OT meets IT

Sidra Sammi, Andreas Mühlbauer,

Zwischen den Welten

Die industrielle Digitalisierung schreitet voran, doch viele Unternehmen kämpfen mit der Umsetzung. Besonders an der Schnittstelle von IT und OT treffen unterschiedliche Systeme, Prozesse und Anforderungen aufeinander – mit Folgen für Sicherheit, Datenqualität und Organisation.

Die Fähigkeit zur Umsetzung wächst langsamer als die Technologien der Digitalisierung. © PeopleImages/shutterstock.com

Die industrielle Digitalisierung ist in der Breite angekommen. Produktionsprozesse werden vernetzt, Datenplattformen aufgebaut und Systeme miteinander verbunden. Gleichzeitig zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass die Fähigkeit zur Umsetzung nicht im gleichen Tempo mitgewachsen ist. Besonders sichtbar wird dies an der Schnittstelle von IT und OT, wo Produktionsrealität und digitale Architektur zunehmend aufeinandertreffen.

Die Digitalisierung verändert nicht nur einzelne Prozesse, sondern die industrielle Wertschöpfung insgesamt. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, technologische Modernisierung, operative Stabilität und steigende Sicherheitsanforderungen gleichzeitig zu steuern. An diesem Punkt wird deutlich, dass Technologie allein nicht ausreicht. Das A und O ist vielmehr, wie gut Organisationen in der Lage sind, unterschiedliche Systeme, Prozesse und Verantwortlichkeiten miteinander zu verbinden. Zuständig dafür sind Menschen mit ihren Fähigkeiten, auch unter herausfordernden Bedingungen die richtigen Entscheidungen zu treffen.

In großen Organisationen stehen laut dem ILX-Report 2026 zurzeit mehrere strategische Ziele parallel im Vordergrund:

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  • 50 % Fokus auf Effizienzsteigerung
  • 40 % auf Sicherung der Qualität
  • 40 % auf Beschleunigung der digitalen Transformation
  • 37 % auf Datenmanagement und Sicherheit

Diese Zahlen zeigen deutlich, unter welchem Druck Industrieunternehmen derzeit stehen. Gleichzeitig zeigt die Studie eine strukturelle Schwäche in der Umsetzung: In 49 % der Unternehmen sind Transformationsprogramme nicht ausreichend mit der Unternehmensstrategie verzahnt.

Der Engpass liegt in der Umsetzung

Die zentrale Herausforderung liegt damit weniger in der Definition strategischer Ziele als vielmehr in der Fähigkeit, diese konsistent über Organisationseinheiten hinweg zu realisieren. Besonders deutlich wird dies in komplexen IT/OT-Strukturen, in denen unterschiedliche Systemlogiken aufeinandertreffen. Während IT-Systeme typischerweise auf Skalierbarkeit, Datenintegration und Geschwindigkeit ausgelegt sind, verfolgen OT-Systeme andere Prioritäten. Dort stehen Stabilität, Verfügbarkeit und deterministische Prozesse im Mittelpunkt.

Mit der zunehmenden Vernetzung industrieller Prozesse wachsen beide Welten stärker zusammen: Maschinen liefern kontinuierlich Daten in Analyseplattformen, Produktionsanlagen werden an Cloud-Systeme angebunden und Entscheidungen sollen möglichst in Echtzeit getroffen werden. Dadurch entsteht eine neue Form industrieller Komplexität. Die daraus resultierenden Reibungsverluste sind häufig nicht technischer Natur. Moderne Technologien für Datenintegration oder industrielle Netzwerke stehen längst zur Verfügung. Schwieriger ist vielmehr die organisatorische Integration. Unterschiedliche Verantwortlichkeiten, isolierte Prozesse und fehlende gemeinsame Zielbilder bremsen viele Transformationsprojekte aus.

