Industrie 4.0

„Der Mensch im Mittelpunkt der Wertschöpfung“

Was passiert in puncto Industrie 4.0 in den Firmen? Produzierendes Unternehmen, Roboterhersteller und Supply-Chain-Experte – drei Entscheider äußern sich im Interview mit SCOPE zu „Industrie 4.0“. Es geben Antworten: Manfred Gundel, CEO von Kuka Roboter, Johann Soder, Geschäftsführer Technik bei SEW-Eurodrive und Martin Hofer, Vorstand des auf SCM spezialisierten IT-Beraters Wassermann.

SCOPE: Viele sehen in Industrie 4.0 eine industrielle Revolution. Engagiert sich Ihr Unternehmen in diesen revolutionären Umtrieben?

Gundel: Als Roboterhersteller kommt Kuka hier eine zentrale Rolle zu. Tatsächlich ist Industrie 4.0 bei uns in Planung und Produktentwicklung sehr konkret. Wir arbeiten beispielsweise nach einer Roadmap bis 2017 an der Entwicklung der Mensch-Roboter-Kommunikation und definieren mit großen Automotive-Kunden Standards und Anforderungen. Das ist wichtig, denn es geht bei Industrie 4.0 nicht nur um eine bessere Kommunikation zwischen Maschinen, sondern auch um die Interaktion Mensch-Maschine.

Soder: Da kann ich nur zustimmen. Bei SEW haben wir unsere Prozesse bereits einem revolutionären Umbau unterzogen. Konzepte und Ziele wie Assembly to Order (ATO) und Engineering to Order (ETO) realisieren wir durch kleine flexible Fabrikeinheiten und konsequentes Lean Management. Ich sage offen: Die von vielen propagierte vollautomatische, sich selbst steuernde Fabrik 4.0 ist eine Vision, die wir nicht teilen.

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SCOPE: Herr Soder, wohin geht denn dann Ihrer Meinung nach die Entwicklung?

Soder: Auch in einer Industrie 4.0 steht für uns der Mensch im Mittelpunkt der Wertschöpfung. Fortschrittliche Automation bedeutet eine bessere Vernetzung von Mensch und Maschine. Wenn wir Flexibilität wollen, ist alles zu automatisieren ein Irrweg. Der Mensch ist der Garant für Flexibilität. Zukünftige Automatisierungstechnik sollte leistungsunterstützend, motivierend und ressourcenschonend sein. Ich sehe da beispielsweise eine Intralogistik, in der ein Schwarm mobiler Fördersysteme die Mitarbeiter in kleinen Montagezellen mit Material versorgt. Durch vernetzte Materialflüsse werden zudem strategische Partnerschaften und abgestimmte Prozesse wichtiger als die schlichte Suche nach dem günstigsten Anbieter.

SCOPE: Herr Gundel, wie sieht es bei Ihnen in der eigenen Produktion aus?

Gundel: Robotermontage hat bislang einen sehr niedrigen Automatisierungsgrad. Die Roboter der nächsten Generation werden aber nicht mehr in umzäunten Schutzzonen stehen, sondern sicher auf Menschen reagieren und mit ihnen beweglich auf engstem Raum kooperieren können. Diese Roboter werden wir selbst verstärkt in der eigenen Fertigung einsetzen, zum Beispiel beim Fügen und Verschrauben von Strukturteilen und Getrieben.

SCOPE: Herr Hofer, Ihr Unternehmen berät Kuka und SEW zu Fragen des Supply Chain Managements. Industrie 4.0 soll Produktionsprozesse hervorbringen, die sich selbst steuern. Wird SCM dann überflüssig?

Martin Hofer (Wassermann): Man darf die Instrumente nicht mit dem Ziel verwechseln. Industrie 4.0 soll uns in Richtung Flexibilisierung, Variantenvielfalt und Massenproduktion individueller Produkte voranbringen. Für diese Herausforderungen ist ein selbststeuernder Prozess nur eine Lösung von vielen. Die wachsende Komplexität der Prozesse wird die Bedeutung der Supply-Chain-Planung noch erhöhen.

SCOPE: Trotz sich selbst steuernder Prozesse?

Hofer: Gerade wegen dieser. Kunden erwarten heute extrem kurze Lieferzeiten. Bevor etwas produziert werden kann, muss das Material dafür in aller Regel schon vorhanden sein – auch für vollautomatisierte Prozesse. Das Wie in der Fertigung mag automatisiert werden können, beim Was und Wann werden weiter unternehmerische Entscheidungen auf Basis eines transparenten Planungsbildes gefragt sein.

SCOPE: Viele Experten sehen Deutschland bei der Entwicklung und Umsetzung von Industrie 4.0 in einer herausragenden Wettbewerbsposition. Wie sehen Sie das?

Soder: Das sehe ich ähnlich. Wir sind bei den Einzeldisziplinen wie Automatisierung, Steuerung, Sensorik und anderen führend. Unser Maschinen- und Anlagenbau versteht sich auf die Integration von Hardware, Software und Prozessen. Aber: Das sind nur Startvorteile und ein Vorsprung, der hart verteidigt werden muss.

Gundel: Auch wenn beispielsweise China die Entwicklung der eigenen Roboterindustrie extrem fördert, bin ich optimistisch: Industrie 4.0 erfordert komplexe mechatronische Systeme mit enormer Funktionalität und viel Verständnis für weiche Faktoren und individuelle Prozesse.

Hofer: Industrie 4.0 soll eine bedarfsgerechte, flexible und effiziente Fertigung von individuellen Produkten ermöglichen. Während die Serienfertigung oft verlagert wurde, ist der Standort Deutschland tatsächlich gerade hier besonders stark.

Lesen Sie mehr zum Thema Industrie 4.0 in der Titelgeschichte der SCOPE 3/2014.

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