Wirtschaft + Unternehmen
Montiert wird, was auf den Tisch kommt
Die riesige Fertigungshalle ist hell und lichtdurchflutet. Konzentrierte Geschäftigkeit liegt über dem Ganzen. Anderswo ging das locker als gläserne Fabrik oder Manufaktur durch. Doch hier bei Pfeiffer Vacuum in Asslar werden keine Karossen montiert, sondern Präzisionsteile: Turbomolekularpumpen. Die nicht nur optisch an kleine Flugzeugturbinen erinnernden Vakuumpumpen erzeugen mit der entsprechenden Vorpumpe ein Ultrahochvakuum von bis zu bis 10-10 Millibar und werden deshalb vor allem in der Halbleiterindustrie, der Analytik, Forschung und Prozesstechnik geschätzt. Produkte und Kunden also, die höchste Ansprüche stellen. Ansprüche, die nur der Mensch erfüllen kann.
Denn während die Fertigung der Rotoren und Gehäuse vollautomatisch von modernen Bearbeitungszentren übernommen wird, erfolgt die Endmontage der Turbomolekularpumpen nach wie vor von geübter Hand ¿ der Qualität und Flexibilität wegen. Doch Handarbeit in der Montage ist teuer, und wo sie wie hier unumgänglich ist, muss die Fertigungsplanung dafür sorgen, dass die Werker ohne Leerlauf und möglichst produktiv arbeiten können. Für Jürgen Jung, Leiter der neuen Turbopumpenfertigung in Asslar, war klar: Da helfen nur gute Karten und noch bessere Tische.
Spiel mit Karten und Tischen
Die Karten, japanisch Kanban, sind wichtigster Teil der gleichnamigen, produktiven Zettelwirtschaft, die mit ihren selbsttätigen Regelkreisen höchste Flexibilität und kurze Lieferzeiten garantiert. Konsequent umgesetzt, steuert allein die Kundennachfrage über Regelkreise zwischen Zulieferern, Teilefertigung, Vor- und Endmontage die Fertigung.
Doch die Einführung des Kanban-Systems ist sicher nicht allein verantwortlich für die Halbierung der Lieferzeiten, ebenso trägt die Organisation des Arbeitsablaufs bei der Endmontage bei. Und an der ist der Lieferant des Arbeitsplatzsystems, Kind in Marienheide, nicht ganz unbeteiligt ¿ getreu dem Motto nicht einfach nur Tische, Regale und Rollcontainer sondern Systeme und Lösungen zu verkaufen. ¿Biete Lösungen, die den Kunden helfen, ihre Aufgaben besser zu lösen, ¿ hieß das noch etwas holprig, als Otto Kind vor über hundert Jahren damit begann, Ladeneinrichtungen aus Metall zu bauen. Heute fertigen und vertreiben 500 Mitarbeiter weltweit nicht nur modernste Ladeneinrichtungen, sondern auch Werkstatt- und Betriebseinrichtungen. Jüngstes ¿Kind¿ ist das Arbeitsplatzsystem Multi. Ausgangspunkt ist ein elektrisch oder mechanisch höhenverstellbarer Grundaufbau, der sich mit Anbauten, Greifbehältern, Schwenkarmen, verschiedenen Beleuchtungssystemen, Energieführungen, optionaler ESD-Ausstattung und integrierbarem Transfersystem gleichermaßen an die Kundenwünsche und den daran arbeitenden Menschen anpassen lässt. Der modulare Aufbau, aus dem immer neue Kombinationen entstehen, hält die Kosten im Rahmen und sichert dank der Möglichkeit des Umbaus die Investitionen für die Zukunft. Trotz dieser Vielfalt ist ein Arbeitsplatzsystem aus Marienheide weit mehr als das, was im Katalog steht: Eben eine komplette, optimale Lösung.
Rollregale mit Turbo
So ist auch der heutige Arbeitsablauf in der Turbomolekularpumpenfertigung das Resultat der engen Zusammenarbeit zwischen Kunde und Lieferant: Jeder Arbeitstag beginnt für den Werker mit einem Gang zu einem der zentralen Umlaufregale. Dort lagern Zulieferer und Vorfertigung alle entsprechend einer ABC-Analyse als wichtig und hochwertig klassifizierten A-Teile ein. Entsprechend seiner Aufträge und der am Terminalregal abgerufenen Stückliste entnimmt der Werker die benötigten Teile und legt sie auf ein fahrbares Regal mit schrägen Böden. Nun sucht er sich einen freien Arbeitsplatz und schiebt das Regal von der Rückseite dagegen. Werkzeuge und Persönliches folgen in seinem privaten Rollcontainer auf dem Fuß. Am Arbeitsplatz findet er die benötigten C-Teile, also Kleinteile und weniger wichtige Teile, in Schwenkarmen und Greifkästen. Die Montage ist auf drei halbkreisförmig angeordnete Tische verteilt: Vormontage mit Entnahme der Teile aus dem Rollregal, Endmontage unter einer Reinstlufthaube und Qualitätskontrolle auf dem Prüfstand. Pumpe und Werker wandern dabei von Tisch zu Tisch.
