Hajo Stotz über...
Die Metall-Bieger
Mit einem 1,2-Milliarden-Programm will die Bundesregierung die Mobilitätsrevolution endlich auf die Straße bringen. Doch auch ohne die Fähigkeit des Glaskugellesens lässt sich das Scheitern voraussagen: Die deutsche Autoindustrie ist zu sehr in ihren Strukturen erstarrt, als dass sie die dafür notwendigen, tiefgreifenden Entwicklungen wirklich zügig umsetzen kann.
Einer der Gründe ist die Firmenkultur – und das in vielen Betrieben, nicht nur bei VW –, in der Manager durch ihre „Ich bin der Chef“-Attitüde Eigeninitiative unterbügeln und ihre Firmen in die Krise führen. Aber wenn‘s dann um Verantwortung übernehmen geht, von nix wissen und dafür mit Millionen-Boni belohnt werden.
Selbst die Politik schreckt nun auf: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel prophezeit eine Revolution des Marktes: „Wir stehen vor der Neuerfindung der Mobilität“. Angetrieben werde diese Entwicklung aber von außen. Deutlicher kann die Regierung die Angst um die Innovationskraft der Branche wohl nicht formulieren. In 20 Jahren soll ein großer Teil des Verkehrs automatisch fahren.
Und während in Kalifornien E-Autos zum Straßenbild gehören, in den Tesla-Räumen die Interessenten Schlange stehen und die ersten autonomen Fahrzeuge im Verkehr teilnehmen, beschäftigen sich die deutschen Autobauer mit Softwaretricks und Abgasschummeleien. Ja, sind die deutschen Auto-Ingenieure alle von vorgestern? Im Gegenteil: Die Branche hat einen riesigen Fundus an schlauen Köpfen mit neuen Ideen. Viele angehende Ingenieure träumen davon, ihre Technikbegeisterung bei einem der großen Namen umsetzen zu können. Doch die lassen das Potential brachliegen.
Anders als die Softwarekonzerne der USA, die nach dem Motto „Scheitern ist okay. Es nicht zu versuchen, ist nicht okay“, nicht nur ihre Entwickler drängt, ständig neu zu denken, sondern auch ihre Kunden zwingt, sich mit Neuem zu beschäftigen (jedes neue Betriebssystem von Microsoft ist voll von Fehlern und erfordert erst eine Einarbeitung), setzen deutsche Autobauer auf ein „Bloß keine Experimente“. Zwar beteuert etwa Harald Kröger, Daimler-Chef der Abteilung E-Drive, dass auch sein Unternehmen „innovativen Nerds“ ein Zuhause biete. Entscheidend ist aber, was hinten rauskommt – so eine Lebensweisheit von Ex-Kanzler Kohl. Und bei den Autos kommt hinten immer nur raus: größer, stärker, schneller. Noch verdienen die Konzerne damit dickes Geld – doch der Markt wird sich die nächsten 20 Jahre schneller wandeln als die letzten 100.
Will Deutschland auch in Zukunft noch zu den führenden Auto-Nationen gehören und nicht nur „der Metall-Bieger für Google“ werden, wie Fiat-Boss Marchionne drastisch formulierte, muss die Industrie sich schleunigst von der lähmenden „Einer sagt, wo‘s langgeht, und der Rest badet‘s aus“-Kultur verabschieden. Denn Deutschlands Rohstoffe sind Ideen und Innovationen, sonst nix. Andernfalls werden andere Branchen uns zeigen, wie man die Mobilität von morgen gestaltet.










