Wirtschaft + Unternehmen

"Weltweites Netz von Produktionsstätten

Globalisierung und Optimierung des Kundennutzes, Kostendruck und Digitalisierung. Das sind die Megatrends des nächsten Jahrzehnts, die laut Dr. Klaus Urbat die Zukunft der Zulieferer prägen. Wie reagieren die Unternehmen? Lesen Sie unser Interview mit dem Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Zulieferindustrie und Hauptgeschäftsführer des Deutschen Gießereiverbands, Dr. Klaus Urbat.

SCOPE: Herr Dr. Urbat, wie sehen Sie die Zukunft der deutschen Zulieferindustrie?
Urbat: Wer so fragt, muss sich die Entwicklungen in den Abnehmerindustrien vor Augen halten. Denn hier entstehen jene Primärtrends, aus denen sich die Zukunft der Zulieferbranchen ableiten lässt. So sind beispielsweise Gießerei- oder Schmiedetrends immer auch Antwort auf die Trends in Fahrzeug- und Maschinenbau oder Bauwirtschaft. Mit individuellen Branchentrends dürfen wir uns also nicht aufhalten. Wir müssen die Megatrends erkennen, denen alle Volkswirtschaften der Welt unterliegen.
SCOPE: Und diese sind?
Urbat: Globalisierung und Digitalisierung. Dabei sind diese Zukunftseinflüsse zwei Seiten einer Medaille. Die Digitalisierung ¿ verbunden mit der Fähigkeit, große Datenmengen kurzfristig an jeden Punkt der Welt zu senden ¿ ist das technologische Ereignis, das Globalisierung erst ermöglicht. Die Abnehmer der Zulieferer, allen voran der Fahrzeugbau, haben das erkannt und entwickeln sich rasant zu Global Playern. Das heißt auch: Sie arbeiten zunehmend in globalen Netzwerken. Auch E-Business ist Ausdruck dieses Trends und wird unser Tagesgeschäft sowie unser Verkaufs- und Einkaufsverhalten revolutionieren.
SCOPE: Viele Zulieferbetriebe verharren angesichts dieser Veränderungen allerdings wie das Kaninchen vor der Schlange . . .
Urbat: Globalisierung ist eine Chance, die nur denjenigen bedroht, der sich den Herausforderungen des globalen und deutlich verschärften Wettbewerbs nicht stellt. Wenn sich also die Kunden der Zulieferer von der Globalisierung einen verbesserten Produktnutzen und weitere Kostensenkungen versprechen, so haben die Zulieferer aller Branchen auf diese drei Elemente die passenden Antworten zu finden.
SCOPE: Wie könnten die denn lauten?
Urbat: Nicht jedes heute existierende Unternehmen wird die Zukunftsaufgaben lösen können. Für mich steht aber fest: Die Antwort auf Globalisierung heißt Globalisierung!
SCOPE: Was bedeutet das praktisch?
Urbat: Nun, was so einfach klingt, wird in der Praxis nicht jedes Unternehmen leisten können. Nur Unternehmen mit großen finanziellen und personellen Ressourcen wird es gelingen, Globalisierung aus eigener Kraft zu betreiben. Also Produkte an jedem Kundenstandort auf der Welt in konstanter Qualität zu optimalen Kosten zu produzieren. Da der Fahrzeugbau den derzeit größten Globalisierungsgrad aufweist, können wir damit rechnen, dass Zulieferteile für diese Branche künftig ¿ weit mehr als heute ¿ von international agierenden Unternehmensgruppen und Großunternehmen mit einem weltweiten Netz von Produktionsstätten hergestellt werden.
SCOPE: Bleibt da der Mittelstand nicht auf der Strecke?