Was sich einfach und logisch anhört, war nicht von Anfang an so. Dazu Fertigungsleiter Jung: ¿Klar war, dass wir von der bisherigen verrichtungsorientierten Montage der Turbopumpen auf eine objektorientierte umstellen wollten, um die Arbeit abwechslungsreicher und anspruchsvoller zu gestalten.¿ Dazu waren in gewohnter Manier Fertigungsinseln mit langen, geraden Tischen und festen Regalen geplant. Doch das war Bernd Müller, Bereichsleiter Arbeitsplatzsysteme bei Kind und Leiter des Projekts, nicht genug: ¿Wir versuchen nicht gleich auf die Wünsche des Kunden einzugehen, sondern filtern die Grundidee heraus und hinterfragen diese unter dem Gesichtspunkt von Ergonomie und Arbeitsplatzgestaltung. Anschließend erarbeiten wir gemeinsam unter Ausnutzung des kompletten Baukastens unseres Arbeitsplatzsystems Multi eine ebenso kostengünstige wie leistungsfähige Lösung.¿ In diesem Fall bekam das Regal für die zu montierenden Teile erst einmal Rollen und wurde damit gleichzeitig zum Transportwagen zwischen Umlaufregal und Arbeitsplatz. Ein einziger kritischer Blick sparte hier täglich mehrere Umladevorgänge. Fest an der Tischrückseite angedachte Greifbehälter für die Kleinteile verschwanden und machten frei drehbaren Schwenkarmen Platz, die mit einem Handgriff mitwandern, wenn Werker und Pumpe zum nächsten Tisch weiterrücken. Höhenverstellbare Tische für den gesunden Wechsel zwischen stehender und sitzender Tätigkeit gehören dagegen schon fast zum ergonomischen Standardprogramm.
Von der Kurve zur Insel
Seinen Stempel als aktiver Partner des Kunden drückte Müller der Turbopumpenmontage endgültig dadurch auf, dass er den geplanten langen Montagetisch in drei winklig zueinander angeordnete Einzeltische zerteilte. Das verkürzt nicht nur die Wege beim Wechseln von Tisch zu Tisch. Die halbkreisförmigen Arbeitsplätze ermöglichen nun den Platz sparenden Aufbau von wabenförmigen Montageinseln aus acht Arbeitsplätzen mit jeweils drei Tischen, die ihrem Namen alle Ehre machen: Von außen docken die ¿Materialtransporte¿ wie Schiffe an und innen spielt sich das Montageleben ab. Durch die Aufgliederung der Montageplätze und ihre spiegelbildliche Anordnung kann zudem in Spitzenzeiten ein zusätzlicher Werker für zwei Arbeitsplätze die Vormontage der Pumpen übernehmen und seinen Kollegen links und rechts zuarbeiten.
Wer wie die Arbeitsplatzspezialisten Vor-Schläge austeilt, muss auch einstecken können. Weil auch das schönste CAD-Layout nicht alles zeigt, kam aus Marienheide erst einmal ein Prototyp des dreiteiligen Arbeitsplatzes, an dem vier Wochen lang unter Produktionsbedingungen montiert wurde. Jetzt waren die Werker am Zug, die jedoch nur wenig am ursprünglichen Design auszusetzen hatten. ¿Die Größe der Tischplatte wurde korrigiert, eine zusätzliche Spotleuchte angebracht und die Böden des fahrbaren Regals leicht angewinkelt, um das Heranziehen der Einzelteile zu erleichtern,¿ erinnert sich Jung, ¿das war alles.¿ Die Anpassung? Kein Problem: ¿Unser hochmodulares Arbeitsplatzsystem erlaubt es uns, individuell auf den Kunden einzugehen. Und das ohne Kompromisse eingehen oder gar auf teure Sonderteile zurückgreifen zu müssen,¿ erklärt Müller, der sich die Anregungen von Jung und seiner Mannschaft in vielen Gesprächen geduldig angehört und prompt umgesetzt hat. Manchmal schon mit einem einfachen Inbusschlüssel. Der musste übrigens in Asslar kaum noch geschwungen werden, als die endgültige Entscheidung gefallen war. Die 60 Tische waren dank weitgehender Vormontage in zwei Tagen aufgestellt.
¿Gerade die intensive Betreuung hat uns sehr beeindruckt,¿ resümiert Jung, ¿mit einem kompetenten Partner konnten wir die ursprüngliche Idee sinnvoll weiterentwickeln und dieses Konzept ohne Abstriche umsetzen.¿ So denken die beiden schon heute über die weitere Umgestaltung der Fertigung nach. Und wie immer hört Müller den Wünschen seines Kunden aufmerksam zu. Das typische ¿ja aber¿, das sicher auch diesmal zur besten Lösung führen wird, liegt ihm aber schon sichtbar auf den Lippen.
Matthias Meier
Links: http://www.kind-ag.de








