Wirtschaft + Unternehmen

Von Farben, Felgen und Felchen

Produktwechsel in der Lackierstraße. Alles muß schnell, schnell gehen, der Kunde wartet nicht. Neue Applikationen erproben, mal den ganzen Prozeß optimieren, dazu fehlt einfach die Zeit. Ein Spezialist für Oberflächentechnik am Bodensee nimmt sich gerade diese Zeit für seine Kunden. Im ruhigen Markdorf simulieren Anwendungstechniker Beschichtungsanlagen und feilen solange daran, bis alle zufrieden sind. Wie das geht und warum bei diesem Service auch gerne mal ein paar Lackpistolen weniger verkauft werden, zeigt das Beispiel eines Automobilzulieferers.

Ob klassisch mit Speichen, verspielt mit Bärchen oder minimalistisch mit zwei Stegen, Aluminiumfelgen rangieren ganz oben auf der Zubehörliste und zieren längst nicht mehr nur Mannis Manta. Wenn der Glanz der vier guten Stücke den stahlbefelgten Nachbarn so richtig vor Neid erblassen läßt, ist das nicht zuletzt das Resultat einer aufwendigen Beschichtungstechnik. Was aussehen will wie blankes Aluminium, durchläuft in Wirklichkeit eine zehnstufige Vorbehandlung, um dann mit Pulverlack grundiert, mit Metalliclack naßbeschichtet und zuguterletzt mit Klarlack versiegelt zu werden.

Die klasse Optik wird in Masse verlangt: Ein leistungsfähiger Zulieferer setzt pro Tag gut und gern 800 Autos auf die leichten Räder. Kein Wunder, daß dessen Fertigung jegliche produktionsunterbrechenden Arbeiten an der Lackierstraße scheut. Und wenn dann doch mal eine neue Lackierstraße eingerichtet oder die Applikation für ein neues Produkt geändert werden muß, dann bitte so schnell wie möglich und streng nach Adenauer: ¿Keine Experimente!¿.

Straße für alle Fälle

Diese ¿Experimente¿ nimmt Heinz Dörler, Anwendungstechniker im Industrietechnikum Naßlacke, seinen Kunden ab. So auch im Fall eines großen Aluminiumfelgenherstellers. Noch bevor dessen vorbeschichteten Felgen gleich palettenweise im Technikum anrollten, hatte Dörler seine Hausaufgaben gemacht: ¿Alle Parameter des Kunden werden genau aufgenommen: Lackdaten und Schichtstärke ebenso wie alle Daten der bestehenden Lackierstraße.¿ Mit diesen Angaben baut er die Anlage des Kunden in allen wichtigen Punkten nach. Dazu bietet ihm das Technikum vielfältige Möglichkeiten: Zwei hintereinanderliegende Automatikkabinen haben Lücken-, Höhen- und Tiefensteuerung oder eine Mitfahreinheit. Die nehmen alle gängigen Applikationen auf: von Airless über Aircoat bis hin zu HVLP und Elektrostatik. Die Teile fahren hängend oder auf Unterflurförderern durch die Kabine. So läßt sich fast alles lackieren, vom 0,4 Millimeter winzigen Zahnrad bis hin zur Ariane Raketenstufe. Und wenn es einen halben Mähdrescher zu beschichten gilt, wird im Dienst des Kunden auch schon mal ein Teil der Kabine umgebaut.

Im Falle der Felgen stand allerdings kein so großer Aufwand an, ganz im Gegenteil. Statt die zwei bisher erforderlichen Kabinen nachzubauen, in denen die Felgen gegenläufig rotierten, kam Dörler bei seinem Aufbau mit nur einer Kabine aus: ¿Wir haben uns für das HVLP-Verfahren entschieden und damit den erforderlichen Anlagenaufwand stark reduziert.¿

Viel Luft, wenig Druck

HVLP steht hier für High Volume Low Pressure. Eine Turbine erzeugt dabei einen großen Luftstrom, der den Lack unter niedrigem Druck auf die Oberfläche bringt. Das hat bei der Beschichtung von Felgen entscheidende Vorteile. In den vielen Vertiefungen und Taschen der Felgen bauen sich bei zu großem Druck gerne Luftpolster auf, an denen der Lack einfach zurückprallt. Beim HVLP-Verfahren dagegen hat der Farbnebel wegen des im Vergleich zur Luftzerstäubung bis zu zehn mal geringeren Drucks eine geringere Bewegungsenergie. Das vermeidet die gefürchteten Luftpolster, der Lack behindert sich nicht selbst und kann tiefer eindringen.

