Handelskrieg im Anmarsch?

Annina Schopen/dpa,

US-Zölle: Was jetzt auf Wirtschaft und Verbraucher zukommt

Donald Trumps beispielloses Zollpaket erschüttert den Welthandel – und stellt Wirtschaft, Politik und Verbraucher vor große Fragen. Die EU und China reagieren mit Gegenmaßnahmen, halten aber am Dialog fest. Hier wird erklärt, wie sich die Zölle auf Deutschland, die globale Wirtschaft und den Alltag auswirken.

Hinter einem Fernsehmonitor, auf dem US-Präsident Donald Trump zu sehen ist, zeigt die Anzeigetafel mit der Dax-Kurve fallende Kurse. © Arne Dedert/dpa

Washington (dpa) - Wochenlang hat US-Präsident Donald Trump mit einem riesigen Zollpaket gedroht. Nun hat er seine Pläne präsentiert. Sie sind nicht nur komplex, sondern auch beispiellos in ihrem Umfang. Die EU und China kündigten Gegenmaßnahmen an, suchen aber zugleich weiter den Dialog. Was sind die Folgen für die Weltwirtschaft, Deutschland und Verbraucher?

Die verkündeten Zölle dürften die Wirtschaft weltweit aus Sicht von Ökonomen ausbremsen und könnten die Teuerung global befeuern und so Verbraucher erheblich belasten. Die Sorge vor einer anhaltenden Rezession in Deutschland, wo vor allem die Autoindustrie und der Maschinenbau von der aggressiven Handelspolitik Washingtons betroffen sind, ist groß.

Der geschäftsführende Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sagte: „Das ist ein Anschlag auf eine Handelsordnung, die Wohlstand überall auf dem Globus geschaffen hat.“ Der geschäftsführende Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zog eine Parallele zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von Russlands Angriff auf die Ukraine. Der Präsident Außenhandelsverbandes BGA, Dirk Jandura, sprach von einem „Frontalangriff auf den Welthandel“.

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Was hat Trump angekündigt?

Die USA belegen ab Samstag Einfuhren aus allen Ländern pauschal mit Zöllen von zehn Prozent. Zudem kündigte die US-Regierung einen komplexen Mechanismus an, der für viele Länder höhere Zölle vorsieht. Dieser wird ab 9. April gelten. Ein Berater Trumps bezeichnete diese Länder als „schlimmste Übeltäter“. Gemeint sind solche, mit denen die USA nach Auffassung der Trump ein besonders großes Handelsdefizit haben.

Die Amerikaner sprechen an dieser Stelle von wechselseitigen Zöllen - also von einem Prinzip der Gegenseitigkeit. Viele Länder erschwerten den Import von US-Produkten, das könne man sich nicht länger bieten lassen. Washington bezieht sich dabei nicht nur auf Zölle, sondern auch auf Handelshemmnisse wie Subventionen, strenge Einfuhrvorgaben, Diebstahl geistigen Eigentums und Währungsmanipulation.

Was heißt das für Deutschland und die EU?

Für die EU heißt das, dass Exporte ihrer Mitgliedsländer in die USA ab kommender Woche mit einem Zoll von 20 Prozent belegt werden. Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist in Trumps Zoll-Liste nicht einzeln aufgeführt, sondern fällt unter die Bestimmungen für die EU. „Europas schlimmster wirtschaftlicher Alptraum ist gerade wahr geworden“, meint Carsten Brzeski, Chefökonom der Bank ING.

Trump kritisiert die EU nicht nur für höhere Zölle, er moniert auch die in Europa erhobene Mehrwertsteuer als bedeutende Handelsbarriere für US-Produkte. Das Argument ist fragwürdig, denn die Mehrwertsteuer wird für Produkte aus der EU gleichermaßen fällig. Die Amerikaner haben errechnet, dass die EU Zölle in Höhe von 39 Prozent auf US-Importe verhänge - dabei sollen alle Handelshemmnisse berücksichtigt sein. Wie genau die US-Regierung diesen Wert ermittelt hat, ist unklar.

Was kommt auf Verbraucher zu?

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen © Geert Vanden Wijngaert/AP/dpa

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erwartet immense wirtschaftliche Folgen. „Millionen von Menschen werden mit höheren Lebensmittelrechnungen konfrontiert sein. Medikamente werden teurer, ebenso der Transport. Die Inflation wird ansteigen. Und dies schadet vor allem den wirtschaftlich schwächsten Bürgern“, sagt sie.

Michael Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erwartet indes, dass die neuen US-Zölle zu einer starken Inflation in den USA führen, nicht aber in Deutschland. „Selbst bei ähnlichen Gegenzöllen in Europa erwarte ich keinen starken Anstieg der Preise bei uns“, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Die deutsche Pharmabranche warnt vor Folgen für die Gesundheitsversorgung. Zwar sind Medikamente dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) zufolge vom neuen US-Zollpaket ausgenommen. Darunter fielen allerdings Vorprodukte wie sterile Schläuche, die in der Arzneiproduktion gebraucht würden, sagte VFA-Chefvolkswirt Claus Michelsen.

Deutschland importierte 2024 Pharmazeutika im Wert von 12,2 Milliarden Euro aus den USA sowie gut zwölf Prozent der Vorprodukte, so der VFA. Bei einem Handelskrieg könnten sich Vorprodukte stark verteuern oder zeitweise ganz fehlen, warnte Michelsen schon vor Wochen. 

