Interview mit Gunther Koschnick
Der Weg zur Elektrifizierung
Die Elektrifizierung bringt Herausforderungen und Chancen. Im Interview erläutert Gunther Koschnick vom ZVEI-Fachverband Automation, über welche Stationen der Weg zur All Electric Society führt.
Welche gemeinsamen Herausforderungen beobachten Sie in den verschiedenen Branchen, wenn es um die Umstellung auf All-Electric-Lösungen geht?
Wir kommen der elektrifizierten, digitalisierten und automatisierten Welt Schritt für Schritt näher. Allerdings hakt es auch an einigen Stellen. Herausforderungen sehen wir bei der Standardisierung und den Rahmenbedingungen. Ohne sie ist die systemische Vernetzung nicht realistisch. Ein Beispiel sind intelligente Messsysteme. Da sind wir in Deutschland nicht so weit, wie wir sein könnten. Gleichzeitig sind die Digitalisierung und Flexibilisierung von steuerbaren Verbrauchern eine Grundlage für die All Electric Society: Erst wenn die Waschmaschine genau dann läuft, wenn der Strom günstig ist, wenn das Elektroauto als Zwischenspeicher zur Netzstabilität beiträgt und Energieproduktion und -verbrauch auch in der Industrie möglichst effizient aufeinander abgestimmt sind, sind wir auf dem richtigen Weg.
Wie wirken sich infrastrukturelle Unterschiede auf den Fortschritt der Elektrifizierung aus?
Die wichtigste Voraussetzung bleibt erstens, dass die Energie zur Verfügung steht. Elektrifizierung – ob nun direkt oder indirekt, zum Beispiel über Wasserstoff – wird sich durchsetzen, wenn die Kostenvorteile der Erneuerbaren endlich in niedrigere Preise münden. Hier ist die Politik gefragt: Steuern und Umlagen müssen dringend sinken. Zweitens benötigt die digitale Vernetzung einheitliche Datenmodelle, die alle einschließen – von Erzeugern über die Verbraucher in Industrie, Gewerbe und Privathaushalten bis zu den Speichern. Ein Beispiel, an dem wir beim ZVEI aktiv arbeiten, ist der Digital Product Passport 4.0 (DPP 4.0), der auf dem digitalen Zwilling der Asset Administration Shell (AAS) basiert.
Welche Technologien bieten sektorenübergreifend Synergien, die den Elektrifizierungsprozess beschleunigen könnten – und warum gerade diese?
Es geht um erneuerbare Energien, um intelligente und flexible Netze und Speicher, um Gleichstrom – und vor allem darum, so gut wie alle Verbraucher in die Sektorenkopplung einzubeziehen. Denn die wahren Potenziale in Sachen Effizienz und Resilienz liegen in der smarten Vernetzung, indem sich Angebot und Nachfrage von Energie gegenseitig digital steuern. So können wir den CO2-Ausstoß senken, Verluste minimieren, den Primärenergieverbrauch verringern und Kosten sparen.
Welche langfristigen Strategien halten Sie für erfolgversprechend, um eine reibungslose und koordinierte Umstellung aller Sektoren auf elektrische Systeme zu gewährleisten?
Der springende Punkt ist doch: Technisch gesehen ist die elektrische Energie in Sachen Emissionen und Effizienz der klare Gewinner. Die übergeordnete Strategie muss nun darin bestehen, die Motivation zu fördern – und die beste Motivation wäre ein wettbewerbsfähiger Preis. Der ZVEI fordert seit Langem, ihn von den Zusatzkosten zu befreien. Strom muss günstig sein, damit Investitionen stattfinden.









