Interview
"Der Schaltschrankbau muss deutlich effizienter werden"
Unter dem Motto "100 Jahre Leidenschaft für Technologie und Innovation" feierte Phoenix Contact in diesem Jahr auf der Hannover Messe nicht nur technologische und persönliche Verbindungen aus 100 Jahren Unternehmensgeschichte. Im Fokus stand auch das Thema "Effizienz im Schaltschrankbau". Warum in Zeiten der Energiewende gerade dieses Thema so stark in den Vordergrund rückt, erklärt Andreas Schreiber, Vice President der Business Unit Industrial Cabinet Solutions bei Phoenix Contact, im Gespräch mit Andreas Mühlbauer.
Herr Schreiber, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Unternehmensjubiläum. Ihr Unternehmen kann nicht nur auf ein Jahrhundert Geschichte zurückblicken, es plant auch in längeren Zeiträumen, ruft regelmäßig Dekadenstrategien aus. Warum haben Sie für diese Dekade ausgerechnet die "All Electric Society" ins Zentrum Ihres unternehmerischen Handelns gerückt?
Nachhaltige, langfristige Unternehmensplanung ist gewissermaßen Teil unserer DNA als Familienunternehmen. Die "All Electric Society" eröffnet uns die Chance, zwei vermeintlich gegensätzliche Zukunftsfragen anzugehen: Wie können wir Verbrauch zulassen, sprich Milliarden Menschen Wohlstand ermöglichen, und gleichzeitig das Klima schützen? Die All Electric Society bietet uns hier eine realistische Perspektive. Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, muss elektrische Energie aus regenerativen Quellen die neue Primärenergie sein, die wir zu niedrigen Kosten erzeugen und für jeden zugänglich machen.
Und wie kann die Gesellschaft, wie können Unternehmen dafür sorgen, dass die Elektrifizierung schneller vorankommt?
Die Voraussetzung ist zunächst: Elektrische Energie aus erneuerbaren Quellen muss ausreichend vorhanden sein. Das allein reicht aber nicht aus. Es gilt, alle Sektoren der Industrie, des Privatlebens, der Gesellschaft zu elektrifizieren. Es gilt auch, diese Energie an alle zu verteilen, das heißt: Auch die Energieverteilnetze müssen enorm ausgebaut werden. Und wir müssen es schaffen, die Energieflüsse intelligent zu steuern, zu regeln und Energie zu speichern. Das stellt enorm hohe Ansprüche an den Ausbau der Infrastruktur, die Energieverteilung und -erzeugung – bis hin zu den neu hinzugekommenen Verbrauchern, die in der Vergangenheit nicht mit elektrischer, sondern mit fossiler Energie betrieben wurden.
Könnten Sie dies an einem Beispiel erläutern?
Nehmen wir das Thema Wärmepumpen: In den Nachrichten sprach Bundeskanzler Scholz davon, dass von nun an in jedem Jahr 500 000 neue Wärmepumpen installiert werden sollen. Das braucht enorm viel elektrische Energie dort, wo heute vielleicht noch der Tankwagen vorfährt und die Öltanks befüllt. Das heißt auch, dass die Energieverteilnetze stark ausgebaut müssen, um Energie von dem Ort, wo sie gerade verfügbar ist, dorthin zu bringen, wo sie benötigt wird.
Können Sie das konkretisieren?
Schätzungen gehen davon aus, dass wir zur Realisierung der All Electric Society etwa 20 Prozent des Netzes noch einmal on top installieren müssen, inklusive der dafür notwendigen Schaltanlagen. Dazu kommen zahlreiche Schaltschränke für die unterschiedlichsten Anwendungen, die elektrifiziert werden. Kurz gesagt: Wir brauchen viel mehr Schaltschränke – und müssen zusehen, wie wir überhaupt mit der bestehenden Branche des Schaltschrankbaus in der Lage sind, diesen enormen Mehrbedarf zu stemmen. Mit "Weiter so, mehr davon" einfach die gleichen Arbeitsweisen aus der Vergangenheit fortzuführen, können wir diese Herausforderung nicht stemmen. So viele Fachkräfte haben wir nicht. So viele Betriebe können wir gar nicht aufbauen. Das heißt: Der Schaltschrankbau muss deutlich effizienter werden. Und deshalb rücken wir auf der diesjährigen Hannover Messe dieses Thema stärker in den Vordergrund.
