Wirtschaft + Unternehmen
. . . in corpore sano
In den Managementetagen rangiert das Thema Arbeitssicherheit nicht gerade unter den Top Five. Noch schlechter ergeht es allerdings dem Gesundheitsschutz. Der, so kann man immer wieder hören, sei reine Privatsache der Mitarbeiter. Ein grandioser Trugschluss, der zudem ins Geld geht. Denn die durch Krankheit verursachten Kosten schlagen in den Bilanzen deutlich zu Buche. Seit rund vier Jahren brechen nun europaweite Aktionen eine Lanze für den Gesundheitsschutz. Und sammeln vorbildhafte Beispiele, um aufzuzeigen, dass es nur mit gesunden Mitarbeitern wirklich gesunde Unternehmen geben kann.
Die spinnen ¿ die Chinesen. Tag für Tag stehen Jung und Alt, Angestellte und Arbeiter, vom Manager bis zur einfachen Hilfskraft in Gruppen zusammen im Park und üben sich im Schattenboxen. Die spinnen ¿ die Dänen. Genauer, die Chefs von COD, Co-op Denmark. Sie hängen nicht nur Schilder in die Arbeitsräume mit knackigen Parolen zum Thema Arbeitsschutz oder lustigen Strichmännchen, die als Vorbild fürs richtige Arbeiten dienen. Sie setzen alles dran, das Arbeitsumfeld zu verbessern. Und dazu lassen sie die Beschäftigten zu Wort kommen. Und sie hören sogar noch auf die. In was für einer Welt arbeiten die denn?!
Nein. Sie spinnen nicht. Weder die Chinesen, die sich traditionsgemäß allmorgendlich um ihr körperlich-seelisches Wohlbefinden kümmern. Weil sie den wahren Kern von ¿Mens sana in corpore sano¿ (gesunder Geist in gesundem Körper) lange vor den Römern gefunden haben. Noch die Dänen. Sie und weitere Unternehmen in aller Herren Länder agieren statt dessen vorausschauend: strategisch. Sie fördern aktiv die Gesundheit der Belegschaft. Und lassen jeden Kritiker alt aussehen, der sie als Spinner mit extravaganten Träumen für menschengerechtere Arbeitsformen hinstellen will.
Gar nicht kurzsichtig
Wer Bedingungen schafft, unter denen Menschen richtig gern arbeiten, trifft eine wirtschaftlich kluge Entscheidung. Davon ist man auch beim Volkswagen-Konzern überzeugt. Pro Jahr und Mitarbeiter ungefähr 260 Mark und damit mehr als 27 Millionen Mark insgesamt für Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung auszugeben, scheint den Oberen in Wolfsburg nicht zu viel. Im Gegenteil. Sie meinen sogar, dass sich das Engagement rechnet.
In den letzten Jahren stieg die Gesundheitsquote auf über 96 Prozent und die Zahl der Arbeitsunfälle machte sich auf den Weg ¿in den Keller¿. Für die Beschäftigten in den Werken gibt es immer weniger Gründe für Krankmeldungen. Schließlich haben sie selbst mit dafür gesorgt, dass Krankmacher wie Lärm, Chemikalien oder Stress entweder ganz vom Arbeitsplatz verschwinden oder sich wenigstens aufs erträgliche Maß reduzieren ließen.
¿VW kann sich das ja locker leisten. Die stellen einfach ein paar Leute ab. Und Geld haben sie außerdem mehr als genug. Aber für kleinere Unternehmen sind solche Aktionen geradezu utopisch.¿ Der Einwand eines Mittelständlers scheint auf den ersten Blick gerechtfertigt. Betriebliche Gesundheitsförderung, wie sie die EU in ihrer Luxemburger Deklaration fordert, bindet Arbeitskraft. Und ganz gratis ist sie ebenfalls nicht zu haben.
Das belegt allein schon das Studi- um eines Fragebogens (klassische Broschüre oder Dokument im Internet: http://www.bkk.de/gesundheit/netzwerk/) den das Europäische Netzwerk für Gesundheitsförderung auf der Basis von Qualitätskriterien entwickelte. ¿Existiert eine schriftliche Unternehmensleitlinie zur Betrieblichen Gesundheitsförderung, die sichtbar durch die Führungskräfte im betrieblichen Alltag vertreten und gelebt wird?¿ wird da beispielsweise gefragt. Oder: ¿Verfügen alle Mitarbeiter über die notwendigen Kompetenzen (auch gesundheitlicher Art), um ihre Aufgaben zu bewältigen, bzw. erhalten sie Gelegenheit, diese Kompetenzen zu erwerben?¿
Es kostet einfach Zeit, die Fragen zu beantworten. Zumal nicht selten Know-how und Transparenz fehlen. Ohne die muss man zunächst bei Fragen passen, die da lauten: ¿Sind die Aufgaben so organisiert, dass systematische Über- und Unterforderung vermieden werden können?¿
Ein Fall für Berater könnte man meinen. Ein Fall für Hilfe von außen ganz bestimmt. Das wissen die Mitglieder des Netzwerks und sie wissen ebenso, dass sich gerade die kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) solche Berater gern sparen. Aus dem Grund machten sich die Mitglieder selbst ans Werk, sie erklärten vor rund zwei Jahren die Gesundheitsförderung in KMU als vorrangiges Ziel des Netzwerks und starteten Projekte. Handlungsbedarf gibt es genug. Das lässt sich allein an den Statistiken der Berufsgenossenschaften ablesen, die bei den Großbetrieben eine deutlich geringere Unfallwahrscheinlichkeit aufzeigen als bei den Kleineren.
