zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Lieferantenmanagement

Andreas Mühlbauer,

Ist das Lieferkettengesetz technisch umsetzbar?

Nach Inkrafttreten des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG) müssen Unternehmen spätestens ab 2023 nachweisen, dass ihre direkten Lieferanten international geltende CSR- und Umweltstandards einhalten und bei Verstößen unverzüglich handeln.

Die Transparenzpflicht könnte auch auf Sub-Lieferanten und deren Zulieferer ausgedehnt werden. © iStock/BrianAJackson

Aufgrund der anhaltenden Diskussionen ist absehbar, dass das Transparenzpflicht in naher Zukunft auch auf Sub-Lieferanten und deren Zulieferer ausgedehnt wird. Doch was bedeutet das für den Einkauf – ist ein solches Lieferkettengesetz überhaupt praktisch umsetzbar?

Ganz gleich ob Konsumenten, Mitarbeiter oder Investoren: Immer mehr Menschen erwarten, dass Unternehmen die Einhaltung von Arbeits- und Umweltstandards sicherstellen – sowohl intern als auch bei ihren Lieferanten. Viele Marken haben längst auf diese Anforderungen reagiert und verpflichten sich zur Einhaltung eines Code of Conduct (CoC) und machen Corporate Social Responsibility (CSR) zur Grundlage von Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) ist im Grunde die logische Konsequenz und verpflichtet Unternehmen sehr deutlich zu sozialer Verantwortung und mehr Transparenz. Zwar gilt das LkSG zunächst nur für Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitern und die Verantwortung nur für direkte Lieferanten. Besonders für Organisationen mit internationalen Lieferketten wird die strukturierte Bewertung von Lieferanten zu einer echten Herausforderung – auch wenn sie vorerst lediglich ihre direkten Partner überprüfen müssen.

Anzeige

Update für das Risikomanagement

Die Umsetzung des LkSG erfordert auf Seiten der Unternehmen vor allem eines: Die Erweiterung des bestehenden Risikomanagements um CSR-Risiken. Für den Fall von Verstößen sind zudem Maßnahmen und Prozesse zu definieren, die den Einkauf befähigen, schnell zu handeln. Dies klingt einfach, doch die Praxis ist komplexer: Zur Bewertung von CSR-Risiken wird eine Vielzahl unterschiedlicher Informationen benötigt. Im Gegensatz zu Performance-Daten wie Qualität und Liefertreue lassen sich diese nicht aus eigenen ERP-Systemen gewinnen. Auch von Lieferanten bereitgestellte Informationen eignen sich kaum für eine CSR-Bewertung. Es liegt nahe, dass sie aufgrund eigener Geschäftsinteressen Verstöße von Sub-Lieferanten spät oder gar nicht an ihre Auftraggeber melden. Einkäufer müssen deshalb für eine seriöse Bewertung externe Informationen hinzuziehen. Die Einbindung externer Daten in eigene Entscheidungsprozesse ist keineswegs neu: Einkäufer informieren sich schon lange bei verschiedenen Rating-Anbietern über die Bonität ihrer künftigen Partner, nutzen Wetter- und Klimadaten und sind meist sehr gut über die politischen Verhältnisse an den Standorten ihrer Lieferanten informiert. Im Bereich CSR sind es Anbieter wie EcoVadis, Riskmethods, oderTealbook, die Organisationen mit den notwendigen Informationen versorgen. Für eine schnelle, effiziente und umfassende Risikobewertung müssen deren Daten jedoch aggregiert, ausgewertet und in konkrete Handlungsempfehlungen für den Einkauf umgewandelt werden.

