Chemieindustrie 2026
Warum die Krise weitergeht
„Wir gehen fest davon aus, dass das Schwierigste noch vor uns liegt“, so Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Deutschlands Chemieindustrie erlebt aktuell keinen Aufschwung, sondern Vorratskäufe, Krisenpreise und geopolitischen Stress. Warum die Branche trotzdem auf Reformen hofft.
Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie kennt schlechte Nachrichten. Hohe Energiekosten, schwache Nachfrage, Konkurrenz aus China, Bürokratie aus Brüssel. Vieles davon begleitet die Branche seit Jahren. Doch derzeit kommt etwas Neues hinzu: Nervosität.
Die Angst kauft mit
„Wir sehen keine Aufbruchstimmung, sondern geopolitisches Hamstern“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Ein Satz, der hängen bleibt, weil er den Zustand einer ganzen Industrie beschreibt: Unternehmen kaufen ein, weil sie Angst haben, bald nichts mehr zu bekommen.
Die Straße von Hormus ist blockiert, Tanker bleiben aus, Lieferketten geraten unter Druck. Rohöl wird teurer, Naphtha auch. Kerosin womöglich knapp. Die Internationale Energieagentur warnt bereits vor einer Energiekrise historischen Ausmaßes. Und mitten in dieser Lage versucht Deutschlands drittgrößte Industrie herauszufinden, ob sie sich noch in einer Konjunkturdelle befindet oder bereits in etwas Größerem.
Die Antwort des VCI fällt düster aus: Kein Aufschwung in Sicht
Die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie sank im ersten Quartal 2026 saisonbereinigt um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Im Vergleich zum Vorjahr lag sie sogar knapp sechs Prozent niedriger.
Besonders deutlich fiel der Rückgang bei Pharma aus. Die Produktion brach um 10,1 Prozent ein. Das hat allerdings auch technische Gründe: 2025 hatten viele Unternehmen wegen angekündigter US-Zölle ihre Produktion vorgezogen. Jetzt folgt die Gegenbewegung.
Die klassische Chemie konnte ihre Produktion zwar leicht steigern. Zwei Prozent Plus gegenüber dem Vorquartal. Doch auch das klingt besser, als es ist. Im Vergleich zum Vorjahr bleibt die Chemieproduktion mehr als vier Prozent im Minus.
„Chemie ist ein Indikator für das Anspringen der Wirtschaft“, sagt Große Entrup. „Und wir sehen, sie zeigt nichts an im Moment.“
Das Problem: Chemie steht am Anfang fast jeder industriellen Wertschöpfungskette. Wenn dort keine Dynamik entsteht, läuft auch anderswo wenig an. Die Branche produziert die Vorprodukte für Autos, Medikamente, Baustoffe, Verpackungen oder Kosmetik. Wenn Chemieunternehmen keine steigende Nachfrage spüren, ist das selten ein gutes Zeichen.
„Nur eine kurze Atempause“
Und trotzdem gibt es plötzlich wieder mehr Bestellungen.
Das klingt zunächst paradox. Denn die Lage der Industrie bleibt schwierig. Die Kapazitätsauslastung liegt mit 75,1 Prozent weiterhin deutlich unter einem rentablen Niveau. Die Auftragseingänge liegen noch immer mehr als 20 Prozent unter dem Niveau von 2021. Die Zahl der Beschäftigten sinkt. Rund 471.500 Menschen arbeiten noch in der Branche, etwa ein Prozent weniger als vor einem Jahr.
Warum also steigen die Umsätze wieder leicht? Weil Kunden ihre Lager auffüllen. Weil sie erwarten, dass sich die geopolitische Situation so schnell nicht bessert.
Der Gesamtumsatz der Branche legte im ersten Quartal saisonbereinigt um 2,1 Prozent auf 50,9 Milliarden Euro zu. Im Vergleich zum Vorjahr bleibt allerdings auch hier ein Minus von 5,4 Prozent.
Die zusätzlichen Bestellungen haben wenig mit Zuversicht zu tun. Sie sind eher eine Versicherung gegen weitere Eskalationen im Nahen Osten. Viele Unternehmen kaufen lieber jetzt ein als später womöglich gar nicht mehr.
