Kontaktlose Energieübertragung

Andreas Mühlbauer,

Technik für das Tierwohl

Die Firma HoBohTec im niedersächsischen Garrel hat eine Anlage zum Einsammeln von Puteneiern entwickelt. Besonderer Wert wurde neben einer hocheffizienten Anlage auch auf das Tierwohl gelegt. Zur Energieversorgung der Transporteinheit entschied sich der Maschinenbauer für die kontaktlose Energieübertragung Movitrans von SEW-Eurodrive.

Der Eiersuchroboter fährt auf Schienen, die auf dem Boden des Geflügelstalls verlegt oder – hier im Bild – unter der Decke aufgehängt werden. © SEW-Eurodrive

Schwemmland und Sandablagerungen prägen das Gebiet der niedersächsischen Gemeinde Garrel, eine Autostunde östlich von Bremen. Heideflächen wechseln sich hier mit Kiefern- und Fichtenwäldern ab, Idylle pur. Hier haben sich Firmen der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie angesiedelt. Neben Schweinezucht dominieren Geflügel- und Tierfutterproduktion die lokale Wirtschaft.

Auch HoBohTec Energietechnik hat hier ihren Sitz. Sie erhielt von einem Kunden eine Anfrage zu einem vollautomatischen Eiersammler. „Am Anfang stand diesmal nicht die Idee, sondern die Herausforderung“, erinnert sich Geschäftsführer Hans-Jürgen Böhmann. Er nahm den Auftrag für das Innovationsvorhaben zum automatisierten Einsammeln von Puteneiern an. Als 27-Jähriger hatte der Elektrotechnikmeister gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Franz Högemann zwei Jahre zuvor das Unternehmen gegründet.

Die Zusammenarbeit von HoBohTec und SEW-Eurodrive ergab sich auf Grund von zunächst kleineren Automatisierungsarbeiten in der Lebensmittelbranche und dem Retrofit von alten Anlagen oder Anlagenerweiterungen. Schnell entstand ein gegenseitiges Vertrauen, die Basis für ein neues, größeres Projekt.

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EiSam erhöht maßgeblich die Produktivität der Putenzucht. Mit dem Roboter entfällt das manuelle Einsammeln der Puteneier. Auch den Palettenwechsel der Eierhorden führt das System vollautomatisch durch. © HoBohTec

HoBohTec entwickelte einen Roboter, der in großen Zuchtbetrieben Putennester nach Eiern absucht und diese einsammelt. Dieser Eiersuchroboter mit der Bezeichnung EiSam (Eiersammler) fährt auf Schienen, die bisher unter der Decke des Geflügelstalls aufgehängt waren. In einer neueren Variante werden die Schienen auf einem Gestell am Boden des Stalls verlegt. Wesentliche Bestandteile der Lösung sind eine Kamera und ein Greifer zur Erkennung beziehungsweise Aufnahme der Puteneier.

Kontaktlose Energieübertragung

Ein technisches Highlight dieser Lösung ist das kontaktlose Energieversorgungssystem Movitrans zur Versorgung der Transporteinheit. Es funktioniert nach dem Prinzip der induktiven Energieübertragung: „Von einem fest verlegten Linienleiter wird elektrische Energie kontaktlos auf einen mobilen Verbraucher übertragen, lautlos und ganz ohne Schleifer oder Schleppkette“, erläutert Andreas Uhlemeyer, Applikationsingenieur bei SEW-Eurodrive in Bruchsal. Er betreut diese Anwendung bei HoBohTec.

