Wirtschaft + Unternehmen

Souvenirs, Souvenirs

Ein Jubiläum ist immer Anlass zum Blick zurück. ¿Wie begann unsere Geschichte? Wie sah damals die Zeitschrift aus?¿ So haben wir die alten Bände aus dem Archiv geholt und darin gestöbert. Dabei entdeckten wir, dass SCOPE-Redakteure schon immer eigenwillige Gestalten waren, beobachteten das Auf und Ab der Rocksäume in der Anzeigenwerbung und amüsierten uns über mechanische Telefon-Wählautomaten und Heizplatten für die Hundezucht.

Januar 1961: Mit ¿Ramona¿ führen die Blue Diamonds die deutsche Schlagerparade an, der neu gewählte US-Präsident John F. Kennedy bereitet sich auf den Amtsantritt vor. Am 13. Januar ¿ einem Freitag ¿ erscheint in Darmstadt eine technische Fachzeitschrift neuer Art; so neu, dass sie sich erklären muss:

¿SCOPE-Journal ist eine Zeitschrift für Leute, die keine Zeit haben, lange Artikel zu studieren. Sie bietet aber auch zu der Kurz-Information, die den Leser gerade speziell interessiert, noch die ganz ausführlichen Unterlagen auf denkbar schnelle und bequeme Art: Sie kreuzen auf der Nummernkarte jedes Heftes die Nummer der interessierenden Information an ¿ die Unterlagen besorgt unser Leserdienst kostenlos. SCOPE-Journal sagt Ihnen auch, ¿was los ist¿ ¿ kritisch, nüchtern, hart, eben das, was Sie wissen müssen, bevor Sie für irgend etwas Ihr Geld ausgeben.¿
Die Idee lieferte der englischen Verleger Ryan, der seit den fünfziger Jah- ren die Zeitschrift ¿Scope¿s Factory and Office Service¿ herausgab. In Frankreich folgte ¿Périscope¿ diesem Muster, und mit Verleger Roland Hoppenstedt hatte der Engländer den Partner für den deutschen Markt gefunden.

Eine Frage des Stils
Den Stil von SCOPE prägte der erste Chefredakteur, Carl Hertweck: Schwabe, Physiker, ehemaliger Segelschiffmatrose, Bootsmotorbauer und Motorradfahrer mit ausgeprägter Abneigung gegen Krawatten. Als Schriftleiter der Zeitschriften ¿Mann ¿ Boot ¿ Motor¿ und ¿Das Motorrad¿ hatte er schon früher technische Missstände mit spitzer Feder und klaren Worten aufgezeigt. Er kalkulierte dabei heftige Reaktionen der Industrie ein. ¿Mit einer Zeitschrift Streit anfangen¿ heißt ein Kapitel seines Buches ¿Arbeitsmappe für technische Pressearbeit¿.

Der Erfolg gab Hertweck recht. Die Leser nahmen SCOPE an, und so wurde die Zeitschrift auch zur unverzichtbaren Werbeplattform. Umfasste der Jahrgang 1961 noch 424 Seiten, so waren es 1970 schon 3034 Seiten. 1973 wurden die Themen Automation und Handhabungstechnik ausgegliedert und dafür die eigenständige Zeitschrift handling gegründet. Nach Hertwecks Tod 1970 übernahm Günter Schlieper die Chefredaktion, auch er ein streitbarer Technikjournalist. Edgar Grundler löste ihn 1992 ab. Seit 1994 leitet Dieter Capelle das Blatt.
Die kritische Schreibe speiste sich aus praktischer Erfahrung. So zeichnete ein Redakteur 1961 ungeniert seinen Verbesserungsvorschlag in das Produktfoto einer Wasserpumpenzange, nachdem er sie an der heimischen Wasserleitung ausprobiert hatte. 1971 zerlegten die Kollegen einen VW-Käfer, um zu ergründen, warum er 14,2 Liter pro 100 Kilometer verbrauchte statt 12,7 wie das Vorgängermodell.
Von 1979 bis 1991 lagen SCOPE die ¿Brennpunkte¿ bei. Acht starke Seiten auf starkem gelben Papier, auf denen die Redaktion Themen aufgriff, die in einer technischen Fachzeitschrift nichts zu suchen haben, aber Redakteure und Leser bewegten: Ölkrise und Kabelfernsehen, Facharbeitermangel und Kernkraft. Die vielen Leserbriefe, die teilweise das halbe Heft füllten, bewiesen, wie gut dieses Forum von den Lesern angenommen wurde.

Minimädchen und Maschinen
Auch die Anzeigen-Motive haben sich in den letzten 40 Jahren verändert. Wir staunten nicht schlecht, als wir auffallend oft an den Anzeigenmotiven der Sechziger und Siebziger Gefallen fanden. Schräger, aus heutiger Sicht oft unbeholfen wirkender Humor bestimmte die Anfänge der Werbung in SCOPE. Sei es der nette Herr, der sich an seinem linken Bein mit der Säge vergeht, oder Schrauben, die eine üppig gefüllte Bluse zusammen halten.

Ein anderer Anzeigentrend lässt uns heute im Zeitalter der political correctness entweder entrüstet aufschreien oder verstohlen grinsen: Das sich wandelnde Frauenbild. Frisch lächelnde Teenager mit bravem Pferdeschwanz und Petticoat waren die Hingucker der Sechziger. Die Mini-Mädchen der Siebziger präsentierten sich dagegen aktiv bis wild. Selbst vor großformatige Nackedeis mit dem kaum erkennbaren Produkt in der Hand schreckten damals Werbeleiter nicht zurück. Die tauchten dann auch prompt in einer von der Redaktion herausgegebenen Broschüre über gute Pressearbeit auf ¿ als Negativbeispiel.
In den Achtzigern wurde die Werbung sehr sachlich, sehr produktbezogen ¿ sehr langweilig. Erst in den Neunzigern tauchten wieder mehr Menschen auf. Und im Gefolge der Comedy-Welle Mitte der Neunziger trauen sich Werbeleiter recht flapsige Überschriften zu ¿ blättern Sie mal durch die aktuellen Hefte.

