Produkt- und Markenpiraterie
Negativpreis Plagiarius 2024
Die Aktion Plagiarius hat am 26. Januar 2024 zum 48. Mal ihren gefürchteten Negativpreis „Plagiarius“ an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen vergeben. Die Verleihung fand im Rahmen einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ statt.
Bevor die jährlich wechselnde Jury die Preisträger wählt, werden die vermeintlichen Plagiatoren über ihre Nominierung informiert und erhalten die Möglichkeit zur Stellungnahme. Die Auszeichnung mit dem Negativpreis sagt nichts darüber aus, ob ein nachgemachtes Produkt im juristischen Sinne erlaubt oder rechtswidrig ist. Die Aktion Plagiarius kann kein Recht sprechen. Sie darf aber die Meinung äußern, dass plumpe 1:1 Nachahmungen, die dem Originalprodukt bewusst täuschend ähnlich sehen, rücksichtslos und moralisch verwerflich sind und zu Stillstand statt Fortschritt und Vielfalt führen. Unter den Preisträgern sind erstmals auch namhafte Plattformbetreiber, die zwar nach Hinweis durch die Rechteinhaber, nicht aber proaktiv und vorbeugend gegen rechtsverletzende Nachahmungen vorgehen.
Alle Preisträger finden Sie hier in der Bildergalerie
Allein im Jahr 2022 wurden laut der Europäischen Kommission und dem Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) an den EU-Außengrenzen und im EU-Binnenmarkt rund 86 Millionen gefälschte Waren mit einem geschätzten Wert von über 2 Milliarden Euro beschlagnahmt. Und das sind nur die nachweislichen Aufgriffe von Zoll- und Polizeibehörden, also die Spitze des Eisbergs. Den internationalen Handel mit Fälschungen bezifferten EUIPO und OECD für 2019 auf alarmierende 412 Milliarden Euro, was 2,5% des Welthandels entspricht.
Dank hoher Nachfrage und Akzeptanz erobern chinesische Online-Plattformen wie Temu, Shein, DHgate und AliExpress mit ihren Billigartikeln die Weltmärkte - darunter zahlreiche rechtsverletzende Nachahmungen oder Produkte, die die Produktsicherheitsbestimmungen der EU nicht erfüllen. Die Hersteller oder Händler, meist aus China, verkaufen oft direkt an die Endkunden. Letztere werden so zum Importeur und müssen für Schäden Dritter haften. Die Billigwaren werden aggressiv auf allen sozialen Medien beworben; junge Schnäppchenjäger werden mit Schleuderpreisen und Glücksrad zum regelmäßigen Kauf verführt. Über die Verkäufer findet man kaum Informationen. Geliefert werden die Waren oftmals ohne das für viele Produkte vorgeschriebene CE-Zeichen und ohne deutschsprachige Bedienungsanleitung. Ein Rückversand im Reklamationsfall wird häufig ausgeschlossen oder ist teurer als das Billigprodukt. Die teils minderwertigen Produkte werden quer über den Globus transportiert und landen schnell im europäischen Müll. Nachhaltiger, minimalistischer Konsum ist das nicht.
Industrie fordert proaktives Vorgehen von eCommerce-Plattform-Betreibern
Die Plattformbetreiber haben zwar ihre Anstrengungen im Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie intensiviert und bieten Inhabern gewerblicher Schutzrechte u. a. Programme zum Melden von rechtsverletzenden Angeboten. Dennoch berichten Unternehmen unterschiedlichster Branchen immer wieder von Plagiaten oder gar Fälschungen ihrer Produkte.
Gerade technisch wäre es mit KI aber machbar, einschlägige Hashtags zu blockieren, eindeutig rechtsverletzende Angebote proaktiv aufzuspüren und gar nicht erst zuzulassen und wiederholt rechtswidrige Angebote direkt beim Upload zu sperren oder zu löschen. Die Industrie fordert, dass Plattform-Betreiber stärker in Verantwortung genommen werden müssen. Positiv: Vor Kurzem haben EU-Parlament und EU-Rat sich auf eine neue Produkthaftungsrichtlinie geeinigt. Nach deren Inkrafttreten müssen Händler aus Drittländern immer ein in der EU ansässiges Unternehmen angeben, das für deren verkaufte Produkte haftbar gemacht werden kann.
Auch die diesjährige Laudatorin, Heidi Kneller-Gronen, Rechtsanwältin und Hauptgeschäftsführerin des Bundesverband Onlinehandel e.V. (BVOH) fordert von der Politik: "Um die Wettbewerbsgleichheit wiederherzustellen und die Flut der Fälschungen und gefährlichen Produkte einzudämmen, müssen die Pakete aus den Drittländern besser kontrolliert werden. Es ist dringend erforderlich, dass die Politik aktiv wird und die Behörden mit den notwendigen Ressourcen ausstattet, um eine effektive Durchsetzung der Rechte zu gewährleisten. Unkontrollierte Waren dürfen - auch zum Schutz der Verbraucher -
möglichst gar nicht erst in den Markt gelangen."
Märkte regeln sich über Angebot und Nachfrage. Es liegt in der Macht und in der Verantwortung jedes Verbrauchers, sich bewusst für sichere, legale Produkte von serösen Herstellern und Händlern zu entscheiden - und so Fälschern ihre Geschäftsgrundlage zu entziehen. Weil es nicht egal ist, ob die Marke nur drauf oder auch drin ist. Und weil Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz jedermann angeht.
Plagiarius-Preisträger im Museum
Das Museum Plagiarius in Solingen zeigt in seiner einzigartigen Ausstellung mehr als 350 PlagiariusPreisträger der unterschiedlichsten Branchen - jeweils Originalprodukt und Plagiat im direkten Vergleich. In Führungen werden Fakten und Hintergründe vermittelt. Exponate können zudem bei der Aktion Plagiarius für individuelle externe Ausstellungen gebucht werden – ebenso wie Vorträge für unterschiedlichste Zielgruppen.