Die Stromzuführung erfolgt durch zwei parallel hintereinander verlegte Leiter (in der Bildmitte), die der bewegliche U-förmige Energieübertragerkopf umschließt. © SEW

Schleifkontakte und ihre Abriebe sind in der Lebensmittelproduktion ohnehin nicht erwünscht. Die elektromagnetische Kopplung erfolgt über einen Luftspalt. Sie ist verschleißfrei. Durch die Berührungsfreiheit lassen sich Geschwindigkeiten bis über 10 m/s erzielen. Durch die Verlegung der Linienleiter am Schienensystem gibt es keine zusätzlichen Hindernisse. Diese Art der Energieversorgung ist unempfindlich gegen Verschmutzung. Das ist auch und gerade in Tierställen wichtig, weil hier tierische Ausscheidungen und Ausdünstungen sowie Staub robuste Antriebs- und Energieübertragungskomponenten erfordern. Die Energieübertragungstechnik wurde auf hohe Chemikalienbeständigkeit optimiert, sodass diese Technik auch unter extremen Bedingungen eingesetzt werden kann. So zum Beispiel in Verbindung mit Tauchbädern der Automobilindustrie.

Das schlanke und überzeugende Anlagenkonzept ist sehr wirtschaftlich. Dazu gehört die Möglichkeit, die Fahrstrecke mit Bögen und Weichen frei zu konstruieren und die einfache Segmentierung der Strecken in Kombination mit dezentralen Einspeiseeinheiten. Kostenersparnisse ergeben sich durch die schnelle und einfache Montage. Entlang der Fahrstrecke muss lediglich die Linienleiterschleife verlegt werden. Die Inbetriebnahme der Technik gestaltet sich durch die Verwendung der Engineering-Software Movitools MotionStudio sehr einfach.

Gesteigerte Produktivität

EiSam einschließlich der Eisortieranlage erhöht maßgeblich die Produktivität der Putenzucht. Mit dem Roboter entfällt das manuelle und zeitaufwendige Einsammeln der Puteneier, das mit hohem Personalaufwand verbunden ist. Zudem herrschen hierbei beschwerliche Arbeitsbedingungen aufgrund von Staub und Geruch in den Ställen. Auch die ständig gebückte Körperhaltung erschwert die Arbeit. Durch den Einsatz des EiSam wird eine konstante und außergewöhnliche Wiederholgenauigkeit im Arbeitsprozess erzielt. Dieser immer wiederkehrende Ablauf trägt zu einem deutlich verbesserten Tierwohl bei.

Durch die einfache Segmentierung der Strecken in Kombination mit Dezentralen Einspeiseeinheiten – hier im Bild – gestaltet sich das schlanke Anlagenkonzept sehr wirtschaftlich. © SEW

Gegenüber der händischen Suche beträgt der Personalaufwand bei EiSam mit Eisortieranlage nur 20 Prozent. Sogar den Palettenwechsel der Eierhorden führt das System vollautomatisch und in Eigenregie durch. Dabei erfüllt die gesamte Konstruktion höchste Hygieneanforderungen. Sie ist der nächste Schritt zum smarten Stall für die Tierhaltung.

Von Anfang an war das Tierwohl ein wichtiges Anliegen. Die Tiere werden nicht mehr durch Menschen gestört, die nach Eiern suchen. Alle Legeboxen werden einzeln auf das Vorhandensein von Eiern überprüft. Der Roboter führt alle Arbeitsschritte exakt zur selben Zeit aus, in immer gleicher Reihenfolge und mit identischem Geräusch- und Bewegungsmuster. Das schafft Routine, Ruhe und Vertrauen bei den Tieren und lässt so keinen Stress bei den Tieren aufkommen.

Mit diesem System können auch keine Keime von außen eingetragen werden, was den Hygieneaufwand nochmals reduziert. Sofern eine Pute in einer Box brütet, wird sie kontrolliert und sanft durch einen sterilen Schieber herausgeführt. Eine besondere Anforderung des Endkunden war ein Leistungsvergleich zur Optimierung der Produktivität. Jedes einzelne Ei, unabhängig ob befruchtet oder unbefruchtet, wird mit einem QR-Code markiert. Diese Markierung ermöglicht die individuelle Zuordnung der Eier zum Legetier. Dadurch lässt sich die Produktivität der Puten in einer Leistungsstatistik per Mausklick ermitteln.

Von Hergen Petznik, Außendienstmitarbeiter bei SEW-Eurodrive im Technischen Büro Bremen

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