Wirtschaft + Unternehmen

Return to Sender

Die Müllberge verkleinern, die Umwelt schützen, die Hersteller in die Verantwortung nehmen: Alles Gründe, die die EU-Oberen zum Verfassen einer Richtlinie bewogen. Die Hersteller ¿ so ihr Wille ¿ sollen demnächst Elektro- und Elektronikaltgeräte auf eigene Kosten zurücknehmen und recyceln. Was diese und deren Verbände verdrießt, bringt die Logistikbranche in Fahrt. Schließlich muss irgendwer die Altgeräte zu den Recyclern bringen.

Neuer Markt am Beginn des Jahres 2001: Frustrierte Aktionäre sinnen auf Rache. Sie suchen nach Möglichkeiten, ihr verlorenes Geld wieder reinzuholen, um sich schließlich doch in ihr Schicksal zu finden und zu akzeptieren: Alles weg! Einstmals willige Aktienkäufer zeigen den früheren Lieblingen ¿ und vor allem den zahlreichen ¿dot.coms¿ ¿ die kalte Schulter. Ehemals hoch gehandelte Unternehmen der New Economy können nur dank freundlicher Aufkäufer überleben.

Trotz all der Abgesänge auf die Erfolge der Jungunternehmer haben einige der am Neuen Markt notierten Unternehmen ihre Stellung (den widrigen Umständen entsprechend) gehalten. So gehören die Logistik-Dienstleister weiterhin zu den gern gekauften Kandidaten am Börsenplatz der Wachstumswerte. Und das aus gutem Grund. Schließlich steht nicht zu erwarten, dass das Transportaufkommen zwischen Unternehmen und Unternehmen, Herstellern und Handel sowie Unternehmen und Verbrauchern in den nächsten Jahren zum Erliegen kommt.

Im Gegenteil. Güter und Waren bleiben im Fluss. Damit hat die Logistikbranche alle Hände voll zu tun. Aber nicht nur die flexiblen, immer stärker international aufgestellten Vorwärts-Logistiker rechnen mit steigenden Umsätzen. Auch in der anderen Richtung, im Zurückführen von gebrauchten, teilweise Schrott reifen Produkten zu den Herstellern schlummert Potential, dass es aus Sicht der Logistikbranche zu erschließen gilt.

Ausgerechnet Eurokraten haben die neue Geldquelle ins Leben gerufen. Mit ihrer Ende 2001, spätestens Mitte 2002, in Kraft tretenden Richtlinie werden die Hersteller von Elektro- und Elektronikgeräten gesetzlich verpflichtet, ausgediente Geräte auf eigene Kosten zurückzunehmen und umweltverträglich zu entsorgen beziehungsweise zu verwerten.

Know-how plus . . .

In dieser Verpflichtung steckt Kapital. Das wird schon in der Begründung deutlich, die die Kommission der Europäischen Gemeinschaften Mitte letzten Jahres ihrem ¿Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über Elektro- und Elektronikaltgeräte¿ voran stellte. Darin ist die Rede von sechs Millionen Tonnen Elektro- und Elektronikaltgeräten (was etwa vier Prozent des Stroms der kommunalen Abfälle entspricht), die allein 1998 anfielen. Bei geschätzten jährlichen Steigerungsraten zwischen drei und fünf Prozent rechnet die Kommission damit, dass sich der Schrottberg in zwölf Jahren verdoppelt haben wird. Und der Berg soll abtransportiert werden. Diese Mengen gesetzeskonform und so weit als möglich wirtschaftlich vertretbar von den Endgebrauchern zu den Herstellern oder deren Beauftragten zurückzubringen, diese Aufgabe verlangt weniger nach Dienstleistern mit ausreichend großer Flotte. Sie verlangt mehr nach kompetenten Dienstleistern mit Know-how und Konzepten für das Handling, wozu auch das Erfassen der zurückzuführenden Produkte nach Menge, Gewicht oder Typ gehört. ¿Die Hersteller sind verpflichtet, über Rücknahmemengen zu berichten. Und für diesen administrativen Aufwand bieten sich IT-Lösungen geradezu an. Deshalb hängt der Erfolg der Rückführlogistik stark von einer sauber funktionierenden IT ab¿, erklärt Günter Jakubowski, Business Unit Manager des neu entstehenden Geschäftsbereichs¿¿Re- verse Logistics¿ bei Thiel Logistik in Luxemburg.

Seit rund neun Monaten baut er bei dem europaweit agierenden Logistikdienstleister den neuen Geschäftsbereich mit auf, der im Laufe dieses Jahres als selbständige Organisationseinheit das dynamische Wachstum des Unternehmens weiter nach vorn bringen soll. Im Thema ist der Kaufmann allerdings schon seit fast fünf Jahren, da er vor seinem Engagement in Luxemburg als Programm Manager Europa für Rücknahmeprogramme bei einem IT-Hersteller arbeitete.

Im ersten Schritt plant das Dienstleistungsunternehmen individuell für große, internationale Hersteller von Elektro- und Elektronikgeräten die erforderlichen Rückwärts-Logistiklösungen für das Business-to-Business-Geschäft zu erarbeiten. Wobei es nicht allein um Warenströme am Lebensende eines Produkts geht. Größere Warenrückläufe gibt es auch während der Distributions- und Gebrauchsphase. In der Zeit sind unter anderem Garantiefälle, Wartungsarbeiten, Lagerüberbestände oder unverkaufbare Waren Gründe für den Rücktransport.

