Meinung
tun und lassen
23. November 2000: Vier Tage vor dem Börsengang blasen die Gebrüder Ernst, Gründer des ERP-Herstellers Proalpha, den aufwendig geplanten und inszenierten Termin ab. Leo und Werner Ernst hatten gerade noch rechtzeitig die Reissleine gezogen. Damalige Wettbewerber wie Bäurer, Brain oder Infor, die den Schritt kurz zuvor gegangen waren, existieren heute nicht mehr als eigenständige Unternehmen – der Absturz der Aktienkurse riss auch sie mit.
Auch der Maschinenbauer Hermle war unter der damaligen Fremd-Führung an die Börse gegangen – ein Schritt, den der jetzige Vorstandssprecher Dietmar Hermle heute bedauert: „Für einen Maschinenbauer unserer Grössenordnung ist das die falsche Unternehmensform. Das ist die teuerste Geldbeschaffungsmaßnahme, die man sich vorstellen kann.“ Zudem muss sich die Unternehmensführung ständig mit Aufsichtsräten und Aktionären um die Firmenstrategie auseinandersetzen. Brechen die Umsätze ein, belasten auch noch die sinkenden Kurse das Unternehmen.
Auch bei der Globalisierungsstrategie bietet die AG-Form keine Vorteile: In jedem Land muss eine Tochtergesellschaft gegründet werden, die den landestypischen Rechtsformen entspricht. Das erschwert den Steuerungs- und Verwaltungsaufwand erheblich.
Als Alternative wurde deshalb 2004 von der EU die Europäische Aktiengesellschaft, abgekürzt SE (societas europaea), genehmigt.
Allerdings ist die SE für kleine und mittelständische Untenrehmen (KMU) aus vielerlei Gründen nicht geeignet und vorgesehen. Mit der Europäischen Privatgesellschaft (SPE) oder auch „GmbH für Europa“ schien letztes Jahr endlich eine Lösung gefunden, die auch von Verbänden wie VDMA oder BDI begrüsst und gefordert wurde. Reibungsverluste durch Mehrfachverwaltungsarbeiten und die Erfüllung unterschiedlicher Landes-Vorschriften sollten damit erheblich reduziert werden.
Doch die Verabschiedung der neuen Rechtsform scheiterte am Widerstand der deutschen Regierung. Die lehnte, entgegen aller Beteuerungen zur Förderung der KMU, den Entwurf ab. Begründung: Mangelnde Mitbestimmung.
Obwohl alle Wirtschaftsverbände auf eine rasche Einigung drängen, dürfte die SPE damit gescheitert sein. Wenn überhaupt nochmals über die SPE abgestimmt wird, dann wahrscheinlich in einer Form, die mit der jetzigen nicht mehr viel gemein hat. Auf unsere entsprechende Anfrage im Bundeswirtschaftsministerium erhielten wir innerhalb von 14 Tagen keine Antwort.
Dietmar Hermle sagt: „Wir haben heute Politiker, die Dinge tun, von denen sie nichts verstehen“. Um ihn zu ergänzen: Die aber auch nicht verstehen, wie Herr Wulff, dass bestimmte Dinge nicht getan werden sollten.
Hajo Stotz, Chefredakteur,
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