Technische Unterstützung notwendig

Die Bewertung von Lieferantenrisiken ist ein sehr komplexer Vorgang. Allein die Anzahl der zu bewerteten Risiko-Parameter ist inzwischen so hoch, dass dies ohne technische Unterstützung nicht mehr möglich ist. Das gilt insbesondere für Unternehmen mit vielen Lieferanten und global verzweigten Lieferketten. Hinzu kommt, dass die meisten externen Datenlieferanten über eine eigene Software verfügen. Die Folge: Für den Einkauf sind fast immer manuelle Schritte notwendig, um individuelle Risikobewertungen durchzuführen und sichere Entscheidungen zu treffen. Durch fehlende Integrationsmöglichkeiten für externe Risikoinformationen lassen sich Maßnahmen wie Freigaben, Sperrungen oder Warnmeldungen in bestehender ERP-Software nur zeitversetzt aktivieren. Zudem müssen die zugrunde liegenden Prozesse regelmäßig angepasst werden – oft sogar manuell. Dies führt zu Verzögerungen und verlangsamt sowohl den Sourcing-Prozess als auch die Lieferantenauswahl und das Risikomanagement enorm. Außerdem können Einkäufer auf bekannt gewordene Menschenrechtsverletzungen oder Krisenereignisse nur verzögert reagieren. Die Digitalisierung des Source-to-Pay-Prozesses (S2P) und die Schaffung von Integrationsmöglichkeiten für Risikodaten helfen diese Herausforderungen zu lösen. Da das LkSG empfindliche Strafen vorsieht, sollten Unternehmen möglichst zeitnah handeln über eine Modernisierung ihrer Einkaufslösungen nachdenken.

Digitalisierung: Aus der Kür wird Pflicht

Ein digitaler Source-to-Pay-Prozess beschleunigt die Abwicklung von Einkaufsvorgängen – angefangen vom Sourcing über die Lieferantenauswahl bis hin zur Bestellung, Vertragsmanagement sowie die Bearbeitung von Eingangsrechnungen. Hinzu kommt ein Gewinn an Transparenz über die Zusammenarbeit mit Lieferanten und die Bewertung von Risiken. Trotz der offensichtlichen Vorteile wurden entsprechende Modernisierungsprojekte oft nur halbherzig vorangetrieben. Dies liegt bis heute oft an der befürchteten Komplexität und schwer prognostizierbaren finanziellen Effizienzgewinnen. Selbst für internationale Konzerne kostet es enorm Kraft, begonnene Digitalisierungsprojekte erfolgreich abzuschließen.

Mit dem Inkrafttreten des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz erhöht sich der Druck: Einkaufsentscheider müssen ihr Risikomanagement erweitern, externe Daten integrieren und auswerten sowie dem Einkauf zu mehr Flexibilität verhelfen. Ohne einen vollständig digitalisierten Beschaffungsprozess und eine voll integrierte Risikobewertung ist die praktische Umsetzung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes nicht leistbar. Für Einkaufsentscheider herrscht daher akuter Handlungsbedarf: Sie müssen Tools und Prozess-Landschaften an die neuen Anforderungen anpassen und spätestens bis 2023 in Betrieb nehmen.

Lieferkettengesetz 2.0: Vollständige Lieferkettentransparenz ist eine Zukunftsvision

Die Umsetzung des aktuellen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes ist nach dem derzeitigen Stand der Technik grundsätzlich möglich und für die meisten Unternehmen auch praktisch realisierbar. Doch sowohl der Aufwand als auch die tatsächlichen Kosten lassen sich nur schwer beziffern und hängen stark vom Geschäftsfeld und digitalen Reifegrad der jeweiligen Organisation ab.