Mit der technischen Vernetzung steigen die Anforderungen an Zusammenarbeit, Governance und Entscheidungsstrukturen. Besonders sichtbar wird dies beim Thema Cybersecurity. Der Report zeigt deutliche strukturelle Risiken in der Sicherheitsarchitektur vieler Unternehmen: 58 % sind weiterhin von Legacy-Schwachstellen betroffen. Außerdem ist Cybersecurity oft nicht durchgängig auf Führungsebene verankert. Im Kontext von IT/OT bedeutet dies eine direkte Erweiterung der Angriffsfläche bis in produktive Systeme hinein.

Sicherheitsprobleme und daraus entstehende erhebliche Risiken betreffen nicht mehr nur klassische IT-Netzwerke, sondern unmittelbar Produktion und Betriebssicherheit. Viele Produktionsanlagen wurden ursprünglich nicht für hochvernetzte Infrastrukturen entwickelt. Trotzdem bleiben bestehende Systeme aufgrund langer Investitionszyklen oft über Jahrzehnte hinweg im Einsatz. Moderne digitale Anwendungen treffen dadurch auf ältere Architekturen, deren Sicherheitskonzepte den heutigen Anforderungen nur eingeschränkt gerecht werden.

Daten als limitierender Faktor

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Datenbasis der Transformation. Daten gelten zwar als Schlüsselressource moderner Produktion, doch in vielen Unternehmen wächst die Datenmenge schneller als die Fähigkeit, diese sinnvoll zu nutzen. Laut Report kämpfen 51 % der Unternehmen mit unkontrollierbaren Datenmengen. Gleichzeitig beeinträchtigt schlechte Datenqualität die Entscheidungsfähigkeit zunehmend.

Im industriellen Umfeld führt dies dazu, dass datengetriebene Anwendungsfälle wie Predictive Maintenance oder KI-gestützte Optimierung nur eingeschränkt wirksam werden. Solche Anwendungen entfalten ihren Nutzen nur dann, wenn Daten konsistent, aktuell und verlässlich verfügbar sind. Fehlt diese Grundlage, entstehen Unsicherheiten in Analysen und Entscheidungen. Damit sinkt nicht nur die Qualität der Ergebnisse, sondern häufig auch die Akzeptanz neuer Technologien innerhalb der Organisation.

Neben all den genannten Faktoren darf ein wesentlicher Punkt nicht vergessen werden: die Arbeitsmarktperspektive. Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum beschreibt eine tiefgreifende Veränderung der Kompetenzanforderungen in Unternehmen. Demnach benötigen 59 % der Beschäftigten bis 2030 Umschulung oder Weiterbildung. Zu den am stärksten wachsenden Kompetenzfeldern zählen laut Report KI, Datenanalyse und Cybersecurity. Entsprechend gehören analytisches Denken und Problemlösung zu den zentralen Zukunftskompetenzen. Für industrielle IT/OT-Umgebungen verschärft sich damit der Fachkräfteengpass im Bereich hybrider Kompetenzen. Unternehmen suchen zunehmend Mitarbeitende, die sowohl Produktionsverständnis als auch digitale Kompetenzen mitbringen. Genau diese Profile sind jedoch besonders knapp.

Wenn Trend und Realität aufeinandertreffen

Während das World Economic Forum die strukturelle Verschiebung von Kompetenzen beschreibt, zeigt sich in den Unternehmen die operative Realität und die Konvergenz von IT und OT entwickelt sich zum zentralen Prüfstein industrieller Transformationsfähigkeit. Es wird sich zeigen, ob Unternehmen in der Lage sind, technologische Modernisierung, Sicherheitsanforderungen und operative Stabilität gleichzeitig zu steuern. Die entscheidende Herausforderung liegt dabei nicht in der Technologie selbst, sondern in der Fähigkeit, Organisation, Prozesse und Kompetenzen über bisher getrennte Systemwelten hinweg zu integrieren. Erst dann kann Digitalisierung ihr volles Potenzial entfalten – mit dem Menschen als zentrale Schnittstelle.

Sidra Sammi, Geschäftsentwicklung DACH, ILX Group

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