Interview mit Sven Haman, Bosch Connected Industry

Andrea Gillhuber,

Die Digitalisierung angehen

Voraussetzungen für eine funktionierende Smart Factory sind Interoperabilität, Transparenz und Offenheit. Um diesen Bedarf zu decken, hat Bosch Connected Industry das Nexeed Industrial Application System entwickelt. Mit Geschäftsführer Sven Hamann sprachen wir über die zukünftige Produktion und welche Rolle dabei der Mensch spielt.

Das Nexeed Industrial Application System vereint langjährige Fertigungserfahrung, Lean-Ansätze des Bosch Production System und Digitalisierungstechnologien. © Bosch Connected Industry

Die Digitalisierung schreitet voran. Wo liegen derzeit noch die größten Herausforderungen für die Produktion beziehungsweise für die vernetzte Fabrik?
Obwohl Deutschland gerne als Innovationstreiber gesehen wird, haben laut VDMA aktuell noch immer zu wenige Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie implementiert oder auch nur angedacht. Gerade in der Corona-Krise werden zudem viele Digitalisierungsprojekte verschoben. Dabei hat gerade die Corona-Krise deutlich gezeigt, wie wichtig die Flexibilisierung der Fertigung ist: Während bei den einen eine schnelle Reaktion auf schwankende Nachfragemengen gefordert war, haben andere auf die Herstellung neuer Produkte wie Atemschutzmasken für die Belegschaft umgestellt.

Das ist ohne intelligente Softwarelösungen kaum zu bewerkstelligen – und muss trotzdem nicht mit großen Kosten verbunden sein. Man kann auch ganz klein anfangen und je nach Budget und Bedarf schrittweise auf Vorhandenem aufsetzen. Das beginnt bei Bestandsmaschinen: Diese müssen keinesfalls ersetzt werden. Oft reichen wenige IIoT-Devices wie Sensoren und Gateways aus, um die alte Anlage ins digitale Zeitalter zu katapultieren. Voraussetzung ist, dass die geeignete Software alle relevanten Devices und Akteure miteinander verbindet. Genau das bietet das Nexeed Industrial Application System.

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Mit dem Nexeed Industrial Application System lassen sich Shopfloor, Qualitätssicherung, Maschinenpark und Intralogistik vernetzen. Welche Vorteile bietet Nexeed gegenüber anderen Systemen?
Gemeinsam mit unseren Kunden haben wir für das System vier Kerneigenschaften definiert: Aufgrund unserer Domänenkompetenz in Fertigung und Logistik bieten wir praxiserprobte, direkt einsetzbare Lösungen an. Dabei ist die Skalierbarkeit elementar; jeder Kunde kann selbst die Geschwindigkeit und Kosten der Implementierung steuern. Sämtliche Applikationen sind interoperabel, greifen auf die gleichen Daten zu und arbeiten optimal zusammen. Hinzu kommt die Offenheit des Systems: Offene Schnittstellen sorgen für höchste Flexibilität, damit Kunden ihre eigenen Innovationen noch schneller umsetzen können.

Durch den modularen Ansatz kann jeder die Geschwindigkeit und den Umfang der Digitalisierung direkt steuern und hat damit die volle Kostenkontrolle. Wir setzen auf konkrete Anwendungsfälle und bieten erprobte Lösungen mit kurzem ROI. Das Nexeed Industrial Application System ist aus dem Bedarf der eigenen Bosch-Werke entstanden. Das heißt, wir haben sämtliche Applikationen umfassend zusammen mit den Nutzern getestet, eh wir sie im Markt eingeführt haben.

Dabei stehen die unterschiedlichen Nutzergruppen im Fokus, denn jede hat ihre individuellen Schmerzpunkte und Herausforderungen zu bewältigen. Qualitätsingenieure beispielsweise interessieren sich für die exakte Einhaltung millimetergenauer Spaltmaße, Fertigungsleiter haben eine möglichst hohe Gesamtanlageneffektivität im Blick, während Materialflussplaner ihre internen Transportrouten immer effizienter gestalten möchten. Aufbauend auf dem Bosch Production System (BPS) verbindet das Nexeed Industrial Application System Lean Management mit auf die jeweiligen Perspektiven zugeschnittenen IIoT-Lösungen – und vereint so die Bedürfnisse der Nutzergruppen mit der Gesamtoptimierung von Fertigung und Logistik.

Welche Voraussetzungen muss eine Produktion mitbringen, damit die Software eingesetzt werden kann?
Eigentlich braucht es nur den Willen, die Digitalisierung wirklich anzugehen. Wie vorhin beschrieben, können mit Retrofit-Lösungen auch analoge Bestandsmaschinen fit für Industrie 4.0 gemacht werden. Es muss also vor allem in Krisenzeiten keine Großinvestition getätigt werden.

