Interview mit Leipziger Messe

Andrea Gillhuber,

Fachmessen sind ein Abbild der Industrie

Seit März ist Gerhard Ohmacht neuer Bereichsleiter Fach- und Industriemessen bei der Leipziger Messe. Im Interview sprach er über die Herausforderungen für Messegesellschaften durch die Corona-Pandemie, welche Rolle digitale Angebote für Messen spielen werden und über die Bedeutung von sozialer Interaktion.

Gerhard Ohmacht ist seit März neuer Bereichsleiter Fach- und Industriemessen bei der Leipziger Messe. © W. Kutscha

Herr Ohmacht, Sie haben den Bereich Fach- und Industriemessen im März übernommen, ein herausfordernder Zeitpunkt. Was sind nun Ihre vorrangigsten Aufgaben?

Durch die Beschränkung der Freizügigkeit im Zuge der Corona-Krise wurden weltweit Hunderte Messen abgesagt oder neu terminiert. Auch der Veranstaltungskalender der Leipziger Messe ist betroffen. Wir wären nicht gut beraten, wenn wir ausharren würden, bis es behördliche Freigaben für die Durchführung von Messen gibt. Von Seiten der Veranstalter gilt es, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Fach- und Industriemessen so schnell wie möglich wieder stattfinden können. Messen sind Marken. Gut positionierte Veranstaltungen mit einem hohen Nutzwert für Aussteller und Besucher – wie unsere Messen Intec und Z – werden nach der Krise wieder durchstarten. Die gegenwärtige veranstaltungsfreie Zeit nutzen wir, um zu definieren, mit welchen Maßnahmen wir das Profil unserer Fach- und Industriemessen schärfen können.

Die Industrie ist Ihnen gut bekannt, Sie waren zuletzt Leiter MarCom Industrie bei Schaeffler. Welche Anforderungen stellt die Industrie an moderne Messen?

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Messen müssen Angebot und Nachfrage zusammenführen. Sie sind für die Industrie wichtig, um Kunden und Interessenten zu treffen. Dabei ist nicht die bloße Anzahl der Besucher entscheidend, sondern es müssen die „Richtigen“ kommen, also die Kernzielgruppen der Aussteller. Je nach Messezielsetzung können diese unterschiedlich sein. Letztlich muss sich ein Messeauftritt rechnen. Ausstellende Unternehmen sind mit einem Veranstalter zufrieden, wenn dieser nicht nur eine Top-Infrastruktur und perfekten Service vor Ort bietet, sondern auch die richtigen Ansprechpartner auf Aussteller- und Besucherseite zusammenbringt. Außerdem ist ein Messestand immer ein Abbild des Unternehmens. Die Firmen möchten ihre neuen Produkte oder Technologien in einem modernen Umfeld vorstellen. Leipzig ist als einer der zukunftsweisenden Messeplätze Europas ideal dafür geeignet. Unsere Aussteller können modernste IT- und Mobilfunkinfrastruktur nutzen, um beispielsweise Produktionsmaschinen auf der Messe mit eigenen Fertigungseinrichtungen weltweit zu vernetzen. 

Wie möchten Sie diesen Anforderungen gerecht werden?

Attraktive Aussteller ziehen attraktive Besucher an – und umgekehrt. Die Leipziger Messe ist als Veranstalter nah am Puls der Zeit. Trendthemen wie Digitalisierung in der Fertigung müssen auf Messen wie der Intec erlebbar sein, aber auch Dauerbrenner-Themen wie Lieferkettenmanagement. Wir sind im stetigen Austausch mit Leistungsanbietern, Verbänden sowie Forschung und Lehre, um genau die richtigen Themen zu besetzen.

Welche Schwerpunkte planen Sie in Ihrer Arbeit zu setzen?

Das Produkt- und Leistungsprogramm einer Messe verändert sich permanent. So freuen wir uns über neue Unternehmen, die das Leistungsfeld durch ihre Lösungen bereichern. Das erfolgt aber nicht zufällig, sondern immer nah am Markenkern der jeweiligen Veranstaltung. So dreht sich beispielsweise bei der Intec alles um die Werkzeugmaschine. Unsere Aufgabe ist es, Ausstellern und Besuchern eine Informations- und Kontaktplattform zu bieten, welche die Wertschöpfungskette zu diesem speziellen Markt der Fertigungs- und Automatisierungstechnik abbildet. Für uns kommt also kein polytechnischer Ansatz infrage, sondern eine Fokussierung auf den Kern der Marke.

Welche Rolle werden digitale Angebote im Bereich Fach- und Industriemessen in Zukunft spielen?

Besucher kommen heute sehr gut informiert zu einer Messe. Da können digitale Formate vor, während und nach einer Veranstaltung dazu dienen, das Treffen vor Ort zu ergänzen. Wäre der reine Informationsaustausch der ausschließliche Zweck einer Messe, würden digitale Angebote den Sinn von Messen infrage stellen. Für das Kennenlernen, Führen von Gesprächen, Aufbauen von Vertrauen und die Kontaktpflege sind Treffen vor Ort aber das Mittel der Wahl.