¿Dadurch verringern wir den Oversprayanteil um 30 Prozent¿, erklärt Dörler stolz, ¿darüber hinaus muß der Lack bei gleichbleibender Brillanz nicht mehr so naß aufgetragen werden, was ebenfalls Lack spart.¿ Als ich dann noch erfahre, daß er im konkreten Fall die Anzahl der Pistolen von über zehn auf fünf verringert hat, muß ich ihn stoppen. So viel selbstloser Umsatzverzicht macht mich stutzig. ¿Wir versuchen stets mit so wenig Aufwand wie nötig die bestmöglichen Resultate zu erzielen. Das zeigt unsere Kompetenz und der Kunde vertraut uns.¿ Daß sich diese Philosophie auszahlt, zeigt eine lange Liste von Kunden, die sich bei jeder Produktumstellung ihre Anlagen anpassen lassen.

Auch der Aluminiumfelgenhersteller ist zufrieden. Bei der Vorführung in der von allen Seiten einsehbaren Lackierkabine kann er sich von der Qualität der Lackierung überzeugen. Jede einzelne Phase der Lackierung wird zudem auf Video festgehalten. Das hilft dem Zulieferer beim Werben um seinen Endkunden, den Automobilhersteller. Viel wichtiger jedoch ist die dicke Dokumentation, die der Kunde mit nach Hause bekommt. Darin finden sich minutiös festgehalten alle Einstellungen, von der Pistolenposition über Luftleistung und Lacktemperatur bis hin zur Fördergeschwindigkeit. Mit diesen Daten kann die Anlage später innerhalb weniger Stunden ¿eingeschossen¿ werden. Kein langer Produktionsausfall, kein ungeduldig wartender Endkunde, die zeitraubende Optimierung fand schon vorher in aller Ruhe am Bodensee statt.

Nur so ist es möglich, die komplette Umrüstung mit Demontage, Montage der neuen Applikation, Einfahren und Schulen der Mitarbeiter in nur drei Tagen über die Bühne zu bringen. Jetzt hat der Kunde eine Anlage, die Felgen von 15 bis 22 Zoll mit ein und derselben Pistoleneinstellung beschichtet. Die Umrüstung auf ein neues Produkt erfolgt minutenschnell und ohne Ausschuß allein durch Umschalten der Steuerungsparameter, sozusagen auf Knopfdruck.

Pulver auf Probe

Doch nicht nur Zeitgewinn bieten die Lackierer vom Bodensee. ¿Der Kunde erhält von uns Komplettlösungen¿, betont Dörler, ¿wir kümmern uns um Steuerung und Handling genauso wie um die Arbeitsplatzgestaltung. Bei Zukaufteilen stehen wir beratend zur Seite und mit den führenden Kabinenherstellern arbeiten wir sehr eng zusammen.¿ Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen von der Pulverlackfraktion im eigenen Haus ist sehr eng. Sichtbares Zeichen dafür ist eine zweite Führungsschiene für Gehänge, die in die Naßlackkabine führt. Sie kommt vom Industrietechnikum Pulverlacke nebenan, wo in drei Kabinen mit moderner Pulvertechnik wie einzeln gesteuerten Pistolen und lasergesteuerter Schichtdickenregulierung probebeschichtet wird. Damit bereitet es den Markdorfern keine Probleme komplette Beschichtungen mit gepulverter Grundierung und einem nassen Decklack zu zeigen oder in Zweifelsfällen mit einen Parallelversuch Naß gegen Pulver den unentschiedenen Kunden von dem einen oder anderen Verfahren zu überzeugen.

Mich jedenfalls haben die Möglichkeiten und der Service des Technikums überzeugt. Die gute Seeluft hat mich hungrig gemacht und so gönne ich mir zum Abschluß meines Besuchs noch ein leckeres Bodenseefelchen. Doch als die Kellnerin mir den Fisch bringt, muß ich an die Worte meiner Gastgeber denken: ¿Wagner hat schon alles beschichtet, nur noch keine Elefanten.¿ Nun sind Fische keine Elefanten. Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, fügt die Kellnerin hinzu: ¿Aus eigenem Fang, ganz frisch.¿ Ich bin erleichtert, denn die einzige Beschichtung, die diese Delikatesse braucht, ist die einer guten Sauce.

Matthias Meier / Juni 1999

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