Editorial

Reif fürs Pflegeheim

Auf die Meldungen aus Hannover war bisher immer Verlass: Höhepunkte der Berichterstattung aus der niedersächsischen Landeshauptstadt waren die Berichte zur Hannover Messe und zur Cebit. Doch dieses Frühjahr sorgen einmal nicht das Messe-Gastland (Russland) oder der Cebit-Besucherschwund für Schlagzeilen. Sondern die erste Ankündigung der neuen rot-grünen Landesregierung sofort nach der Ernennung: das Sitzenbleiben in der Schule abzuschaffen. Na prima. Nach G8, Gesamtschule, Quasi-Abschaffung der Hauptschule, Verlagerung der Bildungshoheit in die einzelnen Länder ein weiteres Experiment unserer Bildungspolitiker, um bei der internationalen Pisa-Studie nicht immerzu auf den Sitzenbleiber-Plätzen zu landen. Deshalb wird ja auch der Anspruch in den Schulen ständig gesenkt: In allen Bundesländern außer Brandenburg, wo ohnehin die wenigsten Schüler durchfallen, ist die Zahl der Sitzenbleiber innerhalb von zehn Jahren teils um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Würde man Politikern glauben, sind die Gründe bessere Pädagogik und gezieltere Förderung. Ausgeschlossen, dass der Grund zum Beispiel in E-Mails liegt, die etwa in Bayern Gymnasien mit hohen Durchfallerquoten erhalten haben und in denen angedroht wurde, Ministerialbeauftragte zur "gezielten Beratung" vorbeizuschicken. Früher galt: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir". Und Sitzenbleiben ist ohne Zweifel eine harte Lebenserfahrung. Doch was hilft es Kindern, wenn man sie in Watte packt und in der Schule das Leistungsprinzip abschafft, der Aufschlag im realen Leben dann aber umso härter wird - ob in der Lehre, an der Hochschule oder später im Beruf. Selbst die Lehrer sind dagegen. Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands: "Eine Abschaffung des Sitzenbleibens käme einem Recht auf Wohlfühlschule mit Abitur-Vollkasko-Anspruch gleich." Für ihre eigenen Leistungen haben die Kultusminister übrigens bereits seit längerem das Sitzenbleiben abgeschafft: Sie sind einfach aus den direkten Vergleichen der Bundesländer durch die Pisa-Studie ausgestiegen. Dass Politiker von der Formel "Auswirkung verbieten = Ursache abgeschafft" überzeugt sind, zeigt sich allenhalben. Aber mit so einer Denke wird dieses Land nicht fit für den globalen Wettbewerb, dem Industrie und Mitarbeiter immer stärker standhalten müssen - sondern reif fürs Pflegeheim. Vielleicht kann Merkel andere Länder ja davon überzeugen, einen Pflegesatz für Deutschland einzuführen. Spanien oder Italien zum Beispiel. Nach der EU-Studie zum Privatvermögen hat ein durchschnittlicher Spanier oder Italiener ja mehr als das Dreifache auf der hohen Kante als ein deutscher Haushalt. Die lernen in der Schule offenbar mehr darüber, wie man zu Geld kommt.

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Hajo Stotz, Chefredakteur
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