Wirtschaft + Unternehmen
"Mehr als gesetzlich vorgegeben"
SCOPE: Herr Bunthoff, wir erinnern uns noch an die Brandkatastrophe vom 11. April 1996. Welche Maßnahmen haben Sie getroffen, damit sich ein solches Unglück nicht wiederholt?
Bunthoff: Der unabhängige Brandschutzexperte Professor Klingsch hat ein neues Brandschutzsicherheitskonzept entwickelt und gemeinsam mit uns abgestimmt. Die darin festgelegten Schutzziele sind deutlich formuliert: Brandlastminimierung, Schaffung von brandabschnittbildenden Unterteilungen, Brandfrüherkennung, Rauchfreihaltung und sichere Rettungswegführung. Diese Ziele sind durch bauliche, organisatorische und betriebliche Maßnahmen umgesetzt worden. Dafür haben wir eine Menge investiert ¿ allein für den Brandschutz im neuen Zentralgebäude etwa 120 Millionen Mark.
SCOPE: Beim damaligen Unglück konnten sich giftige Brandgase unbemerkt ausbreiten, so dass die 17 Opfer nicht etwa an der Brandhitze starben, sondern am hoch giftigen Rauch erstickten. Ist das Problem Brandrauch gelöst?
Bunthoff: Die Rauchentwicklung stellt generell eine große Herausforderung dar. Darum haben wir beim jetzigen Konzept besonders großen Wert auf die Entrauchung gelegt. So wurde im Gebäude eine flächendeckende automatische Brandmeldeanlage installiert. Deren Hauptkomponenten sind 7400 optische Rauchmelder. In einigen Bereichen haben wir, je nach Erfordernis, andere Systeme eingesetzt ¿ zum Beispiel Infrarot-Linearmelder, Rauchansaugsysteme, Wärmemelder oder Funkmelder.
SCOPE: Und was geschieht bei einem Alarm?
Bunthoff: Bei einer Rauchdetektion löst die Brandmeldeanlage verschiedene Maßnahmen aus. Eine Meldung geht automatisch an die Feuerwehr. Außerdem wird, je nach Gefahrensituation, die Entrauchung eingeleitet, die Lüftung ausgeschaltet, das Fluchtwegleitsystem aktiviert, Rolltreppen und Gepäckbänder angehalten, Rauch- und Brandschutztore ausgefahren und die Notausgänge geöffnet.
SCOPE: Vor fünf Jahren wurde ein Aufzug zur Todesfalle, weil giftige Gase in die Kabine eingedrungen sind...
Bunthoff: ...das kann jetzt nicht mehr passieren. Denn bei Gefahr übernimmt die Brandmeldeanlage auch die Steuerung der dynamischen Evakuierungsfahrten der Fahrstühle. Die betroffenen Aufzugsanlagen werden entweder automatisch außer Betrieb genommen oder, falls sie sich in Fahrt befinden, zu einer sicheren Etage geleitet. Dort werden die Türen geöffnet und dann abgeschaltet.
SCOPE: Wie schaffen Sie es denn, bei einem Alarm Tausende von Menschen innerhalb weniger Minuten aus dem Gebäude zu evakuieren?
Bunthoff: Das Problem möglichst kurzer Fluchtwege haben wir durch verschiedene bauliche und organisatorische Maßnahmen gelöst. So stehen für jeden Aufenthaltsbereich zwei bauliche Fluchtwege in entgegengesetzter Richtung zur Verfügung. Zuverlässige Aussagen hinsichtlich der Gestaltung und Dimensionierung der Wege und die erforderliche Zeitspanne zur Räumung des Gebäudes haben wir mit Hilfe von Evakuierungssimulationen erhalten. Zusätzlich wurden alle Fluggastbrücken mit einem Fluchttreppenraum ausgestattet. So kommen auch Personen, die sich im Luftsicherheitsbereich befinden sehr schnell ins Freie. Fluchtwege, Fluchtrichtung und Notausgänge sind gekennzeichnet, die Zugänge zu den Treppenräumen und Ausgängen ins Freie außerdem mit grünen Blitzleuchten ausgewiesen. In unübersichtlichen Gebäudebereichen haben wir außerdem ein elektronisches Fluchtwegleitsystem installiert: Grüne Leuchtdioden im Wand- oder Bodenbereich zeigen hier als Lauflicht die Fluchtrichtung zum sicheren Ausgang an.
SCOPE: Und im Ernstfall funktioniert alles?
Bunthoff: Damit alles organisatorisch klappt, halten wir mindestens ein Mal jährlich ¿ unangemeldet und bei laufendem Betrieb ¿ Gebäuderäumübungen ab. Das hat Düsseldorf als erster deutscher Verkehrsflughafen gemacht. Außerdem finden fortlaufend Schulungen statt für die Mitarbeiter der Behörden ¿ Bundesgrenzschutz und Polizei. Aber auch für die im Terminal tätigen Mitarbeiter, die bei Gebäuderäumungen besondere Aufgaben zu übernehmen haben.
SCOPE: Und die Flüchtenden stehen nicht plötzlich vor verschlossenen Notausgängen?
Bunthoff: Sämtliche Türen und Ausgänge, die als Fluchtwege genutzt werden können, sind mit elektrischen, von der Brandmeldeanlage gesteuerten Verriegelungssystemen ausgestattet, die bei Gefahr den Weg freigeben.
