Editorial
Wende ohne Ziel
Die Electronica ist eine der weltgrößten Messen der Elektronikindustrie. Doch statt Innovationen zeigte die Ausstellung am 15. November, was passiert, wenn ihr Namensgeber Elektron mal nicht fließt: Nicht nur auf der Messe blieb alles dunkel, wegen einer Netzstörung brach die gesamte Stromversorgung in München zusammen: Stromlose Computer und Maschinen, zusammengebrochene Handy-Netze, ausgefallene Ampeln und S-Bahnen: Chaos war die Folge.
Der Grund? Ungeklärt. Doch die Wahrscheinlichkeit wächst, dass das deutsche Stromnetz immer öfters wackelt. Martin Zeil, Bayerns FDP-Wirtschaftsminister, wusste anlässlich des Stromausfalls: „Bereits ein einstündiger deutschlandweiter Stromausfall kann einen wirtschaftlichen Schaden von einer Milliarde Euro verursachen.“
Das Problem ist dabei nicht die Stromerzeugung selbst – sondern die Stromübertragung vom Erzeugerort zum Verbraucher.
Beispiel Schleswig-Holstein: Dort fallen immer höhere Entschädigungskosten an, weil Windstrom aus Angst vor einem Netzkollaps nicht eingespeist werden darf. Allein 2011 speiste man bis zu 407 Gigawattstunden (GWh) Windstrom nicht ein, so der Bundesverband Windenergie, weil sonst das Netz überlastet worden wäre. Der nicht produzierte Windstrom hätte 116.000 Haushalte ein Jahr lang versorgen können. Zudem müssen dem Netzbetreiber die Verluste vergütet werden – was natürlich auch auf die Verbraucherrechnung draufschlägt.
Und was tut die Politik? Ein aufgescheuchter Hühnerstall ist koordiniert im Vergleich zu Merkels Truppe - wo sie durchgreifen müsste, tut sie nichts. Rösler will weniger Stromtrassen, Altmeier die Bürger an den zu erwartetenden Stromtrassenerlösen beteiligen, und die Lokalfürsten wollen vor allem eins – keine Stromkabel durch die Gärten ihrer Wutbürger.
So werden von den bisher geplanten vier großen Nord-Süd-Strom- autobahnen nun nur noch drei realisiert: Die Gesamtlänge der neuen Stromleitungen reduziert sich damit auf etwa 2.800 Kilometer. Die bestehenden, nachzurüstenden Stromautobahnen wurden auf 2.900 Kilometer zusammengestrichen - über die Hälfte weniger als ursprünglich vorgesehen. Dabei sieht die Deutsche Energie-Agentur Bedarf für rund 214.000 Kilometer an neuen Netzen.
Spätestens 2013, wenn die Stromrechnungen um bis zu 20 Prozent steigen, kommt das Thema bei jedem Verbraucher an. Der Stromausfall in München dauerte nur wenige Stunden – doch er gab einen Vorgeschmack, was noch geht, wenn die Politiker die Energiewende nicht endlich vorantreiben: gar nix.
Taktieren hilft bei diesem für Deutschland elementaren Thema nicht weiter, Frau Merkel.
Schöne, glitzernde Weihnachten und einen energiereichen Start ins 2013 wünscht Ihnen Ihr SCOPE-Team!
Hajo Stotz, Chefredakteur
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