Urbat: Viele mittelständische Unternehmen werden dabei an Selbständigkeit verlieren und zu lokalen Produktionsstandorten eines Global Players werden. Wer selbst kein globales Netzwerk aufbauen kann und trotzdem selbständig bleiben will, muss sich an einem kostenoptimalen Standort extrem spezialisieren, um von dort aus die Weltmärkte zu beliefern. Kleinere Spezialisten werden öfter als heute in Netzwerken von regionalen oder globalen Playern arbeiten. Und über allem steht ¿ sozusagen als dritter Megatrend ¿ der Drang der Abnehmer, den Kundennutzen ihrer eigenen Produkte immer weiter zu optimieren.
SCOPE: Die Zulieferer müssen zukünftig also noch stärker durch die Brille des Finalkunden schauen?
Urbat: Ja, und Ausgangspunkt ist auch hier die Digitalisierung. Nehmen Sie eine der wichtigsten Zulieferbranchen Europas: Die Gießereien. Das Gießen bietet enorme Freiheiten bei der Produktgestaltung. Gussprodukte können in ihrer Geometrie komplex und in ihrem Nutzen multifunktional sein. Außerdem fordert es das Gießverfahren geradezu, Material nur dort zu platzieren, wo es die Funktion verlangt. Das alles ist bekannt, die praktische Umsetzung hakt aber immer noch. Erst Digitalisierung und zunehmende Rechnerleistung lassen Konstruktionen zu, die belastungsoptimiert und simulierbar sind.
SCOPE: Was bedeutet das nun für die Optimierung des Nutzens der Endprodukte?
Urbat: Eben durch diese neuen Möglichkeiten ist das Gießen beispielsweise für Leichtbau-Konstruktionen prädestiniert. Dass weiterentwickelte Gusswerkstoffe dabei gleichzeitig spezifisch oder belastungskonstant leichter sein können unterstützt die Fortschritte im Leichtbau. Nutzenoptimierung für den Kunden geht aber weit über die Produktgestaltung hinaus. Dazu gehören die Auftragsabwicklung, die Vor- und Fertigbearbeitung der Produkte und auch die Liefersicherheit. Es ist also die Digitalisierung in Produktion und Management, die es ermöglicht, dem Kunden zusätzlichen Nutzen und Wertsteigerungen zu bieten.
SCOPE: Da müssen viele Zulieferbetriebe aber noch an sich arbeiten . . .
Urbat: Sicher, aber auch die Abnehmer müssen verstehen, dass sich Nutzenoptimierung für ihre Kunden nur dann konsequent realisieren lässt, wenn auf Seiten des Zulieferers ein ertragsorientiert arbeitendes Management zum Zuge kommt. Mit anderen Worten: Nur Zulieferer, denen es möglich ist, aufgrund ihres erwirtschafteten Ertrages zu investieren und so auf der Höhe der technischen Entwicklung zu bleiben, können langfristig Kundenbeziehungen aufbauen und dabei das Kundenprodukt optimieren und weiter entwickeln.
SCOPE: Die Abnehmer wollen Gewinne machen. Daran wird sich in Zukunft wenig ändern. Oder erwarten Sie langfristig ein Nachlassen des Kostendrucks?
Urbat: Dieser Wunsch der Zulieferer kollidiert scheinbar mit einem weiteren Megatrend bei unseren Kunden: Dem Zwang zur Kostensenkung. Aus Sicht eines Zulieferbetriebes heißt das Preis- und Ertragsdruck. Meines Erachtens aber ist die Abnehmerseite nicht gut beraten damit, auf diesem Weg voranzuschreiten ¿ zumindest unter mittel- und langfristigen Aspekten. In Zukunft ist eine eher ganzheitliche Betrachtungsweise gefragt. Denn auch Einkaufs- und Distributionslogistik sowie die Kostenminimierung in jeder Stufe des Produktionsprozesses bis hin zum Endprodukt bieten Optimierungspotentiale. Optimierung über die gesamte supply chain heißt aber nicht Kostensenkung in jedem Fall!
SCOPE: Sondern?
Urbat: Optimierung kann auch zunächst Kostenerhöhung in Teilbereichen bedeuten. Nämlich dann, wenn damit größere Einsparungen auf nachgelagerten Stufen folgen.
SCOPE: Können Sie das konkretisieren?