SCOPE: Mal angenommen, es entsteht ein Brand mit sehr starker Rauchentwicklung. Wie schaffen sie den Rauch aus dem Gebäude?
Bunthoff: Das Entrauchungskonzept ist von wesentlicher Bedeutung. In allen öffentlichen Bereichen gibt es natürliche und maschinelle Rauch- und Wärmeabzugsanlagen. Die große Check-in-Halle im Zentralgebäude wird beispielsweise durch 26 Brandgasventilatoren entraucht. Sie werden von der Brandmeldeanlage gruppenweise aktiviert und fördern den Rauch direkt ins Freie. Die Frischluft strömt durch automatisch öffnende Türen von der jeweils gegenüberliegenden Hallenseite ein. Die Wartebereiche im Flugsteig B sind in Rauchabschnitte von 700 bis 1000 Quadratmeter unterteilt. Jeder Rauchabschnitt wird über ein Leitungssystem mit Ansaugöffnungen entraucht. Hier strömt die Zuluft über automatisch öffnende Fenster in der Außenfassade nach. In der Gepäckausgabehalle des Zentralgebäudes entrauchen wir über so genannte Linienentrauchungssysteme. Damit verhindern wir, dass sich der Rauch großflächig ausbreitet. Auch die Deckendurchbrüche für die Panoramaaufzüge und die großen Lichtöffnungen haben wir mit diesen Linienentrauchungssystemen ausgestattet.
SCOPE: Ein komplexes System. Und woher wissen Sie, dass die Entrauchung im Ernstfall auch wie gewünscht funktioniert?
Bunthoff: Für kritische Bereiche, für die es keine Erfahrungswerte gibt, wurden Modellversuche anhand verschiedener Brandszenarien durchgeführt. Die Szenarien hat der Brandschutzgutachter festgelegt. Als Eingangsparameter dienten die Wärmefreisetzungsrate und der maximal zu erwartende Rauchgasstrom. Aus den Modellversuchen konnten wir wichtige Erkenntnisse gewinnen, um die Entrauchungsanlagen und Zuluftöffnungen optimal zu dimensionieren und damit die Entrauchung sicherzustellen.
SCOPE: Setzen Sie neben Rauch- und Wärmeabzugsanlagen auch Sprinkler ein?
Bunthoff: Um Brände zu löschen oder zumindest die großflächige Brandausbreitung zu verhindern, ist das gesamte Gebäude zusätzlich mit Sprinklern ausgerüstet. Ausnahmen gibt es nach Maßgabe der gültigen VdS-Richtlinie, beispielsweise für elektrische Betriebsräume oder sanitäre Einrichtungen. Auf Grund von Brandsimulationsrechnungen konnten wir auch in der 20 Meter hohen Check-in-Halle auf Sprinklerschutz verzichten. Hier sind nur die Flächen unterhalb der Galerien, zum Beispiel die Check-in-Schalterelemente, mit Sprinklern ausgestattet. Auch die oberen Galerien sind auf diese Art und Weise gesichert. In sensiblen Bereichen des Flughafens, in denen Wasser nicht als Löschmittel verwendet werden kann, wurden Sonderlöschanlagen installiert.
SCOPE: Sie haben offenbar mehr für den vorbeugenden Brandschutz getan als der Gesetzgeber vorschreibt. Wollen Sie damit auch das Image des Flughafens aufpolieren?
Bunthoff: Nein, das Thema Brandschutz ist zu ernst, um es als Marketingmaßnahme zu verwenden. Dass wir mehr getan haben als gesetzlich vorgegeben ist, ergibt sich aus unseren Erfahrungen. Vorbeugender Brandschutz, der stur an den maßgeblichen Richtlinien und Verordnungen ausgerichtet ist, reicht in bestimmten Fällen, besonders bei Sonderbauten wie Terminals mit starkem Publikumsverkehr, nicht aus. Deshalb haben wir bei der Umsetzung unseres Brandschutzkonzepts auch nicht die wirtschaftlichen Aspekte in den Vordergrund gestellt. Es ging in erster Linie darum, eine sichere Lösung im Sinne des Machbaren zu finden und damit den Betrieb zu gewährleisten. Allerdings ist das Thema nicht abgeschlossen. Denn der tägliche Betrieb zeigt, dass das geschaffe- ne Brandschutzkonzept fortlaufend auf Grund ständiger Nutzungsänderungen angepasst werden muss ¿ und dabei werden ständig noch Verbesserungen berücksichtigt. Wir lernen immer noch dazu.
Die Fragen stellte SCOPE-Redakteur Michael Stöcker
Vorbeugen statt bekämpfen
heißt die goldene Regel im Brandschutz. Doch im Ernstfall helfen nur Entrauchungsanlagen, automatische Löschsysteme, eine flächendeckende Brandmeldeanlage und ein ausgeklügeltes Fluchtwegleitsystem. Dafür hat der Flughafen Düsseldorf einen dreistelligen Millionenbetrag investiert. Viele der Maßnahmen, die hier realisiert wurden, stünden auch manchem Industriebetrieb nicht schlecht. Zumal es nach dem 11.September sicher nicht schaden kann, für die Sicherheit im Unternehmen etwas tiefer in die Tasche zu greifen.
ms