Für manche Chemieunternehmen entsteht daraus kurzfristig sogar ein Vorteil.
„Der brutale Wettbewerbsdruck aus Asien lässt momentan etwas nach und wird durch den Irankonflikt ausgebremst“, sagt Große Entrup. „Das verschafft uns eine kurze Atempause. Mehr aber auch nicht.“
Die Rückkehr der Kosten
Die eigentliche Sorge der Branche liegt tiefer. Sie betrifft die Kosten.
Rohöl kostete im ersten Quartal durchschnittlich mehr als 80 Dollar pro Barrel, zuletzt sogar wieder über 100 Dollar - ein Niveau wie in der Energiekrise 2022. Naphtha, der wichtigste Rohstoff der Chemieindustrie, verteuerte sich im Quartalsvergleich um fast 18 Prozent. Auch Gas- und Strompreise steigen wieder.
Für eine Industrie, die enorme Mengen Energie verbraucht, ist das mehr als nur ein Belastungsfaktor. Es verändert die Wettbewerbsfähigkeit.
Gestigene Kosten werden an Kunden weitergegeben
82 Prozent der Unternehmen geben ihre gestiegenen Kosten inzwischen an Kunden weiter, berichtet der VCI. Die Inflation dürfte deshalb wieder zunehmen.
Besonders betroffen seien kleine und mittelständische Unternehmen. Fast 80 Prozent der Mitgliedsunternehmen berichten bereits von negativen Folgen des Nahostkonflikts für ihr Geschäft.
Und die Branche glaubt nicht, dass das der Höhepunkt ist.
„Wir gehen fest davon aus, dass das Schwierigste noch vor uns liegt“, sagt Große Entrup.
Der Frust über Deutschland
Der Verband belässt es längst nicht mehr bei Konjunkturdiagnosen. Die Kritik richtet sich zunehmend auch gegen die Standortbedingungen selbst.
„Deutschland verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit, wenn Berlin und Brüssel nicht gegensteuern“, sagt Große Entrup.
Vor allem die mangelnde Reformgeschwindigkeit treibe die Branche um. Während andere Länder Investitionen erleichterten und Bürokratie abbauten, verliere Deutschland Zeit.
„Was ist eigentlich los bei Euch?“
„Andere Länder klotzen ran. Unsere Reformfähigkeit hat sich weltweit herumgesprochen“, sagt Große Entrup. „Die Frage lautet inzwischen oft: Was ist eigentlich los bei Euch?“
Besonders scharf fällt die Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik aus. Die angekündigten Reformen reichten nicht aus, die Sondervermögen würden zweckentfremdet, echte Entlastungen kämen zu langsam.
„Aus Reformtempo wird der Warnblinker“, sagt Große Entrup. „Auf echte Reformen warten wir noch immer.“
Das Vorgehen einzelner Bundesländer wertet der Verband immerhin als Signal. „Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen stellen Berichtspflichten in Frage. Das ist die richtige Denkrichtung. Bürokratieabbau wirkt dann sofort.“
Der Satz klingt fast erleichtert. Weil sich in der Branche das Gefühl verfestigt hat, dass geopolitische Krisen kaum kontrollierbar sind. Politische Rahmenbedingungen dagegen schon.
Die Industrie im Krisenmodus
Der VCI wagt derzeit keine belastbare Jahresprognose mehr. Zu groß seien die Risiken im Nahen Osten, zu unklar die Folgen für Energieversorgung, Transportwege und Weltwirtschaft.
Sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben, könnten aus hohen Preisen echte Versorgungsprobleme werden. Selbst bei einer schnellen politischen Lösung würde die Normalisierung Monate dauern, möglicherweise Jahre.
Und so bleibt am Ende vor allem ein Eindruck: Die Branche arbeitet nicht auf Wachstum hin. Sondern auf Stabilisierung.
Die Chemieindustrie produziert weiter. Sie investiert, spart, restrukturiert und hofft auf politische Entlastung. Aber sie glaubt nicht an eine schnelle Erholung.










