Meinung
Fluten und Lecks
Manche Branchen können sich über mangelnde Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit an ihrem Tun nicht beklagen: Ob Telekom und ihr Interesse an nautischen Öffnungen - sprich Lecks - im Unternehmen, ob Lidl oder Ikea und ihre Auffassung von Mitarbeiterfürsorge, oder ob Bayern LB und die bayerische Staatsregierung und ihr Verständnis von Informationspolitik - sie stehen, gewollt oder ungewollt, im Scheinwerferlicht der Presse.
Dagegen tut sich die Industrie doch meist wesentlich schwerer. Das Interesse der breiten Öffentlichkeit etwa an der Entwicklung von Impfstoffen gegen die Blauzungen-Krankheit bei Masttieren ist trotz Milchboykotts nicht merklich gewachsen, und auch die Zahlen zum Fördervermögen der europäischen Steinkohle-Industrie stoßen zum Leidwesen der Branche nur bei einem relativ überschaubaren Kreis auf Nachfrage. Aber zum Glück gibt es ja da PR-Agenturen. Die meisten arbeiten dabei - zur Ehrenrettung sei`s gesagt - professionell. Doch die Anzahl an Agenturen oder PR-Abteilungen, die Meldungen aus Unternehmen an die Presse mit der großen Spritze verteilen, nimmt, so zumindest auf der gefühlten Skala für nicht-relevante Pressemitteilungen, tsunamiartig zu. Vor allem, seit sie die Vorteile des E-Mail-Verkehrs entdeckt haben: fast kostenlos und in praktisch unbegrenztem Umfang bringt er Presseinformationen unter das informationshungrige Journalistenvolk. Entsprechend haben manche Agenturen und PR-Verantwortlichen ihre Honorarberechnungsbasis offenbar umgestellt und kalkulieren nach der Gigabyte-Größe ihrer E-Mail-Adress-Datei. Und Pressearbeit verstehen sie unter der Devise: Je umfangreicher die E-Mail-Adressenliste, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Wahrnehmung. Ob mit den Adressenlisten von Journalisten auch auf eBay gehandelt wird, weiß ich nicht - aber wie meine E-Mail-Adresse in den Verteiler eines australischen Känguruhfleisch-Verarbeitungsmaschinenherstellers gekommen ist, würde mich schon mal interessieren.
So erzittert nun täglich meine Mailbox unter dem Einschlag von mehr als einhundert Mails (die mehrfache Menge an Spams noch gar nicht mitgerechnet) und allein das - sehr oberflächliche - Sichten dieser Flut habe ich mit Blick auf meine eigentlich bezahlte Tätigkeit auf eine halbe Stunde begrenzt ¿ Tendenz steigend. Auch der Spam-Filter bietet hier keine Rückendeckung mehr, sondern übt sich im Gegenteil in Dolchstoß-Politik: eindeutige Angebote aus dem Pharmazie-Bereich zur Verlängerung der Standzeiten gewisser Werkzeuge stuft das Programm als nützliche Information für mich ein, während es mich gleichzeitig vor offenbar brisanten Nachrichten meiner Kollegen aus dem eigenen Haus zu schützen versucht. Also muss auch noch regelmäßig zumindest ein schneller Blick in diese E-Mail-Leichenbox geworfen werden. Da der Arbeitstag sich aber trotz großer persönlicher Anstrengung auf maximal 24 Stunden beschränkt, bleibt damit leider oft auch für wichtige und interessante Informationen und Mitteilungen kaum mehr als ein flüchtiger Klick. Mit Massen-Pressemitteilungen tut der Verteiler daher weder sich noch dem Empfänger etwas Gutes. Denn zuviel Informationen sind so schlecht wie keine Informationen.