Urbat: Bleiben wir bei unserem Beispiel: Es kann durchaus Kosten senken, ein zunächst teureres aber komplexes Gussteil dort einzusetzen, wo bislang traditionell mehrere billigere Fügeteile verwendet wurden. Diese Chancen zu nutzen, darin besteht die neue Verantwortung der Gießereien. Allgemein könnte man sagen: Ein zukunftsfähiger Zulieferer fertigt nicht mehr allein nach Anweisungen des Kunden, sondern engagiert sich in Anwendungs- und Konstruktionsberatung, ja besser noch, in Konstruktionsoptimierung und Produktentwicklung. Wiederum sind es hier die Möglichkeiten der Digitalisierung und die entsprechende Qualifikation der Beschäftigten, die für den Zulieferer zusätzliche Werte schaffen, und damit dessen Zukunft sichern. Gleichzeitig nutzt das Unternehmen dabei seine Chance, Produkte zu entwickeln, die optimal auf seine technischen Möglichkeiten ausgerichtet sind. Produktentwicklung heißt daher immer auch: Produktspezialisierung und Kostensenkung im Produktionsprozess des Zulieferers.
SCOPE: Welche Rezepte könnten denn in Zukunft den Kostendruck der Abnehmer mindern?
Urbat: Kostensenkung kann für einen Zulieferer auch darin liegen, zu neuen Produktionsformen zu kommen. Beispielsweise in einem Netzwerk mit anderen Unternehmen zu produzieren. So kann er am Markt ein breites Produktspektrum anbieten, obwohl er selbst nur in seinem Segment fertigt. Und zwar so, wie es mit den vorhandenen Anlagen kostenoptimal möglich ist. Kostensenkungspotentiale liegen ferner in der konsequenten Handhabung kontinuierlicher Verbesserungsprozesse, wie etwa Auditierungen zum Qualitäts- und Umweltmanagement. Viele Zulieferbranchen betrachten diese Aufgaben häufig nur als Kostentreiber. Dabei lassen sich Erkenntnisse aus diesen produktionsbegleitenden Prozessen auch Kosten senkend umsetzen.
SCOPE: Das sind die Rezepte von heute. Doch welche Regeln gelten morgen?
Urbat: Die genannten Maßnahmen werden ihre Bedeutung nicht verlieren! Die Gretchenfrage für jeden Zulieferbetrieb wird aber sein, ob er weiterhin alle Produktionsstufen im eigenen Hause realisiert oder ob er Teile der Produktionskette auslagert. Die Zulieferer werden sich in Zukunft immer mehr in virtuellen Netzwerken bewegen, sie werden zu virtuellen Unternehmen. ¿Management by wire¿ gewinnt einen neuen Stellenwert neben dem traditionellen ¿hardware management¿!
SCOPE: Netzwerke sind aber nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Sie funktionieren nur mit verlässlichen Partnern, die ihre Verfahren sicher im Griff haben.
Urbat: Darauf läuft es hinaus! Die Zulieferer müssen ihre Prozesse beherrschen. Hier hilft die Digitalisierung in einem Ausmaß, das noch vor einer Dekade kaum vorstellbar war. Mit ihrer Hilfe überbrücken wir die Lücke zwischen theoretischer Perfektion und menschlicher Kreativität. Mess- und Regeltechniken, Simulationstechniken sowie ausgeklügelte Prozess-Steuerungen und superschnelle Datentransfers machen heute schon die gesammelten Erfahrungen und das Produktions-Knowhow jederzeit verfüg- und wiederholbar. Diese Entwicklung ist lange noch nicht am Ende. Sie wird sich eher beschleunigen. Und gerade deshalb gleichen die Prozesse in den Zulieferbetrieben von morgen immer mehr einem Knowhow-Management.


Die Fragen stellte SCOPE-Redakteur
Michael Stöcker

Links: http.//www.dgv.de

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