Meinung

Es gibt immer was zu tun

Wenigstens eine Branche, die derzeit boomt: Die Schlangen an den Kassen der Gartenzentren und Baumärkte sind fast so lang wie zu DDR-Zeiten. „Die Heimwerkermärkte profitieren von den Kurzarbeitern“, stellt auch Dr. Thomas Lindner, Vorsitzender des VDMA Baden-Württemberg, fest.

Nun ist es sicherlich nicht Ziel der Unternehmen und der Politik, mit Kurzarbeit den Do-it-yourself-Markt anzukurbeln, und viele Unternehmer würden ihre Ingenieure lieber über neue Innovationen brüten sehen als auf der Leiter beim Hausanstrich.

Dennoch gilt das Kurzarbeits-Modell als erfolgreiches arbeitsmarktpolitisches Instrument. Es ermöglicht den Betrieben, Auftragseinbrüche abzufedern, ohne die Beschäftigten gleich vor die Tür zu setzen. Die Normal-Arbeitszeit kann um 10 bis 100 Prozent reduziert werden, jede Variante dazwischen ist möglich. Auch einzelne Abteilungen können kurzarbeiten. Und stellt sich die Lage des Betriebes wieder besser dar, kann es die Kurzarbeit sofort beenden. Für die betroffenen Mitarbeiter sind die finanziellen Einbußen zwar schmerzhaft, aber sicherlich die bessere Alternative als Arbeitslosigkeit. Vom durch Kurzarbeit wegfallenden Teil ihres Nettolohns erstattet die Bundesagentur für Arbeit (BA) den Betroffenen 60, mit Kindern 67 Prozent (http://kugrechner.arbeitsagentur.de/index.php)

Allerdings ist das Modell eine Wette auf eine bessere Zukunft. Denn aus dem Rettungsring ist spätestens nach 24 Monaten die Luft raus. Zieht die Konjunktur nicht bis zum nächsten Jahr spürbar an, wird es für viele Firmen eng werden, weil die Kurzarbeitsphase dann nicht mehr verlängert werden kann.

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Dennoch ist das Instrument eines der besseren. Andere europäische Industrieländer, wie Frankreich, Italien oder UK, die es nicht oder nicht in dem Maße nutzen, müssen wesentlich höhere Arbeitslosenzahlen melden als Deutschland. Hier war die Arbeitslosenzahl im Juli im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht gesunken. Zudem kann Kurzarbeit bei vielen Unternehmen auch eine ihrer größten Befürchtungen mildern: Mit Entlassungen wertvolles Know-How zu verlieren, das dann in jahrelanger Arbeit wieder aufgebaut werden muss. Für Berufseinsteiger hat der VDMA Baden-Württemberg deshalb gemeinsam mit der BA sogar ein Modell entwickelt, um auch Studienabgängern auf Kurzarbeitsbasis Arbeitsplätze anbieten zu können. Thomas Lindner: „Die Unternehmen haben aus der letzten großen Krise 92/93 gelernt. Wir wollen nicht wieder den Fehler machen, erst junge Menschen für technische Berufe zu begeistern und ihnen dann keine Perspektive bieten zu können. Denn nach der Krise brauchen wir mehr denn je Ingenieure.“

Auch für die Volkswirtschaft rechnet sich das Kurzarbeits-Modell: Jeder mit Kurzarbeit verhinderte Jobverlust spare monatlich im Schnitt rund 900 Euro, rechnet die BA. Für einen Kurzarbeiter muss sie 590 Euro im Monat aufwenden, für einen Arbeitslosen aber 1.500 Euro.

Dementsprechend wird das Instrument zunehmend genutzt: Hatten im Dezember noch 201.000 Menschen kurzgearbeitet, waren es im Juni bereits 1,4 Millionen. Davon sind über eine Million Männer (rund 420.000 aus dem Maschinenbau und der metallbe- und verarbeitenden Industrie, etwa 200.000 aus der Auto- und Zulieferindustrie). Und die scheinen ihre zwangsgebremste Kreativität nun eben in eigenen Projekten umzusetzen. So konnte der Praktiker-Baumarkt, der bereits seit Anfang des Jahres kurzarbeitete, diese im Juni wieder beenden. Als Grund nannte der Firmensprecher „die positive Geschäftsentwicklung“.

Hajo Stotz, Chefredakteur

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