Mit dem Messedoppel Intec und Z im Frühjahr startet alle zwei Jahre das Messejahr. Welche Schwerpunkte erwarten Aussteller und Besucher?

2021 sind Intec und Z der wichtigste Branchentreffpunkt des Jahres für die Metallbearbeitung und Zulieferindustrie in Deutschland. Obwohl wir uns in herausfordernden Zeiten befinden, erhalten wir von zahlreichen Partnern und Ausstellern positive Signale. Das Messeangebot deckt unter anderem die Bereiche Werkzeugmaschinen, Präzisionswerkzeuge, Fertigungsautomation und Robotik, aber auch Industrieelektronik, IT-Anwendungen und spezielle Dienstleistungen wie Oberflächenbearbeitung oder Prototyping für die Industrie ab und vernetzt diese Disziplinen miteinander. Zudem greifen wir in Zeiten des technologischen Wandels Themen auf, die die Fertigung verändern und neu definieren. Dazu gehören die Sonderschauen „Additiv + Hybrid“ und „Sensorik“. Das umfangreiche Angebotsprofil über alle Fertigungsstufen und das Fachprogramm machen Intec und Z zu einer unverzichtbaren Plattform für den Dialog zwischen Anbietern und Anwendern gerade in dieser Zeit.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht der Messeverbund Intec und Z für die Branche?

Intec und Z haben sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Sie haben damit ihre starken Positionen unter den europäischen Industriemessen unterstrichen. Die Intec ist eine der führenden Messen für die Metallbearbeitung Europas. Sowohl global agierende Marktführer als auch kleine und mittelständische Firmen nutzen die internationale Fachmesse für Werkzeugmaschinen, Fertigungs- und Automatisierungstechnik als Marktplatz. Auf der Intec sind die großen deutschen Maschinenbauzentren Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen prominent vertreten. Die Z, internationale Zuliefermesse für Teile, Komponenten, Module und Technologien, zählt zu den wichtigsten europäischen Messen ihrer Branche. Sie zieht Fachleute aus allen deutschen Industrieregionen an, zudem hat sie im Ausland eine große Strahlkraft. Neben dem deutschland- und europaweiten Einzugsgebiet sind vor allem die Industrie Mitteldeutschlands und Sachsens tragende Säulen unseres Messeverbunds. 

Ist das Messeduo Intec und Z zeitlich gut im Messekalender positioniert?

Unser Messedoppel ist mit seinem Termin zu Beginn der ungeraden Jahre seit langem fest im europäischen Messekalender verankert. Derzeit leben wir allerdings in einer Ausnahmesituation, die nicht nur den Messekalender aus den Angeln hebt, sondern sich schon jetzt auf alle Bereiche der Wirtschaft auswirkt. Und der volle Umfang lässt sich momentan noch gar nicht abschätzen. Mit vorsichtigem Optimismus vertrauen wir darauf, dass im Laufe dieses Jahres wieder Planbarkeit in wirtschaftliche Prozesse und Abläufe einzieht. Das wird dann auch die industrielle Produktion mit ihren Lieferketten beleben. In 2021 ist unser etablierter Termin von Intec und Z einmal mehr der richtige Zeitpunkt für den Start in das Messejahr für die metallbearbeitende Industrie und Zulieferbranche in Europa. Die Unternehmen treffen viele Investitionsentscheidungen bereits am Anfang des Jahres. Unser Messeduo ist der ideale Ort, um sich über die neuesten Branchenentwicklungen zu informieren und die Investitionsplanungen voranzutreiben. Deshalb bin ich überzeugt, dass Intec und Z im Messekalender sehr gut positioniert und unsere beiden Messen ein Pflichttermin im nächsten Jahr sind.

Letzte Frage: Was finden Sie persönlich an Messen am spannendsten?

Die Begegnung von Mensch zu Mensch. Auf einer guten Veranstaltung stehen die Besucher und Aussteller unter Strom. Alles ist konzentriert. Die Aufmerksamkeitsspanne ist bei allen enorm hoch. Die Dichte wertiger Kontakte ist besonders für die Managementvertreter auf Aussteller- und Besucherseite unschlagbar. Marken werden auf Messen wie Intec und Z erlebbar gemacht. Kühle Technik erhält durch eine persönliche Präsentation ein Gesicht. Die Corona-Krise zeigt, wie sehr die Geschäftswelt, aber auch jeder Einzelne unter den Kontaktbeschränkungen leidet. Jeder sehnt sich nach sozialer Interaktion – und zwar nicht am Telefon, über soziale Medien oder via Video- oder Telefonkonferenzen. Die Menschen wollen sich vor Ort treffen.

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