Voll mechanisch
Doch was die Leser am meisten bewegte, waren die Produkte, stets in typischer SCOPE Manier für alle verständlich vorgestellt. Der Schwerpunkt lag anfangs auf der Bürotechnik, in der sich Erstaunliches tat: Mechanische Telefonwähler sollten die Sekretärin entlasten. Die brauchte nicht mehr zeitaufwendig die Wählscheibe drehen, sondern musste nur noch eine Lochkarte in das Zusatzgerät stecken. Auch konnte sie endlich auf eine elektrische Schreibmaschine hoffen, die 1961 ¿unter einem Tausender¿ zu haben war, was nach heutigem Geldwert wohl den Kosten für einen mittleren CAD-Arbeitsplatz entsprechen dürfte. Statt E-Mail nutzte die Vorzimmerdame die Rohrpost, über die sie sich in SCOPE ebenso informieren konnte, wie über die neusten Kaffeemaschinen und die feinen Unterschiede bei Bleistiftspitzern. Der Schwerpunkt verlagerte sich aber bald zur Fertigungstechnik. Spannvorrichtungen, Fräser und Elektromotore bestimmten das Bild ¿ wobei auffällt, wie wenig sich am Aussehen dieser Produkte in den letzten vierzig Jahren geändert hat.

Neben längst aus Büro und Werkstatt Verschwundenem wie feinsten Zirkelkästen und Lötkolben, die ihrem Namen noch alle Ehre machten, findet sich beim Blättern besonders in den Siebziger Jahren so manch Kurioses. Mit Produktberichten über Plumpsklohäuschen aus Holz, Bodenheizplatten für die Hundezucht, Schlauchbooten, Hosenbüglern, Handfeuerwaffen und dem zugehöri-gen schusssicheren Holz bewiesen die SCOPE-Redakteure, dass sie es mit dem polytechnischen Konzept ihrer Zeitschrift ernst meinten.
Doch nicht nur aus den schrillen Produkten der Siebziger spricht der Zeitgeist. Weil die Macher von SCOPE die Produkte stets in einen Kontext stellten, und nie nur technische Daten herunterbeteten, dokumentiert so mancher Produktbericht auch seine Ära: In der Anfangszeit steckte der Krieg noch in den Knochen und Köpfen der Redakteure. So löste ein neuer Stacheldraht eine Idiosynkrasie, eine starke Abneigung also, beim Schreiber und sicher auch beim Leser aus. Eine Großbildkamera wurde als ¿russenpanzerstur¿ charakterisiert. Berichte über Kreiskolbenkompressoren markieren die Wankel-Ära, die Ölkrise macht Energiesparlampen plötzlich zum Thema und im Jahr der Behinderten 1981 finden sich behindertengerechte Drehmaschinen im Heft.

Von Drehbank bis Datenbank
In den Achtzigern hält dann die elektronische Datenverarbeitung ihren Einzug in die Büros und in SCOPE. Der Commodore PET ¿ Sie erinnern sich ¿ wurde als Computer gefeiert, der endlich 80 Zeichen, also Briefbreite, in einer Zeile darstellen konnte. Eine Speichererweiterung von 64 Kilo (!) Byte schrumpfte schließlich auf handliches DIN A 4-Format. Doch die SCOPE-Redakteure, wie ihre Leser noch der Mechanik verhaftet, waren der neuen Technik gegenüber skeptisch: Die Speicherkapazität von Disketten rechneten sie anschaulich in Lochstreifenlänge um und an der Nützlichkeit des Barcodes schieden sich ihre Geister. Manche Skepsis erwies sich allerdings als zeitlos berechtigt. Den Satz: ¿Was nämlich in den Denkfabriken der Computermacher entsteht, hat meistens nur sehr wenig Praxisbezug¿, werden sicher auch heute noch viele von Ihnen unterschreiben.

So zurückhaltend, konservativ sie in EDV-Dingen gewesen sein mochten, so vorausschauend waren die gestandenen Ingenieure, die für SCOPE schrieben, in anderen Dingen: Kaum hatte der Schraubenkompressor ,,sein Lehrbuchdasein verlassen¿, fanden sich die ersten, begeisterten Berichte in SCOPE. Über das heute weit verbreitete Kaschieren von Dokumenten mit Kunststoff, damals Thermofilmen genannt, konnte man schon 1961 lesen. Ebenso wie über die ¿Neuigkeit aus USA¿ Lager und Schrauben mit unter Luftabschluss aushärtenden Klebstoffen zu sichern, obschon das beim Schreiber damals noch eine ¿Ingenieurs-Gänsehaut¿ hervorrief.
In vierzig Jahren werden unsere Leser ohne Zweifel über das lächeln, was heute in SCOPE steht. Manche Produkte werden ihnen unbeholfen erscheinen, andere längst vergessen sein. Und selbst die topmodischste Anzeige von heute wird dann nach Mottenkiste riechen. Doch hoffentlich werden die Leser von morgen das Gefühl haben, dass der eine oder andere verständlich geschriebene, polytechnische Bericht sie und ihr Unternehmen weiter gebracht hat. Dann hatten unsere Vorgänger mit der Idee von SCOPE recht und wir (und unsere Nachfolger) haben unseren Job gut gemacht.


Claus Mayer, Katja Preydel,
Matthias Meier



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