Partner gesucht

¿Die großen Hersteller haben das gleiche Problem in allen europäischen Ländern, aber je nach Land mit wechselnden Anforderungen von Seiten des Gesetzgebers. Dadurch lassen sich gute Strukturen für die flächendeckende Rückführlogistik aufbauen¿, begründet Jakubowski die am Anfang notwendige Eingrenzung. Als Global Player in europäischen Ländern präsent zu sein, ist nach Einschätzung des seit 1985 existierenden Logistikunternehmens ein großes Plus, das es für die neue Aufgabe in die Waagschale werfen kann. Schließlich suchen die anvisierten Großen einen (!) europäischen Partner ¿ und nicht in jedem Land einen anderen. Vor allem aber suchen sie nach Partnern. Der Manager spricht aus Erfahrung: ¿Die Unternehmen sind gut informiert und wissen, was sie wollen und was sie können. Sie warten nicht auf rechtliche Vorschriften, sondern sie wollen schon jetzt eine Lösung für die Rücknahme von Altgeräten, die zu ihren bestehenden Geschäftsprozessen passt.¿

Das Interesse der Großen verwundert Otmar Frey, Leiter der Abteilung Umweltschutzpolitik beim ZVEI überhaupt nicht. ¿Vor allem die IT-Unternehmen haben Altgeräte bei ihren größeren Kunden schon von Anfang an zurückgeholt.¿ Dass sie bereits vor Inkrafttreten der Richtlinie über Lösungen für den geforderten Rücktransport verfügen oder sie derzeit aufbauen, ist für ihn nur ein konsequenter Schritt. Ersetze 500 alte Computer plus Bildschirme durch 500 neue: Die Aufgabe erscheint gut überschaubar und verursacht nur im eingeschränkten Maße Kosten.

Viel problematischer schätzt der Verbandsmitarbeiter den Rücktransport von den privaten Haushalten zu den Herstellern ein. Wer soll deren Waschmaschinen, Staubsauger, Fernseher, Bohrmaschinen und alles andere Elektrische einsammeln? ¿Es müssen kommunale Sammelstellen aufgebaut werden¿, fordert der Verband. Außerdem müsse eine saubere Schnittstelle zwischen Sammelstellen und Herstellern existieren ¿ und funktionieren. Genau dafür kämen dann wieder die Logistiker ins Boot.

Wie? Das ist Verhandlungssache, die aber zur Zeit noch nicht zur Debatte steht. Deshalb hat auch der Luxemburger Logistik-Dienstleister dieses Consumer-to-Business-Geschäft im Augenblick ganz bewusst nicht im Visier. Dazu sind noch zu viele Punkte auf Seiten der Richtlinie offen.

Ganz bewusst zieht er dagegen Kooperationen mit Recyclingfirmen in Betracht. Eine naheliegende Verbindung. Jakubowski: ¿Die Hersteller schließen mit uns einen Vertrag, der könnte lauten: Hole die Produkte zurück, erfasse sie ¿ auch mengenmäßig ¿ und führe sie der ordnungsgemäßen Entsorgung oder Verwertung zu.¿ In dem Fall fungiere der Logistiker als Drehscheibe zwischen dem letzten (geschäftlichen) Nutzer der Geräte und der Recyclingindustrie. Dabei können zuvor geschlossene gute Verbindungen überaus hilfreich sein.

Ein weiteres Problemfeld in Bezug auf die Richtlinie tut sich beim Zurückführen von Altgeräten von kleinen und mittleren Unternehmen mit überschaubarem Gerätebestand zu mittelständischen Gerätebauern auf. Die Kosten, die den Herstellern für individuelle Lösungen entstünden, würden aller Voraussicht nach den finanziellen Rahmen sprengen. Im Verband sieht man das Problem. Aber: Noch will man nicht mit Hochdruck nach Lösungen suchen. ¿Dazu stehen zu viele Fragen offen¿, meint Frey.

Ganz untätig bleibt der Verband jedoch nicht. Es bestünden bereits erste Kontakte zu Logistik-Dienstleistern. Mit denen (und anderen) will man ins Gespräch gehen, sobald die Rahmenbedingungen bekannt sind. Das kann noch etwas dauern. Schließlich ist die EU nicht für Schnellschüsse bekannt und die Umsetzung der Richtlinie in den Ländern geht ebenfalls nicht von heute auf morgen. Beim Logistiker Thiel bereitet man indes dieses Arbeitsfeld vor. Gespräche mit einem Schweizer Verband laufen bereits. Aber die Schweiz ist ja nicht in der EU.

Claudia Treffert

Links: http://www.thiel-logistik.com, http://www.zvei.de

Anzeige
  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Ersatzteile

3D-Druck bei ungeplanten Bedarfen

Das Material versagt und plötzlich steht die Maschine still? Dann heißt es, die richtigen Maßnahmen ergreifen, um schnell wieder produzieren zu können. Materialversagen in Form fehlerhafter Bauteile oder Materialverschleiß im Rahmen sind für jede...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren