Wirtschaft + Unternehmen

Auf Biegen ohne Brechen

Angler sind nicht nur Aufschneider und des gleichnamigen Lateins mächtig, sie sind auch Ästheten mit allerhöchsten Ansprüchen an Material und Ausrüstung: Ruten auf Basis von Kohlefasern, Rollen mit dem Feinsten aus Mechanik und Oberflächentechnik, Schnüre mit unglaublich hohen Reißfestigkeiten (bis zu 20 Kilogramm bei nur 0,3 Millimetern Durchmesser) und Kunst-Köder, die für Fische unwiderstehlich sind. Hinzu kommen noch Spezialausrüstungen und Zubehör für das Meeresangeln, das Hochseeangeln, das Angeln an Fließgewässern und für die Königsdisziplin ¿ das Fliegenfischen. Wen wundert es da noch, dass ein ganzheitlicher Anbieter, wie die renommierte Firma Balzer, weit über 200 prall gefüllte Katalogseiten benötigt, um das grundlegende Zubehör anbieten zu können?

Wir haben bei dieser Firma mal zugeschaut, wie die moderne Angelruten fertigen, welche Materialien die nehmen, was wie verarbeitet wird, worauf es ankommt und was nach deren Meinung eine wirklich gute Angelrute ausmacht. Doch vorab noch ein Zugeständnis an alle Nichtangler: Richtig! Es geht auch mit Haselnuss-Schössling, Paketschnur, Weinkorken als Bissanzeiger, gebogenem Nagel als Haken und Regenwurm! Doch das hat nichts mit Angeln zu tun, das ist einfach nur Tierquälerei. Beim Angeln geht es darum, einen besonders großen Fisch einer ganz bestimmten Fischart möglichst schnell und verletzungsfrei an Land zu bekommen. Der Haken darf vom Fisch nicht geschluckt werden, er muss ganz vorn im Horn des Mauls einsetzen, da sonst das Tier unnötige Schmerzen erleidet. Das geht nur mit Top-Ausrüstung, mit Wissen um die Lebensgewohnheiten der Arten, mit verantwortungsbewusstem Vorgehen ¿ und, das soll hier nicht verschwiegen werden, auch mit dem schnellen Töten des gefangenen Fisches.

Die Rute muss passen

Aber nun zu den Ruten, den wichtigsten Ausrüstungsgegenständen des Anglers. Die Rute muss zum Fisch passen (Gewicht und Temperament). Aber auch zum Angler (Wurf- und Drillgewohnheiten), zur Ausrüstung (Rollenart, Schnur, Wurfgewicht), zu den Angelbedingungen (vom Ufer aus, vom Boot aus, vom Hochseekutter aus), zu den Transportbedingungen (steckbar oder teleskopartig), zum Wetter (Wind, Gegenwind, Regen, Sturm) und zum Gewässer (Teich, Fluss, See, Meer). Deshalb gibt es keine Universalrute! Jede Rute hat mindestens ein Dutzend Varianten.

¿Das Beste ist gerade gut genug¿ so sagt man bei Balzer, denn auch noch nach Jahren im harten Außeneinsatz soll eine gute Rute immer noch gut sein ¿ gut steht hier für absolut zuverlässig! Deshalb werden Kohle- und Glasfasern anspruchungsgerecht aufbereitet, sorgfältig verarbeitet und gegen mechanische und klimatische Herausforderungen möglichst intensiv geschützt.

Der Produktionsprozess lässt sich vereinfacht so darstellen: Aus den teilweise nur zehntel Millimeter dicken Kohle- oder Glasfasern stellt man Gewebematten her. Diese Matten werden in verschiedenen Lagen und Dicken um einen Stahlkern gerollt. Den Matten wurde Klebstoff hinzugefügt, der unter hohem Druck und kontrollierter Temperatur aushärtet. Nach dem Aushärten der Gewebewicklungen kann der Stahlkern wieder entfernt werden. Das Ergebnis ist ein dünner, leichter, hochfester, elastischer Hohlkörper ¿ ein Rohling (ein ¿Blank¿), der die Ausgangsbasis für Ruten bildet. Das Ablängen und mehrere Schleif- und Beschichtungsprozesse machen den Rohling fertig für die Komponenten: Ringe, Bindungen, Rollenhalter und Dekorationen.

