Editorial
Halbherzig
"Es gibt für die Bundesregierung keinen Grund, vom Ziel einer Million E-Autos in 2020 abzurücken", sprach Verkehrsminister Ramsauer kürzlich auf der Konferenz zur Elektromobilität in Berlin. Ein Blick in die Verkaufsstatistik würde ihm weiterhelfen: In den ersten vier Monaten dieses Jahres wurden rund 1.500 E-Fahrzeuge zugelassen. Zieht man die Herstellerzulassungen ab, bleiben nur einige hundert real zugelassene Fahrzeuge übrig. Doch durch die weltweit immer strenger werdenden Emissionsvorschriften haben selbst die deutschen Hersteller großes Interesse an steigenden Verkaufszahlen von Elektroautos: Nach dem Willen etwa der EU-Kommission soll der Flottenverbrauch ab 2020 pro gefahrenem Kilometer 95 Gramm CO2 betragen. Beim Flottenverbrauch können sparsame Modelle der Marke den Verbrauch der Sprit-Säufer ausgleichen. Und: Autohersteller dürfen sich besonders sparsame Wagen mehrfach anrechnen lassen. Heute wird jedes zugelassene Auto, das weniger als 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt, mit dem Faktor 3,5 in der Flottenbilanz gezählt. Diesen Faktor - auch "Super-Credit" - genannt, will die Kanzlerin der deutschen Automobilindustrie erhalten. Nach dem Willen der EU-Kommission soll ab 2016 der Anrechnungsfaktor 1,3 betragen, wogegen die deutsche Autoindustrie Sturm läuft. In den USA dürfen Elektroautos beispielsweise doppelt angerechnet werden. Daher ist für die deutsche Autoindustrie der Erfolg von Elektroautos durchaus von erheblicher Bedeutung. Wie das aber ohne entsprechende politische Rahmenbedingungen zu schaffen sein soll, bleibt ein Geheimnis der Politiker. Seit 128 Jahren werden konventionelle Autos erforscht, weiterentwickelt und entsprechende Strukturen dafür geschaffen. Und nun soll mal eben aus dem Markt heraus in wenigen Jahren die Akzeptanz für ein völlig anderes Konzept entstehen? Das wird nicht funktionieren. Denn ein Elektroauto ist mehr als ein Fahrzeug mit Motor, es ist ein neuer Systemansatz, der nur in Verbindung mit der Energiewende erfolgreich sein wird - und umgekehrt. Das formuliert auch die Kanzlerin treffend: "Elektromobilität steht natürlich auch in einem sehr engen Zusammenhang mit dem Thema Energiewende. Das scheinbar so tolle Elektroauto würde letztlich auch keine emissionsarme Fahrweise bieten, wenn dahinter im großen Maße eine nicht erneuerbare Energiequelle stünde. Das heißt, im Grunde verläuft der Prozess, erneuerbare Energien wettbewerbsfähig und marktkonform zu machen, parallel zum Prozess, das Ganze auch im Verkehr nutzbar zu machen. Beide Prozesse gehören zusammen." Doch nur mit Appellen der Politiker wird weder die Energiewende noch die Elektromobilität erfolgreich, wie auch Bahnchef Rüdiger Grube kritisiert: "Wenn Elektromobilität nachhaltig ein Erfolg werden soll, brauchen wir ein konsequenteres Vorgehen. Das ist alles zu halbherzig."
Hajo Stotz, Chefredakteur
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