Das schaff¿ ich auch
¿Gesunde Mitarbeiter in einem gesunden Unternehmen¿ lautet der Titel einer Sammlung von Beispielen für vorbildliche Praxis, die aus einem der EU-weit initiierten Projekte zusammengestellt wurden. COD und Volkswagen sind zwei von insgesamt 66 Unternehmen aus 18 Ländern, deren Aktivitäten zum Thema Gesundheit in dem Druckwerk steckbriefartig beschrieben werden. Lokal agierende 20- bis 40-Mann-Frau-Betriebe kommen darin genauso zum Zug wie weltweit aktive Multis mit mehreren Tausend Mitarbeitern.
Garage Demuth, Autohändler und Reparaturwerkstatt in Luxemburg mit 40 Beschäftigten ist ein Beispiel für die Kleinen. Sicherheits- und Gesundheitsmaßnahmen stehen für die Geschäftsleitung ganz vorne an. Der Erfolg blieb nicht aus. Nicht nur, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten auf drei Tage pro Jahr und Mitarbeiter sanken. Darüber hinaus verbesserte sich das Betriebsklima. Das spüren die Mitarbeiter: und die Kunden. Die fühlen sich besser bedient als zuvor und geben ihre Zufriedenheit an andere ¿ potentielle Kunden ¿ weiter.
Die Zusammenstellung von Groß- und Kleinbetrieben ist bewusst gewählt und kann als geschickter Schachzug der Netzwerk-Initiatoren gelten. Denn sie nimmt den von den Inhabern kleinerer Unternehmen geäußerten Vorurteilen den Wind aus den Segeln: Wenn es andere schaffen, deren jährlicher Umsatz in ähnlicher Größenordnung liegt, dann sollten wir das auch hinbekommen.
Selbstmotivation allein reicht jedoch längst nicht aus, um in kleineren Betrieben den Umdenkprozess zu starten. Zahlen, Daten, Fakten sind gefragt, anhand derer sich spezielle Lösungen entwickeln lassen. Und vor allem: überzeugende Argumente.
Die in die Unternehmen hineinzutragen und das Thema ¿Gesundheit¿ nach und nach in den Kleineren und mittleren Unternehmen zu verankern, hatten sich die Beteiligten des 1996 vom Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, Stuttgart, und der GEK-Gmünder Ersatzkasse, Schwäbisch Gmünd, gestarteten Gemeinschaftsvorhaben vorgenommen. Und noch Einiges mehr, denn ihre Aufgabenstellung lautete: ¿Entwicklung und Erprobung eines Gesundheitsmanagements in Klein- und Mittelbetrieben¿. Zusammen mit relevanten Berufsgenossenschaften, Innungen, Verbänden und Gewerkschaften nahmen sie in 14 ausgewählten Betrieben die Arbeitsbedingungen unter die Lupe und starteten Verbesserungsaktionen.
Was ist zu tun, wenn die Gleichgültigkeit gegenüber der Gesundheitförderung einem ehrlichen Engagement weichen soll? Wie schafft man es, dass der Gesundheitsschutz zu den wichtigen Unternehmenszielen zählt und dass das durch Gesetze vorgeschriebene ¿notwendige Übel¿ zur Chance für alle ¿ Mitarbeiter und Chefs ¿ mutiert? Maßnahmen dafür gibt es genug, man muss sie nur kennen und konsequent umsetzen.
Was man tun kann, um in kleinen und mittleren Betrieben per Gesundheitsmanagement zu gesünderen Arbeitsbedingungen zu kommen, haben die Vorhaben-Partner in einem Handbuch zusammengestellt. Damit wollen sie den interessierten Anderen, die nicht zu den 14 Ausgewählten zählen, Wissen, Werkzeuge und Vorgehensweisen an die Hand geben, damit auch sie das Projekt ¿Gesundheitsförderung¿ in ihrem Unternehmen angehen.
Der Faktor Mensch
Von der Analyse der Arbeitsbedingungen bis hin zu konkreten Verbesserungsaktionen ist trotz allem ein weiter Weg. Beschwerlich noch dazu, denn leider bleibt es nicht beim Austausch von Stühlen, beim Verrücken von Möbeln oder beim Anbringen von Hilfsvorrichtungen. Gesundheit hängt nur zum Teil von der ¿Hardware¿ ab. Der andere Teil, der Mensch und damit die emotionalen und psychischen Faktoren, spielen eine mindestens ebenso starke Rolle. Ob es nun darum geht, dass er den Sinn von Schutzvorschriften nicht ohne weiteres erkennt oder er sich seinen Aufgaben nicht gewachsen fühlt. Vielleicht ¿leistet¿ er sich stressbedingte Fehler. Das alles gilt es zu erkennen und für Abhilfe zu sorgen.
Übermäßiger Zeitdruck, Angst vorm Versagen oder Ärger mit den Kollegen bringen die besten Mitarbeiter ins Trudeln ¿ manchmal auch der unverdaute Ärger von zu Hause. Und dann passiert es trotz aller möglicher Sicherheitsvorkehrungen, dass die Hand in die Säge rutscht, die Staplerladung von der Gabel kippt und andere verletzt oder die Leitung wieder Strom führt, obwohl noch ein Kollege daran arbeitet. Schon allein um solche Unfälle zu vermeiden, sollte in den Unternehmen die Gesundheitsförderung ein große Rolle spielen. Zumal sie sich auf lange Sicht gesehen auszahlt: mit qualifizierten, motivierten Mitarbeitern, die aktiv zum Geschäftserfolg beitragen.
Claudia Treffert / März 2000
Links: http://www.bkk.de, http://www.iao.fhg.de, http://www.gek.de