Was droht der deutschen Wirtschaft?

Deutschland ist als Exportnation von Trump Zolloffensive besonders betroffen. Die USA sind Deutschlands wichtiger Handelspartner vor China und den Niederlanden und größter Abnehmer deutscher Exporte. 2024 wurden Waren im Wert von rund 253 Milliarden Euro zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten gehandelt. Dabei lieferten deutsche Firmen Waren im Wert von gut 161 Milliarden Euro in die USA, gut zehn Prozent aller Exporte.

Das Ifo-Institut erwartet für die deutsche Wirtschaft zunächst einen dauerhaften Rückgang des BIP um 0,3 Prozent, wie Handelsexpertin Lisandra Flach schreibt - wobei einige Schlüsselbranchen wie Pharma, Auto und Maschinenbau stärker betroffen seien. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer schätzt, dass die hohen US-Zölle das deutsche Bruttoinlandsprodukt über zwei Jahre insgesamt um ein halbes Prozent drücken. 2025 werde die Wirtschaft stagnieren.

DIW-Präsident Fratzscher meint dagegen, dass Trumps globales Zollpaket Deutschland 2025 erneut in die Rezession treiben dürfte. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat errechnet, dass die neuen Zusatzzölle Deutschland über die vierjährige Amtszeit von Trump rund 200 Milliarden Euro kosten könnten. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt läge dann 2028 um etwa anderthalb Prozent niedriger als ohne Zölle.

Das gewaltige US-Zollpaket und damit verbundene Konjunktursorgen setzten die Finanzmärkte weltweit unter Druck. Am Frankfurter Aktienmarkt fiel der Dax deutlich. Zuvor gab es bereits kräftige Kursverluste an den Börsen in Asien. 

Auch die Ölpreise sanken stark, während die Flucht in sichere Anlagehäfen den Goldpreis auf ein Rekordhoch trieb. Der US-Dollar wiederum stand nach dem Zollhammer zu allen anderen wichtigen Währungen unter Druck und profitierte nicht als sicherer Hafen. Im Gegenzug legte der Euro deutlich zu.

Wie wichtig sind die USA für deutsche Schlüsselbranchen?

Nicht nur auf die deutschen Autobauer kommen mit den bereits zuvor verkündeten Sonderzöllen von 25 Prozent hohe Belastungen zu. Die USA sind der wichtigste Exportmarkt für die deutsche Autoindustrie.

Die neuen US-Zölle sind für weitere Schlüsselindustrien gefährlich. So exportierten die deutschen Maschinenbauer 2024 Maschinen und Anlagen im Wert von 27,4 Milliarden Euro in die USA - gut 13 Prozent der gesamten Branchenausfuhren. Und die Chemieindustrie lieferte 2024 Erzeugnisse im Wert von 10,2 Milliarden Euro in die Vereinigten Staaten, ein Anteil von fast 8 Prozent. Noch wichtiger ist der US-Markt für die deutsche Pharmabranche: 2024 gingen Waren im Wert von 27 Milliarden Euro und damit knapp ein Viertel (23,6 Prozent) der hiesigen Pharmaexporte in die USA, so der VFA.

Wie reagiert die EU?

Die EU bereitet Gegenmaßnahmen vor, bleibt aber gesprächsbereit. EU-Handelskommissar Maros Sefcovic will am Freitag das Gespräch mit der US-Seite suchen. „Wir finalisieren bereits das erste Maßnahmenpaket als Reaktion auf die Stahlzölle und bereiten nun weitere Maßnahmen vor, um unsere Interessen und Unternehmen zu schützen, falls die Verhandlungen scheitern“, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Zugleich appelliert sie an die US-Seite, sich auf Gespräche einzulassen. Ziel müsse es sein, Handelshemmnisse abzubauen und nicht, sie zu erhöhen.

Welche Gegenmaßnahmen sind geplant?

Details nannte von der Leyen zunächst nicht. Nach Angaben aus Kommissionskreisen würden sie aber unter anderem die Einführung weitreichender Gegenzölle beinhalten. Zudem werden Abgaben auf digitale Dienstleistungen von US-Unternehmen in der EU erwogen. Sie könnten die Plattform X von Trump-Unterstützer Elon Musk und Firmen wie Google, Amazon oder Netflix treffen. Bereits angekündigt ist, dass Mitte April die derzeit ausgesetzten Sonderzölle auf US-Produkte wie Jeans, Bourbon-Whiskey, Motorräder und Erdnussbutter wieder eingeführt werden. Dies ist aber die Reaktion auf die US-Sonderzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte, die bereits in Kraft getreten sind.

Welche Angebote könnte die EU in Verhandlungen machen?

Neben Zollsenkungen auf Waren wie US-Autos gelten neue Abkommen als Option. Nach Einschätzung der EU-Kommission könnten die EU und Trump etwa einen neuen Deal zum Ausbau amerikanischer Exporte von Flüssiggas (LNG) schließen. „Wir bekommen immer noch viel LNG aus Russland, warum also nicht stattdessen amerikanisches LNG einsetzen, das günstiger für uns ist und unsere Energiepreise senkt“, sagte von der Leyen bereits im vergangenen Jahr. Zudem wäre es möglich, mehr Militärtechnik und Agrargüter zu importieren.

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