Editorial
Demokratie hilft auch der Industrie
Letzte Woche lieferte die Hannover Messe die Breaking News: allerdings nicht mit dem selbstgewählten Leitthema Integrated Industry, sondern mit den Bildern von jungen Aktivistinnen, die vor Wladimir Putin und Angela Merkel ihre mit Protestparolen beschrifteten Oberweiten enthüllten. Es war also kaum zu übersehen: Partnerland der Messe war diesmal Russland. Mehr als 160 russische Unternehmen stellten aus, rund 200 Redner füllten das Veranstaltungsprogramm zum Thema Russland. Im Convention Center, wo sich auch das Pressezentrum befindet, fand praktisch ein Dauertreffen von deutsch-russischen Verbänden und Interessenvertretungen statt. Für die Journalisten hatte das handgreifliche Vorteile: auf dem Sprint zum nächsten Termin gabs hier im Vorbeigehen leckere Häppchen to go. Nach Russland gehen heute fünf Prozent der gesamten deutschen Maschinenausfuhr, das Land ist unser viertgrößter Absatzmarkt - nach China, USA und Frankreich - mit einem Exportvolumen von rund acht Milliarden Euro. 22 Prozent aller importierten Maschinen stammen aus Deutschland - es folgen China mit 13 und Italien mit 11 Prozent. Einer Umfrage des VDMA zu Folge wollen die Maschinenbauer ihr Engagement in dem riesigen Markt bis 2015 mehr als verdoppeln - getrieben vor allem durch die dynamische Entwicklung im PKW-Bereich. Entsprechend war auch das Credo der Gesprächspartner, die ich auf der Messe zum russischen Markt angesprochen habe: "Sehr interessant". Doch fast immer wurde nachgeschoben: "Aber auch schwierig." VDMA-Geschäftsführer Hannes Hesse fordert deshalb mehr Zuverlässigkeit in der russischen Politik: Es gebe hinsichtlich der Verlässlichkeit erheblich Nachholbedarf. So gilt (nur ein Beispiel von vielen) seit kurzem eine Abwrackgebühr- aber nur für im Ausland hergestellte Fahrzeuge. Dies hat bereits zu Preissteigerungen und rückläufigen Fahrzeugimporten geführt. Den größten Reformbedarf sehen deutsche Firmen einer IHK-Studie zu Folge bei den Themen Bürokratieabbau, Korruption und Zollfragen. Jedes vierte Unternehmen bemängelt das Fehlen des politischen Wettbewerbs. Beim Thema Verlässlichkeit gab auch Kremlchef Putin nicht das beste Beispiel ab: So musste Kanzlerin Merkel mit den Gästen der Eröffnungsveranstaltung fast eine Stunde auf sein Erscheinen warten. Unbestätigten Gerüchten zufolge war er derweil auf der Geburtstagsfeier seines engen Freundes Gerhard Schröder. Aber der nannte ihn ja auch einen "lupenreinen Demokraten". Die Bundeskanzlerin teilt dagegen beim Thema Demokratie und Bürokratieabbau insgeheim vielleicht eher die Meinung der Aktivistinnen. Zumindest wenn´s dabei um Russland und nicht um die EU geht.
Hajo Stotz, Chefredakteur
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