Editorial

Hajo Stotz,

Dienen statt herrschen

Beim Kollegen bilden sich kleine Schweißperlen auf der Stirn: Am Ende der Leitung wartet ein wichtiger Gesprächspartner, den er zu mir durchstellen will - doch das Telefon wehrt sich nach Kräften. Nach endloser Klickerei blickt er über zwei Schreibtische herüber und bittet mich, den Anrufer wegen eines Reportagetermins zurückzurufen, er habe ihn aus der Leitung verloren ...

Am mangelnden technischen Verständnis des Kollegen liegt es nicht, dass das Telefon nicht das tut, was es soll: Denn ob Festnetztelefone, Fahrkartenautomaten, Fernbedienungen oder Fahrerassistenzsysteme - technische Produkte werden mit immer mehr Funktionen ausgestattet, und das wollen viele Entwicklungsingenieure dem Bediener dann auch zeigen: Schau her, wie viele tolle Features ich in dieses Gerät reingepackt habe.

Denn das ist ja eigentlich auch ihre Aufgabe: Ein Produkt zu entwerfen, das die unterschiedlichsten Anforderungen der verschiedensten Kunden weltweit erfüllen kann. Vom Rookie bis zum Profi, von Generation Y bis 80+, von anspruchslos bis anspruchsvoll.

Um diese unterschiedlichsten Anforderungen immer besser zu erfüllen, muss die Anzahl der Funktionen immer weiter steigen. Und hochfunktionale High-End-Produkte sind ja auch die Stärke der deutschen Industrie, für ihre Entwicklung werden Ingenieure seit Generationen ausgebildet.

Doch was in der Ausbildung leider viel zu kurz kommt, ist die Sicht des Anwenders auf das entwickelte Produkt. Denn gleichgültig, wie ausgefeilt ein technisches Produkt heute auch sein mag - über den Erfolg entscheidet zukünftig nicht mehr die Funktionalität, sondern die Usability, also die Bedienbarkeit (siehe Titelstory).

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Auch bei Apple, heute als Vorreiter beim Thema Usability gefeiert, wird oft vergessen, dass die Firma bis Anfang 2000 das Gegenteil eines Erfolgsunternehmens war. Bis zur Entwicklung des iPods produzierte die Firma einen Flop nach dem anderen, wie etwa das Power-CD. Das Gerät, vorgestellt Mitte der 90-Jahre zum lesen von Audio- und Foto-CDs, hatte fast 40 Knöpfe und war nur von Spezialisten zu bedienen.

Doch dann gelang es den Kaliforniern umzudenken und ein Produkt zu entwerfen, das mehr konnte und dennoch einfacher zu bedienen war als jedes Wettbewerbsprodukt: das iPhone.

Auch die deutsche Industrie ist derzeit dabei, in Sachen Usability zu lernen. Denn nicht nur, dass die meisten Leute keine Bedienungsanleitungen mehr lesen: Bis bei einer Fehlfunktion an der Maschine ein Manual durchgearbeitet und eine Lösung gefunden ist, verliert jede Produktion Zeit und Geld. Und das können sich immer weniger Unternehmen leisten.

Manchmal ist weniger daher einfach mehr. Fast 20 verschiedene Um- und Weiterleitungsfunktionen braucht zum Beispiel kein Mensch in einem Telefon. Und dass man zum Weiterleiten eines Gespräches neun Mal eine Taste drücken muss, hat schon etwas mit Entwicklersadismus zu tun.

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