Betriebsstoffe
Denkende Druckluft
Der Kampf an der Linie ist hart. Einst waren druckluftbetriebene Impulsschrauber an den Fertigungslinien der Automobilindustrie und vielen anderen Montagelinien wegen ihrer Schnelligkeit und dem angenehmen, reaktionsfreien Anzugs die absoluten Herren. Doch diese Herrschaft bröckelte als die Automobilindustrie und in ihrem Gefolge viele weitere Industriezweige mehr und mehr Prozesssicherheit und bis zum letzten Newtonmeter nachvollziehbare Schraubverbindungen forderten. Da konnte die drehmomentgenaue Abschaltung der Druckluftschrauber noch so genau sein, so lange nur der Werker selbst und nicht die allumfassende Qualitätssicherungssoftware davon wussten, war nichts zu machen: Der Druckluftschrauber flog raus, der elektronisch so mitteilungsfreudige Elektroschrauber kam rein. Schließlich geben die Parameter wie Drehmoment und Drehwinkel nur allzu leicht ans Netzwerk weiter, während der Impulsschrauber stumm bleibt.
Sensibel für Impulse
Damit ist jetzt Schluss: Atlas Copco hat dem Impulsschrauber mit Hilfe von Sensoren und einer Elektronik das Sprechen und Denken beigebracht. Die neuen, digital überwachten „Pulsor“-Impulsschrauber basieren technisch auf den bewährten, selbst abschaltenden Ergo Pulse PT-Impulsschraubern aus Essen, bieten also einen drehmomentstarken ölfreien Doppelkammermotor und eine Pulszelle mit zwangsgesteuerten Kolben und Rollen statt den sonst üblichen, verschleißbehafteten Lamellen. Neu dagegen sind eine Geberscheibe zwischen Impulszelle und Druckluftmotor und zwei versetzt angebrachte Hall-Sensor-Paare. Aus deren Signalen errechnet eine Elektronik die entsprechenden Beschleunigungs- und Verzögerungswerte pro Puls und über einen Algorithmus letztendlich das Drehmoment und den entsprechenden Drehwinkel.
Druckluft digital
Damit können die Impulsschrauber aus Essen in Zukunft nicht nur mit drehmomentgenauer Abschaltung und Bedienungsüberwachung mit Zykluskontrolle gegen vergessene Schrauben, also der Prozesssicherheit Stufe 1 und 2, aufwarten, sondern auch das Verhalten der Schraube selbst überwachen und damit auf Stufe 3 aufrücken. Die einst so dumme Druckluft erkennt nun ebenso wie ihre elektrische Konkurrenz sogar fehlende Unterlegscheiben oder schadhafte Gewinde.
Hinzu kommt natürlich die komplette Palette der digitalen Möglichkeiten. Das beginnt bei der Anzeige des richtigen Anzugmoments per LED direkt am Schrauber oder per Prozentanzeige am Display, geht über die schnelle Inbetriebnahme per Plug-and-Play und mündet in vielfältigen Programmiermöglichkeiten. So erkennt der digitale Impulsschrauber beispielsweise anhand einiger Probeläufe selbstständig, ob es sich um einen harten oder weichen Schraubfall handelt. Der Anwender muss lediglich das gewünschte Sollmoment vorgeben. Zahlreiche Alarmfunktionen stehen ebenfalls zur Verfügung, unter anderem ein Trendalarm für Drehmomentabweichungen oder Vorwarnung für fällige Checks. Die zugehörige Elektronik speichert neben Drehmoment und -winkel auch Anziehdauer, Identifikationsnummer und Luftdruck von bis zu 4000 Anziehvorgängen. Per Ethernet gelangen diese Daten zum Auswertungsrechner oder Qualitätssicherungssystem.
Das Rennen an der Linie ist also wieder offen. Zumindest im Bereich von 16 bis 90 Newtonmeter, also M6 bis M10, und später sogar bis 120 Newtonmeter kann es gut sein, dass in Zukunft dank Digitalisierung die Druckluft wieder den längeren Atem hat.mm








