Industrielle Bildverarbeitung

„Wir lassen Roboter sehen“

Die industrielle Bildverarbeitung ist erfolgreich wie nie. Die Gründe dafür und warum er der Meinung ist, dass der Boom noch lange andauern wird, verrät Torsten Wiesinger, Geschäftsführer des Spezialisten für Bildverarbeitung und Industriekameras IDS Imaging, im Gespräch mit SCOPE-Redakteur Johannes Gillar.

Torsten Wiesinger, Geschäftsführer IDS Imaging
SCOPE: Die industrielle Bildverarbeitung in Deutschland und auch weltweit boomt. Woran liegt das?

Torsten Wiesinger: Die Bildverarbeitung hat lange in den Kinderschuhen gesteckt, vieles, was wir vor etwa 10-15 Jahren gemacht haben, war experimentell. Zudem haben sich viele Unternehmen der Branche nur auf die klassische Industrie beschränkt, sprich auf die Messtechnik bzw. Qualitätskontrolle. Mittlerweile aber wird die Bildverarbeitung für viele Anwendungen und Branchen interessanter. Wir liefern außerdem Komponenten, die zunehmend leistungsstärker aber gleichzeitig immer einfacher zu bedienen sind. Das eröffnet der Bildverarbeitung ganz neue Bereiche. Daher ist die Bildverarbeitung heute eine Boom-Branche. Laut VDMA liegt der Umsatz der Branche in Deutschland bei 1,8 Milliarden Euro und das Wachstum bei 20%. IDS hat bereits sehr früh Produkte entwickelt, die in Branchen beziehungsweise Applikationen Verwendung gefunden haben, an die wir anfänglich selbst gar nicht gedacht haben. In manchen Fällen haben uns erst die Kunden dann auf die Idee gebracht. Ein ausgefallenes Beispiel dafür ist z.B. ein Schneckenjagdroboter. Es wird einfacher, es wird günstiger und der Markt wächst. Und das bleibt aus meiner Sicht sicherlich auch die nächsten fünf bis zehn Jahre so.

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SCOPE: Welche Entwicklungen bewegen derzeit die industrielle Bildverarbeitung?

Wiesinger: Ein ganz großer Trend ist Industrie 4.0. Die Bildverarbeitung kann einen wesentlichen Teil zu diesem Thema beitragen. Es geht ja dabei unter anderem um das Erkennen und Vernetzen. Die Bildverarbeitung, also die Kamera als das Auge der Maschine, die etwas sieht und es anderen mitteilt, wird intelligenter. Und auch hier gilt: Wir müssen dahingehend forschen und entwickeln, die Dinge möglichst einfach zu machen, vernetzbarer zu machen. Eine weitere Entwicklung ist der Trend zu noch kleiner, noch günstiger, noch einfacher. Auch die 3D-Messtechnik ist ein hochinteressantes Thema. Allerdings wird es immer genügend Anwendungen geben, die weiterhin mit 2D zu prüfen sind. Die 3D-Messtechnik ist aus meiner Sicht ein kleinerer Teil der Bildverarbeitung. Ein wichtiger, aber kein dominanter Teil.

Ebenfalls ein Thema ist die Standardisierung. Denn die Rufe von Kundenseite nach einheitlichen Standards in der Bildverarbeitung werden lauter. Das heißt, standardisierte Bussysteme, standardisierte Software und standardisierte Messverfahren für die Beurteilung von Kameras untereinander. Und für alle diese Dinge gibt es jetzt Standards, die wir nun nacheinander implementieren. Und bei den Sensoren haben wir den Trend weg von CCD- hin zu CMOS-Sensoren. Letztere sind schneller, sind günstiger in der Herstellung und bieten mehr Funktion. Daher setzen alle großen Sensorhersteller auch auf CMOS Sensoren. Bester Beleg hierfür ist Sony mit der Ankündigung des CCD-Produktionsstopps. Die Entscheidung überrascht uns nicht. Wir bei IDS haben uns bereits vor über drei Jahren dazu entschlossen, keine neuen Kameras mit CCD-Sensoren zu entwickeln, sondern ausschließlich auf CMOS-Technologie zu setzen.

SCOPE: Welche Neuentwicklungen haben Sie bezüglich dieser Trends zu bieten und was bringen diese Neuheiten den Anwendern?