Die Materialien

Die eingesetzten Materialien unterscheiden sich natürlich bei den verschiedenen Herstellern. Die folgenden Angaben beziehen sich deshalb nur auf das Haus Balzer.

IM6-Kohlefaser: Das Material für die Top-Modelle. Der Vorteil dieser extrem teuren Fasern liegt in ihrer Ausgewogenheit. Die daraus gefertigten Ruten sind gleichzeitig sehr leicht, extrem verwindungssteif und besitzen trotzdem Rückstellkräfte, um auch Höchst- oder sogar Fehlbelastungen zu verkraften.

IM6-Kohlefaser plus High-Density-Carbon: Speziell bei sehr langen Ruten mit geringen Durchmessern bietet diese Kombination Vorteile. Das IM6-Material sorgt für hohe Bruchfestigkeit, das High-Densty-Carbon für hohes Stehvermögen bei geringem Gewicht. Angelruten aus reinem High-Density-Carbon werden nicht mehr bei Balzer gefertigt, da der Vorteil der erhöhten Steifigkeit mit größerer Bruchanfälligkeit erkauft werden muss.

Normal verdichtete Hochleistungs-Kohlefaser: Ein sehr schonendes Herstellungsverfahren stattet diese Fasern mit hoher Steifigkeit und höchster Bruchfestigkeit aus. Ein Material, das den Rutenpreis in erschwingliche Dimensionen rückt und doch keinen großen Verzicht auf Leistung fordert.

Glasfasern: Glasfasern erreichen wegen ihrer geringen Verdichtung niemals die Steifigkeit von Kohlefasern. Sie sind aber gegen Querbelastung nahezu immun und dazu recht preiswert. Glasfasern sind also dann ideal, wenn nicht das Gewicht sondern die extreme Belastbarkeit im Vordergrund steht. Ein Beispiel sind kurze Meeresruten (um die 2 Meter), bei denen das Gewicht keine Rolle spielt, der Schnurdurchmesser aber schnell mal bis 0,6 Millimeter ansteigt, was Reißfestigkeiten von gut 20 Kilogramm bedeutet oder bei geflochtenen Schnüren rabiate 60 Kilogramm erreichen kann.

Kohlefaser und Glasfaser im Materialverbund: Das ist der Weg zu preisgünstigen und dennoch leistungsfähigen Ruten. Glasfaser eher dort, wo der Durchmesser relativ groß ist. Kohlefaser im Spitzenbereich, um dort das Gewicht zu reduzieren und gute ¿Aktion¿ zu bieten.

Ganz wichtig sind die Rutenringe! Sie verteilen die Zugkraft der Schnur möglichst harmonisch auf die Rute. Zug an der Schnur wird also in Rutenbiegung umgesetzt. Das bedeutet extreme Reibung zwischen Schnur und Ring: Schnüre können in ungeeignete Ringe einschneiden, rauhe Ringe machen jeder Schur ein schnelles Ende. Deshalb spielen Material und Oberflächentechnik eine große Rolle. Feinste Polituren und härteste Schichten sind gefragt.

Fazit

Materialvielfalt und Herstellungstechnologie ermöglichen es, für jeden Fall, jeden Fisch und jeden Geldbeutel die genau richtige Rute anbieten zu können. Wer selbst Angler ist, der wird sich über solche Auswahlmöglichkeiten nicht wundern und mindestens ein Dutzend eigene Ruten zur Verfügung haben. Wer mit Ruten zu tun hat, der hat auch schon Erlebnisse mit vermeintlichen Schnäppchen gehabt: Meine Schnäppchen hatten nur kurze Lebensdauer, sind alle schon mit der ¿grauen Tonne¿ in die Müllverbrennung gereist. Wo hingegen noch einige Qualitätsruten nach 25 Jahren ihren Dienst tun.

Aber auch die negativen Erfahrungen mit der Mülltonne brachten Überraschungen: Denn das Zerbrechen der Dinger auf in der Tonne gut verstaubare Länge ist ein Akt, den man nur einmal durchlebt. Selbst der Billigmist ist bei Biegung bis zum Brechen mit größten Anstrengungen verbunden. Nur die Eisensäge, die macht im wahrsten Sinne des Wortes kurzen Prozess.

Dieter Capelle

Links: http://www.balzer.de

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