Wirtschaft + Unternehmen

Boden gut - alles gut!

Mit der Erfindung der zweikomponentigen Reaktionsharze zogen Kunststoffe auch ins Bauwesen ein. Es ist interessant, daß systematische Forschung, die 1938 zur Patentierung des Epoxidharzes in der Schweiz führten, erst 1934 begannen. Die große Zeit der Harze kam jedoch erst nach Ende des zweiten Weltkriegs, als die Bestandteile der Zweikomponentigen in großem Maßstab hergestellt werden konnten. Mir geht es hier um das jüngste Harz, das Methylmethacrylat (MMA), das um 1960 entstand.
Die Erfindung des Plexiglases durch Röhm hatte weitreichende Wirkungen. Endlich gab es ein ¿Kunstglas¿, leicht, einfach zu verarbeiten und witterungsbeständig. Aber die Grundstoffe ließen sich so modifizieren, daß man sie als Versiegelung etwa von Beton auch auf den Boden schmieren konnte. Gegenüber den anderen Zweikomponenten-Kunststoffen hatte MMA den Vorteil sehr schneller Aushärtung. Und: Es ließ sich sogar noch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt verarbeiten, was etwa bei Epoxidharz ganz unmöglich ist. Schließlich zeigten Versuche, daß MMA sogar dann eine feste Bindung mit dem Untergrund einging, wenn der Beton noch leicht feucht war.

Die älteste Mischung ist die gesuchteste
Daran hat sich bis heute nichts geändert, wie mir Bernd Krapf, Geschäftsführer der Silical in Maintal versicherte. Das Unternehmen, 1951 als Verlegebetrieb für Industrieböden gegründet, ging etwa zehn Jahre später zur Produktion von Reaktionsharzen für Kunden über, weil dafür zunehmender Bedarf bestand. Auf der Basis von MMA entstanden Varianten, von denen viele bis heute unverändert angeboten werden. Eine der ältesten Massen trägt bei Silical die Bezeichnung RU 747 ¿ und ist nach wie vor die meistgefragte Beschichtungsmasse. Hier enthält das MMA eine dritte Komponente, nämlich Polyurethan. Das ergibt eine zähharte Beschichtung, die mit entsprechender Quarzsandfüllung nicht umzubringen ist.

Im Jahr 1972 wurde in einem Großversuch auf der A 5 von Darmstadt nach Heidelberg zwischen den Ausfahrten Heppenheim und Hemsbach bei Kilometer 51,7 ein 50 Meter langes, 4 Meter breites Fahrbahnfeld mit R 7 Extra von Silikal beschichtet. Damals suchten die Behörden nach Möglichkeiten, Spurrillen auf Betonfahrbahnen auszubessern. Trotz der zahllosen Fahrzeuge, die seither darüber rollten, hat die Beschichtung gehalten. Daß sie sich etwa im Straßenbau nicht durchsetzen konnte, lag an der viel zu kurzen Aushärtezeit ¿ sie eignet sich nicht, um mit den im Straßenbau üblichen Maschinen verarbeitet zu werden. Und eine neue zu konstruieren hatte niemand den Mut und das Geld. Wie sagte doch ein hoher Beamter des Bundes-Verkehrsministeriums vor vielen Jahren: ¿Ach ja der Straßenbau, das ist unser rückständigstes Sorgenkind.¿

Interessant ist hier, daß die Beschichtung in exakt 4,5 Stunden aufgebracht wurde, nachdem der Betonuntergrund zuvor durch Sandstrahlen gesäubert und aufgerauht worden war. Eine weitere Stunde später hätte die Baustelle dem Verkehr übergeben werden können. Nimmt man das Sandstrahlen hinzu, das Auf- und Abbauen der Verkehrsschilder, Mittags- und Frühstückspausen, dann würde eine solche dauerhafte Reparatur den Verkehr gerade mal einen einzigen Tag lang behindern ¿ und nicht Wochen, wie das heute üblich ist. Damals wurden auch Versuche mit anderen Kunststoffbeschichtungen auf Autobahnen durchgeführt, die aber wegen der wesentlich längeren Aushärtezeiten und ihrer Temperaturabhängigkeit nicht so günstig beurteilt wurden. Das R 7 von Silikal wurde bei 10°C aufgetragen ¿ für Epoxidharz eine Unmöglichkeit.
Im Industriebau dagegen haben sich die Silikal-Mischungen von Anfang an durchgesetzt. Ausschlaggebend waren nicht nur die extrem kurzen Aushärtezeiten, sondern auch die chemische Beständigkeit und die sehr hohe mechanische Festigkeit.