Wiesinger: Wir werden unsere Produktpalette konsequent auf Anwenderfreundlichkeit ausrichten. Das haben wir auf der letzten Vision Messe in Stuttgart auch schon gezeigt. Wir bekommen von unseren Kunden das Feedback, dass unsere Kameras und unsere Software zu den am einfachsten zu bedienenden auf dem Markt gehören. Hier sehen wir unseren Fokus und diesen werden wir auch nicht aus den Augen verlieren. Das ist unsere Philosophie. Ein Beispiel: Unsere Kunden können mit einem neuen Treiber eine alte Kamera von uns betreiben, die sie vor zehn Jahren gekauft haben. Zudem werden wir unser Portfolio in Richtung Industrie 4.0 ausbauen. Und dann gibt es Bereiche, die vom Markt getrieben werden. Etwa bei der Sensorik. Dort werden wir unsere Produktpalette ebenfalls stark ausbauen.

SCOPE: In welchen Branchen werden Ihre Produkte und Lösungen hauptsächlich eingesetzt?

Wiesinger: Die Masterbranche ist der Maschinenbau und die Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle. Letztlich die klassische Machine Vision, also das, was die Bildverarbeitung groß gemacht hat. In diesem Segment haben wir den höchsten Anteil. Dann kommen die Medizintechnik und danach die Security-Branche. Sicherheit beispielsweise bei der Verkehrsüberwachung oder der Zugangskontrolle. Darüber hinaus adressieren wir viele Branchen, die Kameras in Bereichen einsetzen, von denen ich am Anfang gedacht habe, dass da Kameras gar nicht reinpassen.

SCOPE: Einzelne Branchen wachsen stärker als andere. Wie beurteilen sie das Wachstum im Bereich der Medizintechnik bzw. im Life Science Umfeld?

Wiesinger: Es wird mehr, zumindest für uns ist es mehr geworden. Allerdings bestehen in der Medizintechnik einige Herausforderungen. Eine Schwierigkeit ist der lange Verkaufszyklus. Das heißt, es dauert sehr lange bis Entscheidungen fallen. Und auch die Anforderungen, bzw. Einstiegshürden sind sehr hoch. Ein Beispiel: Ein Kunde von uns hat schon vor Jahren einen Scanner entwickelt, um damit den Abdruck eines Innenohrs zu erstellen. Die Kamera erfasst die Bilder, ein PC berechnet ein 3D Modell und schickt es über das Internet zum Hörgerätehersteller. In den USA war das System sehr erfolgreich. In Deutschland hat man nur ein Stück davon verkauft, weil das hiesige Gesundheitssystem dieses Produkt abgelehnt hat. Daher gab es keine Chance in Deutschland Fuß zu fassen. Andererseits bietet der Bereich Medizintechnik – sobald die entsprechenden Zulassungen durch sind – ein stabiles Geschäft.

SCOPE: Insbesondere die Robotik ist ein Wachstumstreiber für die industrielle Bildverarbeitung. Wieso und was haben Sie hier zu bieten?

Wiesinger: In vielen Bereichen fehlen dem Roboter schlicht die Augen, um angepasst und flexibel reagieren zu können. Die 3D-Bildverarbeitung in Verbindung mit innovativen Kameralösungen erschließt hier neue Anwendungsmöglichkeiten. Denken Sie z.B. an das Bin Picking, also den Griff in die Kiste. Mit unserer kompakten Stereo-3D-Kamera Ensenso lassen sich solche Applikationen künftig prozesssicher und wirtschaftlich gestalten. Neben Industrierobotern geht es aber auch um Serviceroboter. Ein großer Trend ist die Mensch-Maschine Interaktion. Beispielsweise ist es nicht möglich, Serviceroboter im medizinischen Umfeld mit einem Schutzgitter von Menschen zu trennen. Das wird ein künftig ein großes Thema und es gibt auch schon Lösungen. So hat ein Kunde von uns einen Roboter mit integrierter Kamera entwickelt, die es ermöglicht, dass der Roboter frei mit dem Menschen agieren kann. Der Roboter greift schwere Teile und führt sie dem Menschen zu, der sie dann weiterverarbeitet. Insgesamt sehen wir in diesem Segment große Potenziale.

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