Wird die Verantwortlichkeit der Unternehmen künftig auf Sub-Lieferanten und deren Partner ausgedehnt, stehen insbesondere Unternehmen mit geringer Fertigungstiefe und verzweigten Lieferketten vor einem nahezu unlösbaren Problem: Sie müssen Verantwortung für die Geschäftspraktiken von Partnern übernehmen, die sie gar nicht kennen (können). Der Grund: Viele Sub-Lieferanten sind vertraglich zu Stillschweigen verpflichtet. Das heißt, sie dürfen nicht über Kundenbeziehungen sprechen und diese erst recht nicht schriftlich für Dritte dokumentieren. In dieser Situation helfen weder digitale Prozesse noch moderne Einkaufslösungen, da es schlichtweg an den benötigten Informationen fehlt. Diese Tatsache macht eine lieferkettenübergreifende Bewertung von CSR-Risiken nahezu unmöglich, sodass eine vollständige Lieferkettentransparenz derzeit eine Zukunftsvision ist. Selbst wenn Unternehmen aus Deutschland von ihren Partnern sofortige Transparenz verlangen, wird dies ohne echte Partnerschaften nicht möglich sein. Dies gilt insbesondere dann, wenn in der Region der Lieferanten andere Gesetze gelten und es für bestimmte Produkte nur wenige Hersteller gibt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich faire Arbeitsbedingungen und Transparenz über ganze Lieferketten weder durch staatliche Vorgaben noch Softwarelösungen allein erreichen lassen. Unternehmen sollten sich vielmehr selbst das strategische Ziel setzen, das Verhältnis zu ihren Lieferanten neu zu definieren, zu verbessern, partnerschaftlich zu gestalten und deutlich enger zusammenzuarbeiten als bisher. Vor allem sollten Unternehmen Konsens über veränderte Kundenanforderungen herstellen, sich auf die Notwendigkeit deutlich größerer Transparenz einlassen und diese vertraglich mit ihren Partnern vereinbaren. Die Herausforderung liegt insbesondere in der Schaffung eines Mindsets, mit dem die Notwendigkeit von Veränderungen auf lokaler und internationaler Ebene akzeptiert und aktiv vorangetrieben wird.

Dieser Prozess wird für alle Beteiligten ein großes Stück Arbeit sein – vor allem, wenn sie mit internationalen Partnern zusammenarbeiten, an deren Standorten bisher andere oder gar keine CSR-Regeln durchgesetzt wurden. Vor allem gilt es, positive Gespräche zu führen, die neuen Kundenanforderungen sowie den Sinn und Zweck eines Lieferkettengesetzes zu vermitteln. Mit den passenden Lösungen und Veränderungsbereitschaft auf allen Seiten können Auftraggeber, Lieferanten und Partner gemeinsam erfolgreich sein.

Risikomanagement und Technik sind kein Allheilmittel

Trotz der Befürchtung, dass das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz neben den bestehenden Lieferengpässen und Logistik-Problemen zu Wettbewerbsnachteilen für deutsche Unternehmen führen könnte, bleibt der öffentliche und politische Druck zur Verschärfung des Gesetzes ungebrochen – insbesondere auf EU-Ebene. Auch in Österreich und der Schweiz sind entsprechende Vorhaben im Gespräch. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Organisationen in naher Zukunft für die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen und strengerer Umweltvorschriften in ihrer gesamten Lieferketten verantwortlich gemacht werden. Daher kommt im Grunde kein Unternehmen mehr an der Verbesserung seiner Lieferentenbeziehungen sowie der Modernisierung bestehender Einkaufslösungen und -prozesse vorbei. Der Einkauf sollte also dringend aktiv werden – sei es, um sich einen Vorsprung vor Mitbewerbern zu sichern oder sich auf die Verschärfung gesetzlicher Regelungen vorzubereiten.

Jan-Hendrik Sohn, Regional Director DACH und CEE von Ivalua 

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Anzeige

Wettbewerbsvorteile bei großen Maschinen

Ob 3D-gedruckte Bauteile für Maschinen und Anlagen, Prototypen oder Hilfsmittel für die Konstruktion: Die Additive Fertigung ist für moderne Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Automatisierung nahezu unverzichtbar, wenn man in der...

mehr...

Lineartechnik

Transporttechnik aus dem Baukasten

Viele Transportaufgaben lassen sich mithilfe von Lineartechnik realisieren. Um das Zusammenspiel von Lineareinheit, Motor, Getriebe und Steuerung zu vereinfachen, bieten sich vorkonfigurierte Lösungen an. So kann der Aufwand für Recherche und...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren