Editorial
Gratwanderung
Manche Manager wissen, wie sie mit nur wenigen, präzise platzierten Worten die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. So auch Forcam-Chef Franz Gruber auf dem 14. Produktivitätskongress FIT 2017 in München. Mit einer knapp ausgesprochenen Warnung gehörte ihm die Zuhörerschaft: „China legt einen Highspeed an den Tag.“ Vor allem seit sich die chinesische Regierung die Strategie „Made in China 2025“ auf die Fahnen geschrieben hat. Es sollte uns klar sein, dass die Regierung ihr Wirtschaftsprogramm rigoros durchziehen wird. „Die Firmen in Deutschland müssen sich warm anziehen“, mahnte Gruber.
Warum, lässt ein Blick in die MERICS-Studie zu Chinas Hightech-Strategie erahnen. So soll in den nächsten acht Jahren der Anteil chinesischer Hersteller von fortschrittlicher Produktionstechnik und wichtigen Werkstoffen auf dem dortigen Markt auf 70 Prozent ansteigen. China begnügt sich nicht mehr damit, als „Werkbank der Welt“ gesehen zu werden, sondern strebt die Marktführerschaft in Bereichen an, auf denen heute das Wachstum vieler Industrieländer beruht – Informationstechnologie, Roboter oder alternative Antriebe.
Noch mag manch einer ungläubig den Kopf ob der hoch gesteckten Ziele schütteln. Schließlich soll laut Weltroboterverband IFR die Roboterdichte – also die Anzahl von Industrierobotern je 10.000 Arbeitnehmer – in China bis 2020 auf 150 Einheiten steigen. Verglichen mit aktuellen Zahlen scheint es eher gering: Derzeit führt Südkorea mit 531 Einheiten, in Europa ist Deutschland mit 301 Einheiten Spitzenreiter. Doch bis spätestens 2049 will China zu den führenden Industriemächten gehören.
Das setzt auch chinesische Unternehmen unter Druck. Sie müssen sich aus technologischer Sicht schnellstmöglich weiterentwickeln, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Mit dem Blick auf das verlangsamte Wachstum im eigenen Land ist das massive Investitionsverhalten somit verständlich. Dabei gehört die Europäische Union weiterhin zu den beliebtesten Investitionsstandorten, angeführt von Deutschland: Rund 35 Milliarden Euro flossen im vergangenen Jahr in europäische Länder, davon über 11 Milliarden Euro nach Deutschland.
In diesem Kontext warnt das Mercator Insitut for China Study (MERICS), sich nicht von kurzfristigen Geschäftschancen täuschen zu lassen, die „Made in China 2025“ bereithalte: „Am Ende gehe es der chinesischen Führung darum, ausländische durch chinesische Technologien zu ersetzen.“
Doch was ist zu tun? Es bedürfte mehr Möglichkeiten, um auf die von zum Teil versteckten staatlichen Akteuren betriebenen Aufkäufe europäischer Hightech-Unternehmen reagieren zu können. Zudem muss das Bewusstsein um den eigenen Wert geschärft werden. Es sollte nicht mehr so einfach Technologie-Know-how verkauft werden – wie einst beim Transrapid geschehen. Gleichzeitig gilt es jedoch auch, den schmalen Grat zu gehen, global zu denken und zu agieren, offen zu sein für Neues, ohne von der Angst der Assimilation getrieben zu werden.