Sie sagen, dass unsere Schaltschrankbauprozesse wesentlich effizienter werden müssen, um die Energiewende stemmen zu können. Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Das fängt etwa damit an, dass wir die Produktdaten konsistent digital bereitstellen, um sie dann in die Engineeringprozessedes Schaltschrankbauers einfließen zu lassen. Zudem haben wir Software-Lösungen, die sich nahtlos in die Prozesskette des Kunden integrieren lassen. Beispielsweise unsere Software ClipxEngineer, die Vorlagen und Konfiguratoren bereitstellt, um zu definierten Funktionen in unterschiedlichen Applikationsbereichen Vorschläge zu bekommen: Welche Produkte kann man wie kombinieren, um bestimmte Funktionen zu realisieren? Hinzu kommen nahtlose Schnittstellen zu verschiedenen CAE-Systemen.
In welchen Bereichen außer Engineering Software sehen Sie nochMöglichkeiten, um effizienter zu werden?
Wir müssen uns alle Prozessschritte in der Fertigung näher anschauen: angefangen beim Ablängen von Tragschienen, dem Bestücken, dem Markieren, dem Vorbereiten von Leiternbis hin zum Verdrahten. Über Werkerassistenzsysteme wie demClipx Wire Assist, über ergonomische Arbeitsplätze sowieüberautomatisierte Kennzeichnungssysteme wie derThermomark E Serieskönnen wir es schaffen, die Prozesssicherheit und Geschwindigkeit zu optimieren. Auch über werkzeugloseAnschlusstechnologien wie Push-In und Push-X lässt sich das Beste an Effizienz aus dem Prozess herausholen.
Sie stellen auf einer Sonderfläche in Halle 9 die Lösungen und Bausteine in dieser Prozesskette vor. Aber wie können Sie einem Kunden helfen, der noch gar nicht genau weiß, wo erden Hebel ansetzen soll?
Wir bieten ein umfangreiches Beratungsangebot, mit dem wir Kunden ganz individuell dabei unterstützen, effizienter zu werden. Wir analysieren zusammenWertstrom und Prozesse, arbeiten gemeinsam mit den Beschäftigten Lösungen aus, gestaltenLayouts und Arbeitsplätze, um Montagezeiten, Liegezeitenund Wegezeiten zu reduzieren. Ergänzend dazu bieten wir denjenigen, die Prozesse outsourcen wollen, unser Value-Add-Angebotmit vormontierten Baugruppen nach Kundenwunsch.
Wieviel Effizienzsteigerung lässt sich theoretisch erreichen, wenn alle Prozesse im Schaltschrankbau verbessert werden?
Das haben wir für die unterschiedlichen Bereiche ausgewertet. Definiert man Effizienz als das gewünschte Ergebnis pro Zeit, dann lässt sich durch die konsequente Nutzung digitaler Daten und ergonomischer Arbeitsplätze in der Tragschienenvorbereitung, beim Bestücken von Tragschienen und bei der Leitervorbereitung die Effizienz um 50 bis 60 % steigern. Durch automatisierte Kennzeichnungslösungen wie Thermomark E Series ist sogar eine Effizienzsteigerung um 150 % möglich. Mit der neuen, werkzeuglosen Anschlusstechnologie Push-X lässt sich die Effizienz zusätzlichum 35 % steigern. Man muss bei diesen Steigerungsmöglichkeiten natürlich die Ausgangssituation bedenken, das ist je nach Unternehmen unterschiedlich.
Allein für den Ausbau der Verteilnetze werden weltweit laut Schätzungen mehr als fünf Millionen neue Schaltschränke gebraucht. Ist das zu schaffen?
Zumindest kann sich kein Unternehmen, das Schaltschränke baut, darauf zurückziehen, dass es nicht betroffen ist. Es betrifft alle. Und wer sich nicht mit Effizienzsteigerung, Digitalisierung, mit Lean-Prozessen, mit Teil- bis Vollautomatisierung beschäftigt, der wird bei der Realisierung der All Electric Society nicht die bedeutende Rolle spielen können. Wir holen mit unserem skalierbaren Portfolio jeden Kunden in der Schaltschrankbaubranche dort ab, wo er heute steht. Es kommt nurdarauf an, heute die richtigen Weichen für morgen zu stellen.









