Editorial

Grüne Jungs

München ist eine beliebte Stadt, auch bei Studenten. Der junge Bekannte wollte alles richtig machen und sich noch vor den Semester-Ferien an der TU München mit seinem Bachelor-Zeugnis von der Uni Gießen für den Master einschreiben, die Wunschkurse belegen und ein Zimmer suchen. TU München: "Bachelor-Zeugnis? Wir brauchen eine Urkunde". Uni Gießen: "Urkunde? Wir stellen nur Zeugnisse aus." Beide Seiten blieben hart, und mit Beginn der Semester-Ferien waren die entscheidenden Stellen dann unerreichbar. Nach Vorlesungsbeginn Mitte Oktober waren die besten Kurse schnell vergeben, die preisgünstigen Zimmer längst vermietet, bis das Rektor-Sekretariat der hessischen Uni das Rektor-Sekretariat der bayerischen TU anrief. In dem Telefonat wurde versichert, dass in Gießen keine Urkunden ausgestellt werden, sondern Zeugnisse und alles seine Richtigkeit habe. Mit 14 Tagen Verspätung konnte er sich endlich an der TU einschreiben. Deutschland im Jahre 10 nach der Bologna-Reform. Was wurde damit nicht alles versprochen: internationale Abschlüsse, kürzere Studienzeit, mehr Mobilität, usw. Systematisch wurde der weltweit geschätzte, deutsche Diplom-Ingenieur zugunsten von Bildungssystemen aus Staaten geopfert, die allesamt gravierende Probleme mit ihrer Industrie und dem Arbeitsmarkt haben. Und während der Diplom-Ingenieur der Fachhochschulen bei Firmen als akademischer Praktiker begehrt war, kämpfen die Bachelors mit dem Ruf von Schmalspurakademikern. So erklärte mir kürzlich der Geschäftsführer eines mittelständischen IT-Unternehmens: "Bachelors stellen wir keine ein. Das sind noch grüne Jungs." Ähnliche Meinungen sind auch in anderen Unternehmen zu hören. Ein führender Siemens-Manager bedauerte beim abendlichen Bier, dass Industrie und Verbände viel zu spät die Auswirkungen der Reform realisiert hätten und bereits früh die Notbremse hätten ziehen müssen - nun sei es zu spät. Die Hochschulrektoren sehen das ähnlich. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sagte der Süddeutschen: "Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker." Die Unternehmen wollten Persönlichkeiten einstellen und nicht Absolventen. Um eine Persönlichkeit auszubilden, bräuchten die Studenten mehr Zeit. Doch das ist nicht gewollt. Um beim OECD-Vergleich nicht ständig durchzufallen, senkt die Politik seit Jahren die Anforderungen - und erzeugt dadurch mehr Abschlüsse: das frühere Vordiplom wurde so zum Bachelor. Doch für Bildungsministerin Annette Schavan ist die Bologna-Reform "ein großartiger Erfolg." Für Politiker ist offenbar alles ein Erfolg, was nicht gegen die Wand fährt. Sieht die Uni Gießen das vielleicht auch anders und stellt deshalb ihren Bachelors keine Urkunde, sondern ein Zeugnis aus?

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Hajo Stotz, Chefredakteur
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