Sven Hamann ist Geschäftsführer von Bosch Connected Industry. © Bosch Connected Industry

Viel wichtiger ist es, die eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Beginn an in das Digitalisierungsprojekt mit einzubinden. Denn es geht nicht darum, Menschen aus der Fertigung zu verbannen, sondern ihnen ein flexibleres Arbeiten mit digitalen Lösungen zu ermöglichen. Und es geht vor allem darum, Arbeits- und Produktionsabläufe so zu flexibilisieren, dass sie sich an neue – und auch unbekannte – Situationen schnell anpassen lassen.

Entsprechend bieten wir unseren Kunden neben dem Nexeed Industrial Application System und Retrofit-Lösungen für Bestandsanlagen auch umfangreiche Dienstleistungen wie Beratung, technischen Support, Qualifizierung der Mitarbeiter und Begleitung bei der Implementierung. Gerade in Pandemie-Zeiten lassen sich durch digitale Lösungen auch die Kontakte unter den Mitarbeiter*innen vor Ort erfolgreich reduzieren und ihre Gesundheit somit schützen.

In Unternehmen sind Systeme und Produkte verschiedener Hersteller im Einsatz. Die Daten liegen also in unterschiedlichen Formaten vor. Wie gewährleisten Sie die Datenkonvergenz?
Genau das ist entscheidend: Wir kommen nicht als reine Berater oder reine Softwarehersteller in eine Fertigung und sagen dem Betreiber, dass er alle vorherigen Lösungen durch unsere ersetzen muss. Wir – und vor allem unsere Lösungen – sind offen für die Integration von Drittsystemen. Das zeigt sich auch beim Nexeed Industrial Application System. Basisfunktionalitäten erleichtern Anwendern und Administratoren durch einfache Bedienung, übersichtliches Stammdatenmanagement und individuell definierte Zugriffsrechte die Arbeit. Das System stellt Daten kompatibel und standardisiert zur Verfügung. Damit schaffen wir Transparenz und erzeugen neues Wissen – und unterstützen unsere Kunden bei der Entscheidungsfindung in Fertigung und Logistik. Mittels offener Schnittstellen lässt sich die Software leicht in gängige Industrieplattformen und in bestehende Infrastrukturen integrieren. Dank der Interoperabilität des Systems und Module zur Datenvorverarbeitung lassen sich sämtliche Daten – auch aus Maschinen und Systemen unterschiedlichen Typs und Alters – in die gleiche Sprache „übersetzen“.

Nexeed besteht aus verschiedenen Modulen für Teilbereiche der vernetzten Produktion. Können auch Systeme beziehungsweise Module anderer Hersteller mit den einzelnen Nexeed-Modulen verknüpft werden? Wenn ja, wie funktioniert das?
Das Nexeed Industrial Application System ist als offenes System konzipiert. Das bedeutet konkret, dass jede Applikation zum Beispiel über offene Schnittstellen verfügt. Darüber machen wir die Daten für unsere Kunden zugänglich und schaffen Transparenz. Über diese Schnittstellen binden wir andere Systeme an und ermöglichen das nahtlose Zusammenspiel der Lösungen. Oft nutzen Kunden in Teilbereichen der Fertigung und Logistik bereits selbst entwickelte Lösungen oder Anwendungen anderer Anbieter. Auch diese binden wir über die offenen Schnittstellen ein. Denn erst so lassen sich Wertströme ganzheitlich optimieren und damit wesentliche Einsparungen erzielen.

Die Transparenz über die Daten und deren ganzheitliche Erfassung über die verschiedenen Systeme hinweg ermöglichen dann auch die Implementierung datengetriebener Innovationen unter Einsatz von künstlicher Intelligenz. Mit dem Nexeed Industrial Application System machen wir unsere Kunden also auch „AI ready“.

Bosch ist sowohl in der Industrie als auch im Automobil- sowie Heimbereich mit Produkten und Systemen vertreten. Wie profitieren die einzelnen Bereiche von Bosch von den Erfahrungen aus den jeweils anderen Geschäftsbereichen?
Bosch ist in vielen verschiedenen Branchen vertreten. Gerade bei Industrie-4.0-Lösungen versteht sich das Unternehmen als Leitanwender und Leitanbieter. Zum einen ist Bosch selbst industrieller Hersteller, etwa von automobilen Komponenten und Gebrauchsgütern. Zum anderen entwickelt Bosch auch innovative IoT-Lösungen für Endnutzer, industrielle Hersteller und Logistiker. Aus dem eigenen Bedarf heraus ist so eine Software entstanden, die sich an den Bedürfnissen aus der Praxis orientiert und sich für Kunden aus unterschiedlichen Bereichen eignet.

Damit profitieren wir intern voneinander – und unsere Kunden wiederum von dieser Erfahrung. Obwohl sehr unterschiedlich in ihren Bedürfnissen und Produkten, können auch Industrie und Consumer-Produkte einiges voneinander lernen. Im Fokus steht dabei die agile und iterative Entwicklung von Softwarelösungen unter unmittelbarer Einbindung der Anwender.

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