Prädestiniert für Sanierungen
Sie wissen selbst wie das ist, wenn während des laufenden Betriebes Reparaturen am Hallenboden durchzuführen sind. Das muß so schnell wie möglich über die Bühne, damit die Produktion so wenig wie möglich gestört wird. Eines der Bilder zeigt Ihnen solch einen Hallenboden, der schon einmal beschichtet war, aber den Belastungen nicht standhielt. Woraus die ursprüngliche Beschichtung bestand, vermag ich nicht zu sagen. Sie hat sich jedenfalls über weite Strecken vom Beton gelöst. Zu reparieren ist da absolut nichts. Das muß komplett entfernt und neu beschichtet werden. Auch in diesem Fall kam es darauf an, die Sanierung in kürzester Zeit durchzuführen. Danach sollte der Boden sofort wieder benutzbar sein.

Der Verleger hat gute Arbeit geleistet, wie das zweite Bild zeigt. Von wegen Sanierung. MMA ist die einzige Beschichtung, die ältere Schichten gleicher Basis anlöst und sich untrennbar damit verbindet. Das heißt, wenn Sie zunächst ein Drittel der Halle freiräumen, diesen Teil sanieren lassen, dann das zweite Drittel machen lassen, verbindet sich das frische zweite Drittel unlösbar mit dem schon ausgehärteten ersten. Das reißt auch später nicht, Fugen sind nicht notwendig.

Diese Eigenart ist natürlich auch später nützlich, wenn etwa der Kran einen Eisenklotz fallen ließ und der Boden danach ausgebessert werden muß. Oder wenn Treppenstufen mit MMA-Beschichtung angeschlagen sind und ausgebessert werden müssen.

Miserable Zahlungsmoral
Bernd Krapf und Anwendungstechniker Martin Rüger klagen darüber, daß die Zahlungsmoral vor allem der Großfirmen sich weiter verschlechtert hat. Darüber hatte ich mit Krapf schon vor einigen Jahren gesprochen. Nun beziehen auch Großfirmen die Beschichtungsmasse nicht direkt beim Hersteller, sondern beauftragen einen Bodenverleger. Das sind nahezu ausschließlich kleine Sezialfirmen, die überhaupt nicht in der Lage sind, die Beschichtungsmasse auf eigene Rechnung zu kaufen, um dem Großunternehmen nach getaner Arbeit die Gesamtrechnung zu präsentieren.

Da sich viele Banken zu fein sind, Aufträge dieser Art zwischenzufinanzieren, muß Silikal den Verlegern immer häufiger lange Zahlungsziele einräumen. Sonst gibt es bald keine Bodenverleger mehr. Aber da sind die Verleger in guter Gesellschaft, denn andere kleine Zulieferer klagen ebenfalls über die schwindende Zahlungsmoral ihrer Großkunden. Das ist einer der Gründe, warum es bei den Automobilzulieferern immer häufiger Fusionen gibt, die zu größeren Firmeneinheiten führen. Da bleiben die Kleinen auf der Strecke, die keinen Druck auf ihre Kunden ausüben können. Ich kann mir gut vorstellen, wie ihnen zumute ist, wenn sie Woche um Woche auf den dringend benötigten Betrag warten müssen. Hinzu kommt die Konkurrenzsituation, die von den Großen gnadenlos ausgenutzt wird.

Hier muß dringend etwas getan werden, sonst sind die mittelständischen Firmen bald ganz verschwunden. Hatten sich nicht alle politischen Parteien die Förderung des Mittelstandes aufs Panier geschrieben? Dann tut endlich etwas, damit der Mittelstand überhaupt überleben kann.

Bei diesen Bedingungen ist es kein Wunder, daß Krapf sich schon vor vielen Jahren im Ausland zu engagieren begann. Heute sind die USA ein Großabnehmer, der von einer Silikal-Tochter versorgt wird. Dort hat sich MMA vor allem im Sportstätten- und Parkhausbau so bewährt, daß es darüber bei Silikal umfangreiche Referenzschriften gibt. Aber das nur nebenbei. Uns interessiert der Industriebau. Und da gibt es nach wie vor reiche Betätigungsfelder. Gehen Sie doch mal durch Ihren Betrieb. Sind die Böden tatsächlich überall in Ordnung? Das wage ich zu bezweifeln, denn bei meinen Firmenbesuchen stolpere ich häufig über Risse und andere Schäden, die für den betroffenen Betrieb keine Referenz sind.

Christian Bartsch / September 1998

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