunzigern die Verpackungsverordnung auf den Weg brachten, stimmen ihnen zu.
Das Papier aus Brüssel hatte und hat immer noch deutliche Konsequenzen auf die gesamte Verpackungsbranche. Vor allem auf die hiesige. Denn hierzulande wird die Diskussion um Mehrwegquoten, Wiederverwertungsvorgaben und Rücknahmeverpflichtungen mit besonders großem Engagement geführt ¿ und mit großem Erfolg.
Längst gehen viele Verpackungen nicht nur einmal auf ¿Reisen¿. Längst wird nicht mehr alles doppelt und dreifach eingepackt. Aber vor allem sind Verpackungen nicht mehr das, was sie mal waren. Die Packmittel-Hersteller bringen immer leichtere und flexiblere Packstoffe auf den Markt. Weitaus stärker als zuvor entwickeln sie neue, wiederverwertbare, zum Teil kompostierbare Werkstoffe. Sogar essbare Verpackungen gehören heute ins Programm, was bei manchen Lebensmitteln Sinn macht. (Bei Hamburgern und Pommes jedoch weniger. Wer sollte die ganzen Schachteln und Tüten essen?)
Visionäre sehen . . .
Solche Exoten haben in der produzierenden Industrie und vor allem bei den Herstellern von Investitionsgütern kaum etwas verloren. Doch der Trend zum wiederverwertbaren oder kompostierbaren Leichtgewicht macht sich auch hier bemerkbar. Ebenso zwei weitere Tendenzen, die die IKB Deutsche Industriebank, Düsseldorf, in ihrem letztjährigen Branchenbericht für die Verpackungsindustrie aufzeigt: Zum einen verlange die Globalisierung der Märkte nach mehr Flexibilität bei den Verpackungen, erkannten die Marktexperten. Zum zweiten diene die Verpackung immer stärker als Marketinginstrument.
Für den Klassiker Wellpappe zum Beispiel, der zusammen mit Papier das mengen- und wertmäßig größte Segment aller Packmaterialien darstellt, treffen alle drei Trends ins Schwarze ¿ unabhängig davon, welche Ware damit verpackt wird. So haben die Wellpappentafeln in den letzten Jahren deutlich an Gewicht verloren. Nicht aber an Stabilität, denn oberste Priorität vor allem bei längeren Transporten hat weiterhin der Schutz der Ware.
Was die Flexibilität betrifft, da haben Hersteller, Designer, Verarbeiter und letztendlich die Verpackungsmaschinenbauer ein ums andere Mal deutlich gezeigt, was in der Wellpappe alles drinsteckt. Maßgeschneiderte Verpackungslösungen, mit denen sich die unterschiedlichsten Produkte sicher und kostengünstig rund um die Welt schicken lassen, gehören heute zum Standard. Noch nicht ganz so weit ist man beim Marketing. Doch immer öfter nutzen gewiefte Strategen Wellpappe, die Form der Verpackung sowie deren bedruckbare Flächen zur Verkaufsförderung.
Nicht nur die Packmaterialien haben sich im Laufe der letzten Jahre deutlich gewandelt und den Erfordernissen des Marktes immer wieder angepasst. Das gesamte Verpackungswesen blieb von den Strukturveränderungen im Handel und im produzierenden Gewerbe nicht verschont. ¿Wir besinnen uns auf unsere Kernkompetenzen¿, hieß es da vor allem in der Industrie.
Wobei jedes Unternehmen diesen Schritt etwas anders ging. ¿Während einige Unternehmen des produzierenden Gewerbes beispielsweise nur den Fuhrpark ausgliederten, gingen andere noch weiter: die kompletten Verpackungsdienstleistungen wurden ,outgesourct¿, die Lager- und Kommisionierarbeiten auf selbständige Firmen beziehungsweise hierauf spezialisierte Dienstleister verlagert¿, schreibt die für die Verpackungsbranche zuständige IKB-Expertin des nur auf Unternehmen fokussierten Finanzdienstleisters im ihrem Branchenbericht.
. . . wohin es geht
Die Reaktionen darauf blieben nicht aus. In der Branche versteht sich heute kaum noch einer nur als Packmittel- oder als Verpackungsmaschinenhersteller. Das Thema Dienstleistung hat an Bedeutung drastisch zugelegt. So schicken die Packmittelhersteller mehr und mehr regelrechte Verpackungsberater zu ihren Kunden. Verpackungslösungen zu entwickeln gilt als Marktvorteil und Differenzierungsfaktor. Ebenso die Übernahme von Logistikfunktionen, um die sich die Hersteller von Packmitteln gemeinsam mit Logistikdienstleistern bemühen.
Die Hersteller von Verpackungsmaschinen gehen das Thema Service ebenfalls mit Nachdruck an. Im Rahmen einer von der Düsseldorfer Bank veranstalteten Podiumsdiskussion stellte der Präsident der Interpack 99 Ernst H. Berndl im Namen der Verpackungs-Maschinenbauer fest: ¿Der derzeitige Dienstleistungsanteil im Maschinenbau liegt bei durchschnittlich neun Prozent des Umsatzes ¿ mit steigender Tendenz.¿ Momentan dominiere dabei noch der klassische Sektor: Wartung, Reparaturen, Montage und Inbetriebnahme sowie Planung und Beratung.
Doch die Kunden erwarten zunehmend mehr. Dokumentation, Schulung oder Teleservice würden nicht nur verlangt, sondern gleich mit dem Verkauf einer Maschine angeboten: bei komplexen Maschinen ist das geradezu ein Muss.
Kein Muss sieht der Geschäftsführende Gesellschafter des Maschinenbauers Skinetta Pac-Systeme darin, die Dienstleistungen zum Nulltarif zu bieten. ¿Irgendwann¿, da ist er sicher, ¿geht das nicht mehr.¿ Dann nämlich, wenn die Visionäre seiner Branche Recht behalten und die Kernkompetenz der Maschinenbauer zukünftig darin liegt, die auf der Maschine hergestellten Produkte in gewünschter Menge mit definierter Qualität just in time bereitzustellen. ¿Und diese Vision ist nicht weit weg von dem, was die Verpackungsindustrie bereits heute diskutiert.¿
Claudia Treffert / April 2000
Links: http.//www.ikb.de, http://www.wellpappen-industrie.de








